Süddeutsche Zeitung

"Sexchange" auf ZDF neo:Zwischen Bizeps und Hüftschwung

In der ZDF-neo-Serie "Sexchange" tauschen zwei Frauen und drei Männer für eine Woche das Geschlecht. Das Experiment will mit Klischees aufräumen, doch im Fernsehen ist das schwer. Denn Schablonendenken gehört zum Prinzip.

Von Josa Mania-Schlegel

Keine Sorge, niemand musste sich für "Sexchange" einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Um die Seite zu wechseln, werden fünf Probanden lediglich mit typischen Merkmalen des anderen Geschlechts ausstaffiert: Männer tragen Nagellack und Make-Up, Frauen werden Bierplauzen angeschnallt. Zwei Trainer für Körpersprache und Stimme helfen, die Verwandlung fast perfekt zu machen.

Dann müssen die Kandidaten Situationen meistern, in welchen das neue Gewand auf die Probe gestellt wird: Eine Frau arbeitet, verkleidet als Mann, in einer Autowerkstatt. Ein Mann muss sich, zur weiblichen Teilnehmerin umgestylt, im Zumbakurs beweisen. Danach analysiert Gender-Expertin Marie-Luise Angerer von der Kunsthochschule Köln, die Prüfungen gemeinsam mit den Kandidaten.

Den Anfang machte am Montag Grafikdesignerin Alexis. Sie wolle das Leben einmal ohne "Tittenbonus" erleben. Deshalb stopften ihr Kostümbildner den Bauch aus, bis die D-Körbchen wie Männerbusen wirkten.

Alexis hieß jetzt Ryan, der in einer Autowerkstatt schraubt und schweißt. In der Mittagspause sagt er seinen Kollegen die Wahrheit. Als Beweis: Sexy Selfies von Alexis auf dem Handy. Die Schrauber grinsen: "Kannst gern mal zum Grillen vorbeikommen." Und so funktionieren auch die übrigen Episoden, die noch bis Freitag laufen. Verkleidung — Prüfung — Outing — Analyse.

Den fünf Kandidaten, mit traditionellen Vorstellungen, sollen Vorurteile exemplarisch vor Augen geführt werden. In ihren Prüfungen werden sie dafür mit klassischen Klischees konfrontiert.

Die scheinbar gängigen Gleichungen Mann = Auto oder Frau = Zumba werden ihnen wie Fallen gelegt, die in Form von Angerers pädagogischer Expertise zuschnappen.

Fouls und ihre Ahndung

Als Michael zugibt, sich beim Zumba extra tollpatschig angestellt zu haben, um weiblicher zu wirken, geht die Professorin in die Offensive: "Jetzt sehen Sie mal, was das für Zuschreibungen sind, die wir da permanent trainieren." Die Probanden begehen Fouls, Angerer ahndet diese — der Dialog gehört zum Prinzip der Sendung.

Allerdings tut einem Angerer manchmal leid, weil sie ziemlich alleine dasteht — nicht nur gegenüber den Kandidaten. Auch die Redaktion der Sendung hat sich nicht immer mit der Expertin abgestimmt. Das führt zu Missverständnissen, gerade im Fach Gender Studies, wo schon kleine Definitionsunterschiede viel zählen.

Als die Ryan-gewordene Alexis, ganz in ihrer Rolle als Mann, einen Stripclub besucht, erklärt eine Stimme: "Tatsächlich sind Blicke geschlechtlich kodiert — der männliche Blick: sehr direkt, der weibliche: oft ausweichend." Nur wenige Momente später widerspricht Expertin Angerer: "Es gibt sehr wohl eine weibliche Schaulust."

Während sich Angerer also abmüht, den Stand der Generforschung in fernsehtaugliche Sätze einzupassen und Klischees zu durchleuchten, bedient sich "Sexchange" an diesen, reproduziert sie sogar.

Make-Up tragen Frauen, Plauze haben Männer — solche Unterscheidungen hinterfragt das Experiment nicht, sondern übernimmt sie als natürliche Annahmen in seinen Versuchsaufbau. Vielleicht, weil es eben auch witzig ist, wenn sich Kung-Fu-Meister Michael als tuntig-tollpatschige Tänzerin aufführt — hier lachen Fans von Filmen wie "Traumschiff Surprise". Aber wäre das wirklich nötig gewesen? Vielleicht passt die Idee der Sendung einfach nicht in den Flimmerkasten, der seine Zuschauer sonst recht eindeutig in Männer und Frauen einteilt, in der Werbung zum Beispiel.

"Sexchange" wird von bewährten Fernsehprinzipien umrahmt, die vom Auftrag der Sendung ablenken. Wenn, wie in "Germany's Next Topmodel" spekuliert wird, welcher Kandidat als nächstes hinschmeißt. Oder, wie im "Dschungelcamp", die Kandidaten beim WG-Alltag gezeigt werden.

Das Verkleidungsprinzip der Show dürften zudem andere Genderforscher zumindest problematisch finden. Sie haben sogar einen Begriff dafür: "Gender Appropriation". Das dominante Geschlecht nimmt die Formen des unterdrückten an und glaubt dann nachfühlen zu können: aha, so schlimm ist das. Für viele ein Trugschluss, weil Hüllen keine echten Probleme simulieren. Und weil allein der Entwurf vermeintlich typisch weiblicher Situationen (Zumba) und Merkmalen (Nagellack) sexistischen Vorurteilen zur Darstellung verhilft.

Genau wie in "Sexchange", das viel zu viel Anlauf nimmt, um Rollenklischees zu widerlegen. Dabei verfängt sich die Sendung, zugunsten einiger witziger Szenen, in denen Männer Zumba tanzen und Frauen Stripclubs besuchen, in der sexistischen Logik, die sie eigentlich widerlegen wollte.

Immer weniger völlig weiblich oder völlig männlich

Die Sendung verwendet mehr Mühe darauf, die alten Rollenklischees nachzuspielen, als sie zu bekämpfen. Frauen haben weder Schaulust, noch schrauben sie an Autos, will man uns sagen. Aber ist das wirklich so? In Hamburg und Paris eröffnen gezielt weiblich geführte Werkstätten. Speziell für Frauen produzierte Pornos sind ein aktuell debattiertes Thema.

Zum Glück gelingt es den Kandidaten am Ende, das Prinzip ihrer Sendung aus eigener Kraft zu überwinden. Ganz am Schluss, so scheint es, sind die Klischees besiegt und die Kandidaten nehmen in ihren Rollen immer weniger völlig weibliche oder völlig männliche Verhaltensmuster an.

Am schönsten sind die Momente der Auflösung am Ende der Prüfung, wenn die Kandidaten ihren Gegenübern beichten, eigentlich verkleidet zu sein. Dann ist "Sexchange" am Ziel, weil die Kandidaten einen Zwischenzustand erreichen, der plötzlich alle Zuschreibungen und Klischees wegfallen lässt.

Schade, dass es nicht schon bei der Verkleidung darum geht, die Kandidaten geschlechtsneutral zu zeigen. Anstelle eines Travestien-Best-Of hätte das noch tiefere Fragen aufgeworfen, über die Distanz zwischen Bizeps und Hüftschwung hinaus: Wie reagieren Personen, wenn das Geschlecht des Gegenübers nicht als Einordnungshilfe zur Verfügung steht? Und: Lebt es sich so besser oder schlechter als in der männlichen oder weiblichen Haut? Darauf hat "Sexchange" keine Antwort.

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