Süddeutsche Zeitung

"Ku'damm 63" im ZDF:Der Himmel voller Drama-Geigen

Mit der neuen Staffel "Ku'damm 63" hat die ZDF-Serie rund um die Schöllack-Frauen ihre Leichtigkeit endgültig verloren.

Von Julia Meidinger

Weniger Rock 'n' Roll, mehr Drama. Darauf läuft die neue Staffel von Ku'damm hinaus, es deutet sich bereits in der ersten Folge an. Ein Paar feiert Silvester in einem Klub, goldene Konfetti rieseln auf sein schwarzes Haar und ihren blonden Lockenkopf, er beugt sich zu ihr herunter, tanzend küssen sie sich. Geigen und Klavier, sich umarmende Menschen in Zeitlupe, man ahnt: Dieses Glück hält nicht bis zum nächsten Morgen. Zwei Filmminuten später stürzt Joachim, der Mann aus der vorherigen Szene, daheim ins Badezimmer. Seine Frau sitzt mit zitternden Beinen auf der Klobrille, ihre Hand ist voll Blut. Diese Szene setzt den Ton für die dritte "Ku'damm"-Staffel: Monika (Sonja Gerhardt), inzwischen die Hauptfigur der Serie, erwartete ein Kind von ihrer großen Liebe Joachim. Sie hat eine Fehlgeburt, er verkraftet den Verlust nicht.

Tanz und Gesang waren stets auch ein Akt der Rebellion in Ku'damm, der Saga um den Frauenhaushalt der Berliner Tanzschule Schöllack, mit der strengen Mutter und den drei Töchtern, die auf unterschiedliche Weise ausbrechen oder eben nicht. Diesmal hat der Tanz seine Kraft verloren. Monika, die früher mit Petticoat und Pferdeschwanz die Rock 'n' Roll-Szene aufmischte, verarbeitet ihren Kummer in einem Lied, der Refrain klingt selbst für die Sechzigerjahre wie ein schlechter Schlager: "Und wenn ich in den Spiegel schau', dann seh' ich eine starke Frau, mit erhobenem Haupt und aufrechtem Gang geh' ich meinen Weg entlang." Ihre Schwester Helga tanzt sich derweil ins Bett des feurigen Tangolehrers, dazu ertönt aus dem Plattenspieler wieder nur dramatische Geigenmusik.

Nur Mutter Schöllack tanzt ganz allein zu "Twist and Shout"

Ganz ist die Gesellschaftskritik in Ku'damm 63 nicht verschwunden: Antisemitismus, Rassismus und Homophobie, der Muff im Nachkriegsdeutschland. Aber die zeithistorischen Bezüge wirken zu oft gewollt. Einmal lädt die nie ganz entnazifizierte Tanzschulen-Mutter Caterina Schöllack die berühmte deutsche Sängerin Hannelore Lay zum Abendessen ein. Doch bevor sie den Nachtisch "Pfirsich Melba" genießen können, eröffnet die Matriarchin das Feuer: Sie habe es sehr bedauert, als Frau Lay vor Kriegsbeginn nach Amerika ausgewandert sei. Lay entgegnet, dass sie nicht für Goebbels singen wollte. Die Schöllack faucht: "Ich schäme mich für Sie." Der Zuschauer fragt sich, was eine Diva mit dem Format einer Marlene Dietrich ausgerechnet im Schöllack'schen Esszimmer sucht.

Für Auflockerung sorgt dann doch immer wieder Caterina Schöllack, brillant gespielt von Claudia Michelsen. Mit geschürzten Lippenstift-Lippen und zusammengekniffenen Augen verfolgt sie die Emanzipationsversuche ihrer Töchter mit der alten Erbarmungslosigkeit. Große Momente gibt es, wenn sie einen Blick hinter die kontrollierte Fassade gewährt. Dann kippt die Tanzschul-Besitzerin ein Glas Frauengold nach dem anderen, walzt mit schwarzem Hut und Federfächer zu Caterina Valente durch ihre Wohnung und reibt ihr Bein zu "Twist and Shout" am Türrahmen. In der neuen Folge aber stoßen die Figuren zunehmend auf Probleme und Hindernisse, gegen die sie nicht mehr einfach wie früher antanzen können.

Ku'damm 63, ZDF, drei Teile, Teil 2 am Montag, 20.15 Uhr, Teil 3 am Mittwoch, 20.15 Uhr. Alle Folgen und die vorherigen Staffeln in der ZDF-Mediathek.

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