Süddeutsche Zeitung

Film über Jimmy Carter:Und abends die Bibel

Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer") hat einen Film über Jimmy Carter gemacht. Er zeigt offen Sympathie für den Israel-Kritiker Carter - und verrät rührende Details aus dessen Ehe.

Vor fünf Jahren veröffentlichte Jimmy Carter sein Buch Palestine - Peace not Apartheid. Der frühere Präsident Amerikas - 1977 bis 1981, er war der 39. - und Friedensnobelpreisträger (2002) erhielt dafür nicht nur Lob, sondern auch Widerspruch. Carter kritisiert Israel im Konflikt mit den Palästinensern. In Jimmy Carter - Der Mann aus Georgia begleitet ihn der Regisseur Jonathan Demme von 2006 bis Anfang 2007 auf Lesereise. Seine Dokumentation wird erstmals im deutschen Fernsehen gezeigt.

Monatelang tourt Carter durch Amerika. Er ist Gast bei Larry King, in The Situation Room von Wolf Blitzer, bei Al-Dschasira und in der Tonight Show von Jay Leno. Immer geht es darum, Stellung zu beziehen. Allein wegen seines provokanten Titels hat das Buch in den USA eine kontroverse Diskussion ausgelöst.

Oscar-Gewinner Demme (Das Schweigen der Lämmer) mag Carter, das wird schnell deutlich. Sympathie ist seine Grundhaltung. Aus ihr heraus erzählt er auch die Geschichte, dass sich Carter und seine Frau jeden Abend aus der Bibel vorlesen. An einem Tag er, am anderen sie. Ist er unterwegs, lesen beide, sie sind seit 60 Jahren verheiratet, die gleiche Passage. So bleiben sie im Gleichschritt.

Gleichzeitig zeigt Demme einen engagierten und rhetorisch sehr begabten Menschen. Ein zögerndes "Äh" ist von Carter kaum zu vernehmen. Er ist inzwischen 86 Jahre alt, doch unablässig versucht er, seine Standpunkte klarzumachen - beim letzten Interview mit der gleichen Nachdrücklichkeit wie beim ersten: Israel müsse sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen, damit Frieden möglich sei.

Demonstranten strecken ihm dafür Schilder mit Aufschriften wie "Hey Carter, get smarter" oder "Carter loves Terrorists" entgegen. Es ist ein Frage-Antwort-Marathon, selbst im Auto führt er Gespräche. Im Auto finden die meisten Gespräche mit Demme statt. Man gewöhnt sich an den fahrenden Salon und seine Geräusche.

Durch die Rückschau auf Carters Karriere - man sieht etwa Camp David, Carter hatte dort zwischen Israel und Ägypten vermittelte - wird die Dokumentation formal beruhigt. Andererseits wird die Gegenwart im Nahen Osten thematisiert. Man sieht große Bagger, die anrücken für den Bau der Mauer um die Palästinensergebiete. Sie räumen ohne Rücksicht alles beiseite - auch Menschen, die noch auf den Trümmern stehen, um ihr Hab und Gut zu verteidigen. Und man sieht Bilder von Selbstmordattentaten in Jerusalem, von Verletzten, Verzweifelten.

Eine der wichtigsten Interview-Szenen ist im hinteren Drittel der Doku zu finden. Carter trifft auf einen israelischen Journalisten, der sich durch das, was Carter so sagt, angegriffen fühlt. Hinterher meint Elisabeth Hayes, die Carters Buchtournee organisiert hat und immer an seiner Seite steht, es sei ein gutes Gespräch gewesen. "What always hurts, is the editing", antwortet Carter knapp: Was immer schmerzt, ist die Bearbeitung.

Demme hat allerdings auch das gut hinbekommen.

Jimmy Carter - Der Mann aus Georgia, BR, 23.25 Uhr.

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SZ vom 28.06.2011/beitz
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