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Dokumentarfilm:Der lachende Gnom

Warum das Scheitern manchmal wichtiger ist als der Erfolg: Eine Arte-Dokumentation beleuchtet den schwierigen Karrierestart des britischen Musikers David Bowie.

Wer sein eigenes Schaffen mit dem eines David Bowie vergleicht, kann zunächst nur frustriert sein. Auf der fantastischen Website supbowie.com steht eine große Frage: What did Bowie do at your age? Darunter kann der Nutzer sein Alter eingeben und muss danach feststellen, egal ob er 17 oder 47 ist, dass Bowie im jeweiligen Alter bereits oder noch irgendetwas Bahnbrechendes getan hat: eine Brecht-Theateradaption, Soundtrack für ein Videospiel oder eine Filmrolle als "Jared, der Goblin-König". Man selbst fühlt sich direkt wie ein inspirationsarmes, belangloses Häufchen Sternenstaub.

Eine Arte-Doku, genannt "David Bowie - Die ersten fünf Jahre" kann hier Trost spenden. Sie beschäftigt sich - der Titel ist als holprige Referenz an den Song "Five Years" leider misslungen - mit den ersten, mindestens acht Jahren von Bowies Karriere. Der Zeitraum reicht von ersten Beat-Gehversuchen Mitte der Sechziger bis zum Zu-Grabe-Tragen von Ziggy Stardust in London 1973. Das letzte Drittel ist fad, weil hinreichend auserzählt: Der Durchbruch, die Zusammenkunft der "Spiders from Mars", die Aufnahmen aus dem Hammersmith Odeon.

Viel interessanter sind die Jahre vor "Space Oddity": Der übermenschliche Eindruck, den man beim Überblicken von Bowies Werkkatalog gewinnt, zerfällt hier mindestens zum Teil. Man beobachtet einen jungen Menschen, der vom drögen Land in die nicht weniger dröge Vorstadt Londons gezogen ist und sich im fernen Zentrum auf Teufel komm raus einen Namen machen will: Mit seinen Dutzenden Bandversuchen, deren Halbwertszeit oft nur wenige Wochen betrug, immer auf der Suche nach etwas, das edgy ist, aber funktioniert. Und es funktioniert zunächst mal eben gar nichts: Seine Band The Lower Third wird in einem BBC-Protokoll als langweilig, "ohne jede Persönlichkeit" und "amateurhaft" beurteilt.

Bowie sucht nach einem interessanteren Sound und landet bei Velvet Underground, deren "Venus in Furs" und "Waiting For The Man" er in einer Varieté-Nummer namens "Little Toy Soldier" und einem schrecklichen Song über einen lachenden Gnom plagiiert. "Velvet Underground war cool, aber der lachende Gnom war halt überhaupt nicht cool", kommentiert das ein Weggefährte.

Bowie singt, tanzt, macht Pantomime, Clownnummern - und scheitert, scheitert, scheitert. All das schmerzt beim Zusehen - und auch ihm dämmert langsam, dass er einfach keinen Kanal findet, über den er sich und seine Persönlichkeit gewinnbringend mitteilen kann. Zugleich scheint er auch nicht zu wissen, was er mitteilen will. "Ich habe gemerkt, dass ich einfach nur bekannt werden wollte", sagt Bowie später. Dass ausgerechnet aus diesem Gefühl des ziellos Umhertreibens schließlich sein Hit "Space Oddity" entstehen sollte, ist eine schöne Pointe der Musikgeschichte. Kurz nach dessen Erscheinen fragt ihn ein Reporter, ob "Space Oddity" sein größter Erfolg sei. Bowie antwortet: "Es ist mein erster Erfolg."

David Bowie - die ersten fünf Jahre, Arte Mediathek

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SZ vom 14.10.2019
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