Süddeutsche Zeitung

"Hart aber fair" zu Schönheitschirurgie:"Ich guck morgens einfach ohne Brille in den Spiegel"

Bei "Hart aber fair" plaudern selbstbewusste Gäste über einen neuen Schönheitswahn - und über sich selbst. Der Moderator scheint hingegen fehl am Platz zu sein.

TV-Kritik von Nora Voit

Greta Thunberg beklagt beim Klimagipfel in New York die Zerstörung unserer Umwelt, bei "Hart aber fair" plaudert dafür Natascha Ochsenknecht über "Vampir-Lifting" mit Eigenblut. Und weil das Thema so offensichtlich zum falschen Zeitpunkt gesendet wird, dass Zuschauer schon vor Beginn der Ausstrahlung die Wutkeule schwingen ("Die Wirtschaft geht den Bach langsam runter und hier soll über Schönheit diskutiert werden?"), sollen für den Einstieg der Sendung Zahlen helfen: Über 900 000 Schönheitsoperationen gab es bisher in diesem Jahr, dreißig Prozent mehr als im Vorjahr.

Gefolgt von einer Straßenumfrage, wohl zur Untermauerung, dass echte Menschen betroffen sind. "Sie bekommen eine Schönheitsoperation geschenkt. Was lassen Sie machen?", fragt eine Reporterin. Bauch, Lachfalten, Oberschenkel, Nase, kommt es wie es der Pistole geschossen. "Den Pimmel", poltert ein älterer Mann ins Mikrofon. Und damit zurück ins Studio.

Als einer der Gäste geladen ist Karl Lauterbach, Bundestagsabgeordneter, Gesundheitsexperte und Bewerber für den SPD-Vorsitz, um Frank Plasberg zumindest für die ersten Minuten der Sendung mit dem Titel: "Neue Nase, neues Leben - wie gefährlich ist der Boom bei Schönheits-Operationen?" das Gefühl zu geben, eine Polit-Runde und nicht einen Nachmittags-Talk zu moderieren. Lauterbach hat allerdings noch nicht einmal sein flammendes Plädoyer für ein Verbot von Schönheitsoperationen an Kindern und Jugendlichen gehalten, da geht es schon um die Schicksale der anderen Gäste: Designerin Natascha Ochsenknecht, Schönheitschirurg Werner Mang, Influencerin Louisa Dellert und Teleshopping-Prinz Harald Glööckler.

Glööckler, der eigentlich Glöckler heißt, nutzt die wenig subtilen Anspielungen auf sein Aussehen dafür, seine Lebensgeschichte auszubreiten. Und so erzählt er von seiner traumatischen Kindheit; davon, wie er schon als kleiner Junge entschieden hat, anders zu sein als sein tyrannischer Vater, und davon, wie er alle Frauen zu Prinzessin machen wollte. "Ich habe einen kompletten neuen Menschen erfunden", resümiert Glöckler über Glööckler.

Für Plasberg scheint die Selbstverständlichkeit, mit der sein Gegenüber über Botox und die Vergänglichkeit des eigenen Spiegelbildes spricht, schwer begreifbar zu sein. Er konfrontiert ihn noch mit Vorher-Nachher-Fotos und fast schon unsensiblen Nachfragen.

Uneitel sind in dieser Sendung vor allem die Frauen. Designerin Ochsenknecht, die sich immer wieder Sprüche zu ihrem Alter gefallen lassen muss, kontert: "Ich guck morgens einfach ohne Brille in den Spiegel, dann geht's." Influencerin Louisa Dellert findet offene Worte: Bevor sich die 29-Jährige mit ihrem Körper wohlgefühlt habe, postete sie im Optimierungswahn Fitness-Fotos auf Instagram und wog zuletzt 46 Kilogramm. Nach einer Herzkrankheit stellte sie alles auf den Kopf und kämpft seitdem mit ungeschönten Fotos von Cellulite-Dellen und Hüftspeck für ein gesundes Körperbild. Ein bisschen zu wenig Sexyness, befindet Moderator Plasberg, den brennend interessiert, mit welchem Körper sie denn nun mehr Geld verdient habe.

Eine Frage bleibt offen: Die, wie man mit den Millionen verzerrten Selbstbildnissen durch Social Media und ganzkörpermodellierte Teenie-Idole umgehen soll. Ochsenknecht rät zur Erziehung zur selbstbewussten Frau, während Schönheitschirurg Mang "vernünftige Schönheitschirurgie" völlig legitim findet. Was er darunter versteht? Patientinnen mit einer "Riesenhöckerlangase" oder solche, die eine "Reithose von der Omma geerbt haben" zu operieren.

Schließlich moderiert der Schönheitschirurg den Abend mit einem Satz vorzeitig ab: "Ich hoffe, dass Herr Lauterbach auch mit der Hakennase Vorsitzender der SPD wird."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4613251
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/lalse/gal
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.