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Finale von "Voice of Germany":Wenn der Glanz verblasst

Aufgekratzte Stimmung und goldenes Konfetti: Die Castingshow "The Voice of Germany" feierte sich im Finale mit Gewinner Nick Howard ausgiebig. Fragt sich nur, wie viele Popstars die Sendung noch hervorbringt - ist doch wahrscheinlich, dass diese Art der Bühnenrekrutierung ihrem Ende entgegen blickt.

Das zweite Album nach dem Erfolgsdebüt ist immer das schwierigste. Es entlarvt schonungslos Schwächen, muss bestehenden Ansprüchen gerecht werden und trennt die Eintagsfliege vom Elefanten. Das ist nicht nur bei Rock- und Popstars so, das gilt im übertragenen Sinne auch für die Maschinerie, die diese emporbringen will. Insofern endete die zweite Staffel der Castingsendung The Voice Of Germany unter einem ihr zwar wohl gesonnenen, aber völlig anderen Stern. Denn es ist der zweite Aufguss einer bislang erfolgreichen Sendung. Das Konzept ist nun bekannt, jetzt beginnt die Entzauberung.

Etwa vor einem Jahr war die Deutschland-Ausgabe der John-de-Mol-Show The Voice zum ersten Mal im deutschen TV gelaufen. Sie setzte einen Kontrapunkt zu den bisher gängigen Musik-Castingshows: mit vier Juroren, die selbst Künstler sind und die innerhalb der Sendung außerdem die Funktion von Mentoren einnehmen.

Es sollte um Musik gehen, nicht um das Bloßstellen der Sänger. Die Jury, bestehend aus Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey und dem Country-Duo The BossHoss, erklärte Respekt zur ersten Priorität im Umgang mit den Kandidaten. Die wiederum waren zum größten Teil schon bühnenerfahrene Sänger und Musiker. Das Konzept ging auf. The Voice Of Germany war im zu Ende gehenden Jahr 2012 der große Fernsehshow-Abräumer bei den gängigen Preisvergaben, gewann die Goldene Kamera und den deutschen Fernsehpreis. Wer war noch mal Dieter Bohlen? Und wer Detlef D! Soost?

Am Ende regnete es goldfarbenes Konfetti

Am Freitagabend ist nun die zweite Staffel, die Mitte Oktober gestartet war, mit einem großen Live-Finale in Berlin zu Ende gegangen. Die Jury hatte sich feierlich in schwarze Anzüge geworfen, die Stimmung war aufgekratzt und am Ende regnete goldfarbenes Konfetti auf den Sieger der gut dreistündigen Show nieder: Nick Howard, einen 30-jährigen Musiker aus dem südenglischen Brighton, der von Rea Garvey gecoacht wurde.

Zu Recht hatte er sich mit seinem selbst komponierten Lied "Unbreakable" gegen die Silbermond-taugliche Nummer "Heimweh" von Isabell Schmidt durchgesetzt. Auf Platz drei landete der Xavier Naidoo-Schützling Michael Lane und auf den letzten Platz wurde das Gewinner-Team des letzten Jahres verwiesen: James Borges aus der BossHoss-Mannschaft.

Fast schon berührend war es zu sehen, wie die Jurymitglieder und Mentoren mit ihren Kandidaten mitfieberten; ähnlich einer zweiten Abordnung der im Publikum sitzenden Eltern. "Die sind alle in ihrer Kraft" hatte Nena zuvor mütterlich über ihre Kandidaten geweissagt. Später versuchte sie sich als Bühnen-Boost ihrer Kandidatin und es grenzte an ein Wunder, dass sie beim gemeinsamen Auftritt Isabell Schmidt nicht gänzlich auf die Schultern sprang oder umrempelte.

Das Gesicht voller Anspannung verfolgte das sonst entweder in Jeanshemd oder Muscle-Shirt gekleidete Duo The BossHoss den Auftritt "ihres" James Borges, der seinen Einstieg in das Duett mit Nelly Furtado versiebte. Nur langsam gelang es Borges, sich gesanglich neben dem Weltstar Furtado zu platzieren.

