Süddeutsche Zeitung

Neue Netflix-Serie:Von der Ausweiskontrolleurin zur Selfmade-Millionärin

Lesezeit: 2 min

Sophia Amoruso war arm und brauchte Geld. Sie handelte im Internet, wurde Millionärin, schrieb ein Buch darüber. Ein Stoff, wie gemacht für das Fernsehen. Oder?

Von Karoline Meta Beisel

Die unwahrscheinliche Karriere von Sophia Amoruso beginnt im Jahr 2006 mit einem Leistenbruch. Die Amerikanerin, damals 22 Jahre alt, muss dringend zum Arzt, hat aber weder Geld noch eine Krankenversicherung. Der Job, den sie deswegen annimmt - Ausweiskontrolleurin an der Kunsthochschule - ist fad, den ganzen Tag surft sie deshalb im Netz. Sie beginnt, altes Zeug aus dem Secondhand-Laden auf Ebay teuer weiterzuverkaufen. Zehn Jahre später landet Amoruso mit ihrer Online-Boutique Nasty Gal und einem geschätzten Vermögen von 280 Millionen Dollar auf Forbes' Liste der reichsten Selfmade-Millionärinnen der USA, noch vor den Popstars Taylor Swift oder Beyoncé. Eine irre Geschichte, kein Wunder, dass Netflix ihr Buch #Girlboss nun als Serie adaptiert hat.

Jemand macht was im Internet - ist das auch aufregend im Film?

Nur macht eine gute Geschichte allein noch keine gute Serie, zumal es nicht besonders aufregend ist, jemandem zuzusehen, der vor einem Laptop sitzt und irgendwas im Internet macht. Regisseur David Fincher löste dieses Problem bei seinem Facebook-Film The Social Network, indem er sich auf den Konflikt zwischen den Mitarbeitern des Netzwerks konzentrierte. Amoruso aber hatte keine Mitstreiter, jedenfalls nicht in jener Phase ihrer Karriere, von der Girlboss erzählt. Der Deutsche Christian Ditter, der bei fünf der 13 halbstündigen Episoden Regie führte, setzt darum auf allerlei Drumrum-Konflikte: mit fast allen - der besten Freundin, mit Kunden, dem Vater, dem Lebensgefährten, vor allem aber setzt er auf die Hauptdarstellerin Britt Robertson.

Der aber gibt das auf Komödie getrimmte Drehbuch von Kay Cannon ( 30 Rock, Pitch Perfect) allerlei überdrehten Blödsinn auf: Ganz zu Beginn bleibt Sophias Auto auf einer der steilen Straßen von San Francisco liegen, hinten hupt das Cable Car, und Sophia versucht, mit fast schon cartoonhaft verzogener Grimasse das Auto hoch zur nächsten Tankstelle zu schieben. An einer anderen Stelle besichtigt sie mit dem miesepetrigen Vermieter neue Geschäftsräume - und fängt ob deren Größe zu tanzen an und laut "500 Miles" von den Proclaimers zu singen.

Das ist schade, denn die Geschichte hat diesen Firlefanz nicht nötig. Das wird in ruhigeren Episoden deutlich wie in jener, in der eine neurotische Ebay-Konkurrentin (toll: Melanie Lynskey) anreist, um Sophia die Meinung zu geigen, weil die seltene Vintagestücke oft auf Minirock-Länge kürzt - im Laufe der Folge wird sie beinahe zu einer Freundin.

Die erste Staffel von Girlboss endet mit der Gründung von Nasty Gal, ob Netflix auch eine zweite in Auftrag gibt, ist ungewiss. Die Karriere von Sophia Amoruso jedenfalls böte noch mehr als genug Stoff: Ein halbes Jahr nach Amorusos Ehrung durch Forbes musste Nasty Gal Insolvenz anmelden, die Firma wurde durch einen britischen Konzern geschluckt. Vielleicht wird am Ende aus Girlboss ja doch noch ein Drama.

Girlboss , auf Netflix.

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Quelle:
SZ vom 24.04.2017
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