Süddeutsche Zeitung

Fernsehfilm "Die Auserwählten":Schule der Gewalt

Dieser Film ist ein Wagnis: Zur besten Sendezeit zeigt die ARD, wie Lehrer ihre Schüler vergewaltigen. "Die Auserwählten" fiktionalisiert den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Ehemalige Schüler gehen juristisch gegen den Film vor.

Der Direktor begrüßt die neue Lehrerin im Bademantel. Alles locker hier. Aus den Internatszimmern dröhnt der Sound der Sechziger und Siebziger, Feelin' alright und Gimme some lovin'. Die junge Bio-Lehrerin ist kurz irritiert, aber doch angetan von der liberalen Atmosphäre. Ihre alte Schule musste sie verlassen, weil sie beim Kiffen erwischt wurde. Ihr neuer Chef scheint damit kein Problem zu haben. Er ist ein angenehmer Mann, tolerant, jovial und angeblich ein richtiger Superpädagoge. Aber irgendwas scheint mit ihm und dem Internat nicht zu stimmen.

Die Auserwählten zeigt die Geschichte der Odenwaldschule, jenes Internats, an dem vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren mindestens 132 Schülerinnen und Schüler Opfer sexueller Übergriffe wurden. Opferverbände schätzen, dass die Zahl deutlich höher liegt. Zu den Haupttätern gehörte der langjährige Schulleiter Gerold Becker, der im Film Pistorius heißt und von Ulrich Tukur sehr überzeugend gespielt wird. Sein Charisma und Charme ähneln dem Beckers, dem viele in der Zunft der Pädagogen erlegen waren. Er ist kein Ungeheuer, aber von einer Sekunde auf die andere kann er sein Gesicht in eine eisige Fratze verwandeln. Er wirft einen Jungen aufs Bett, packt ihn am Kiefer und zischt: "Du kleiner Scheißer, pass auf, sonst erzähl ich allen, was du mit mir machst!"

Gewalt hinter der kinderfreundlichen Fassade

Wer macht was mit wem? Nach und nach kommt die Lehrerin dahinter. Sie sieht den Jungen mit dem Direktor duschen. Sie sieht, wie er verwahrlost. Die Schüler rauchen und saufen: "Lehrplan, was ist das?" Grenzen scheint es keine zu geben - vor allem nicht für die Lehrer.

Die junge Pädagogin beginnt zu begreifen, welche Gewalt hinter der kinderfreundlichen Fassade tobt. Julia Jentsch spielt das Herantasten an die entsetzliche Wahrheit fabelhaft. Sie steckt in Latzhosen und Blusen mit Blumenmustern, ohne albern auszusehen, und schaut mal ratlos, mal zornig, ohne zu übertreiben, wie es andere in deutschen TV-Dramen tun.

Der Film ist ein Wagnis. Zur besten Sendezeit zeigt die ARD, wie Lehrer ihre Schüler vergewaltigen. Zwar wird es nur angedeutet, aber das ist verstörend genug. Regisseur Christoph Röhl hat Erfahrung mit dem schwierigen Stoff, als Englisch-Tutor hat er selbst zwei Jahre lang an der Odenwaldschule gearbeitet. Vor drei Jahren drehte er einen sehenswerten Dokumentarfilm über den Missbrauchsskandal.

Kraft authentischer Szenen

Der Spielfilm fiktionalisiert die Ereignisse, rafft zusammen, lässt weg, kombiniert neu, erzählt bei allen Abweichungen letztlich aber eine wahre Geschichte. Die junge Lehrerin, die alles durchschaut und aufbegehrt, hat es so leider nie gegeben. Aber als Figur erfüllt sie eine wichtige Funktion. Ihr geht es wie dem Zuschauer, der versucht, das System dieser Schule und das System des Missbrauchs zu verstehen.

Mit einer Kamera streift die Lehrerin über die Wiesen des Hambachtals, über das sich die Hexenhäuser der Schule verteilen wie Streublumen. Sie beobachtet, wie der Musiklehrer nackt mit einem Schüler im alten VW-Bus liegt. Als sie die Fotos in der Dunkelkammer entwickelt, steht plötzlich der Direktor hinter ihr.

Stark ist der Film, wenn er auf die Kraft solcher Szenen setzt, die auch deshalb authentisch wirken, weil sie tatsächlich auf dem Gelände der Odenwaldschule gedreht wurden. Die dritte Hauptrolle, die des Jungen Frank, ist mit Leon Seidel ebenfalls gut besetzt. Dennoch kippt Die Auserwählten stellenweise unangenehm ins Lehrstückhafte, etwa wenn Stichworte der Reformpädagogik abgerufen werden oder die Lehrerin ihrem Freund umständlich Zusammenhänge erklärt, die der Zuschauer längst gesehen und verstanden hat. Offenbar hatten die Produzenten Angst, ihn zu überfordern, und das lässt den Film in seinen schlechteren Momenten aussehen wie einen gewöhnlichen TV-Krimi.

Juristischer Streit um den Film

Einer der größten Missbrauchsskandale als Abendunterhaltung? Zwei ehemalige Schüler haben versucht, juristisch gegen die Ausstrahlung vorzugehen. Andreas Huckele, der den Missbrauchsskandal öffentlich gemacht hatte, erkennt sich in Frank wieder und sieht sich in seinen Rechten verletzt. Unter Pseudonym hatte Huckele ein Buch geschrieben, aus dem sich die Filmemacher bedient hätten, ohne ihn einzubinden. Der WDR weist die Vorwürfe zurück und will den Film wie geplant zeigen. Der Regisseur sagt, er habe in die Figur des Frank vieles einfließen lassen, es sei nicht die Verfilmung eines einzelnen Schicksals. Bereits optisch gibt es allerdings Ähnlichkeiten zwischen dem langhaarigen fiktiven und dem langhaarigen realen Jungen. Seine Biografie werde ausgebeutet, so Huckele, dessen Anwalt Christian Schertz angekündigt hat, für ihn Entschädigungsansprüche geltend zu machen.

Andere ehemalige Schüler loben den Film und hoffen, dass er für das Thema sensibilisieren kann. Die Geschichten vieler Opfer würden sich bis in Details hinein ähneln, erklärt der Betroffenen-Verein "Glasbrechen". Der Film repräsentiere die Geschichten nicht einer, sondern vieler Personen. Bildhauer Gerhard Roese, von 1975 bis 1982 Odenwaldschüler, hält den Film für sehr gelungen. Er zeige das "Korruptionssystem", das den Missbrauch ermöglichte, und die Kälte einiger Eltern, die froh waren, ihre Kinder los zu sein.

Roese sagt, am Ende des Films habe er über das Kind, das er früher war, weinen und trauern können. Das sei erlösend gewesen. Der Film wirke sehr echt. Den Zigarettenrauch, der damals in allen Räumen hing, konnte Roese beinahe riechen und schmecken. Und er hörte auch wieder das Rauschen der Bäume in diesem kleinen Paradies, das für so viele zur Hölle wurde.

Die Auserwählten, ARD, 20.15 Uhr.

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SZ vom 01.10.2014/tgl
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