Die Bühnenrekrutierung wurde zur Genüge ausgelotet

Der Moment entlarvte eine Schwachstelle der Castingshow. Denn jeder der vier Kandidaten hatte in einem der drei vorgeschriebenen Songs ein Duett mit einem professionellen Musikstar abzuliefern. Die Britin Leona Lewis teilte ihren Hit "Trouble" mit dem deutsch-amerikanischen Kandidaten Michael Lane, die erst 16-jährige Künstlerin Birdy sang ihr Lied "People Help The People" mit der 23-jährigen Isabelle Schmidt aus Greifswald und der spätere The Voice-Gewinner Nick Howard performte gemeinsam mit der Sängerin Emeli Sandé ihren Chartstürmer "Read All About It". Als besonderer Act des Abends war zudem Robbie Williams zu Gast, der eingangs ebenfalls mit allen vier Finalisten der Staffel sein Lied "Candy" live - und leider etwas schräg - sang sowie im Anschluss noch einen eigenen Auftritt bekam.

Für die Einschaltquoten von Sat1 mag die musikalische Promidichte an diesem Abend gut gewesen sein, dem System Castingshow war sie weniger zuträglich. Denn im direkten Vergleich verwiesen die arrivierten Künstler der Branche die Kandidaten zum großen Teil zurück auf ihre Plätze. Bis auf den Gewinner Nick Howard sahen die The Voice-Finalisten neben den großen Stars etwas blutleer aus. An ihrer Bühnenpräsenz und Ausstrahlung werden sie noch arbeiten müssen, wenn sie einmal erfolgreich werden möchten.

Es bleibt nun mal so: Eine gute Stimme macht noch keinen Pop- oder Rockstar. Insofern halfen auch die während der Show so oft ausgerufenen Wortmeldungen vom Typ "sehr geil" oder "es ist mir so eine große Ehre" nicht. Ein bisschen mehr Kritik und weniger floskelhafte Nettigkeiten hätten der Show gut getan.

Bislang steht eine echte Erfolgsstory noch aus

Eine Entdeckung der zweiten Staffel war hingegen der Moderator Thore Schölermann, der Stefan Gödde nach der ersten Staffel von The Voice Of Germany abgelöst hatte. Zugegeben: Schölermanns Fragetechniken sind nicht besonders ausgefeilt und manchmal schaut er an der Kamera vorbei. Dennoch überzeugt der 28-Jährige, der bislang als Darsteller in der ARD-Vorabendsoap "Verbotene Liebe" bekannt war, durch sein unverbrauchtes Gesicht, Witz und das gänzliche Fehlen von Profilierungsversuchen.

Fragt sich nur, wie lange er noch Gelegenheit haben wird, The Voice Of Germany zu präsentieren. Nicht, weil die Sendung zu schlecht wäre, sondern weil es wahrscheinlich ist, dass diese Art von Bühnenrekrutierung ihrem Ende entgegen blickt. Weil sie mittlerweile zur Genüge ausgelotet wurde. Weil es zum größten Teil der Show doch nur um Werbung geht und darum, ein neues Auto zu gewinnen. Und weil jedes Mal mitfiebern mit den Kandidaten das Fieber langfristig senkt.

Das Publikum weiß nun, dass Castingshows auch Menschen bekannt machen können, die begabt sind, eine gute Stimme haben und selbst Musik machen. Doch damit ebbt auch die erste Begeisterung irgendwann ab. Und es zeigt sich, dass das, worum es geht, ein alter Hut ist: auf der Bühne stehen, gut sein, berühmt werden, Geld damit verdienen, Haltung bewahren. Bislang steht eine solche Erfolgsstory noch aus. Noch hat keine deutsche Castingshow einen dauerhaft erfolgreichen Star hervorgebracht.

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