Süddeutsche Zeitung

"Die Welt ist rund" bei RTL 2:Der größte Verlierer ist der Zuschauer

RTL 2 hat einen neuen Aufreger: Nach diversen Randgruppen sind mit "Die Welt ist rund" nun wieder die Dicken dran. Die Doku-Soap macht sich über zwei "pfundige" Schwestern im Urlaub lustig. Das Format fördert die Gehässigkeit des Publikums - anstatt seine Häme zu entlarven.

Eine TV-Kritik von Ruth Schneeberger

"Ich schwitze schon wieder wie Sau", sagt die eine - "Ich habe Hunger wie Sau" die andere. In diesen beiden Kernaussagen lässt sich die Doku-Soap "Die Welt ist rund" auf RTL 2, die am Montagabend angelaufen ist, im Wesentlichen zusammenfassen.

Um diesen immer wieder aufs Neue wiederholten Inhalt herum schafft es der Sender trotzdem, eine ganze Serie zu stricken. Manuela, 30, und ihre jüngere Schwester Anita, 25, beide aus Würzburg, beide übergewichtig, reisen in die Türkei. Vorgebliches Thema: Wie Dicke sich im Alltag zurechtfinden. Tatsächliches Thema: Wie schön es sich doch darüber lustig machen lässt.

Nun hat RTL 2 also wieder eine neue Doku-Soap, und wieder ist eine Randgruppe dran. Diesmal: die Dicken. Dicke machen gute Quote. Unter anderem deshalb, weil es gesamtgesellschaftlicher Konsens ist, dass Dicksein abzulehnen und deshalb zu ächten ist. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Mit seiner neuen Sendung hat sich der Sender gleich für beide Varianten entschieden.

Sozialkritisch? Natürlich nicht

Anfangs versucht der Sprecher noch, das Thema möglichst gutgelaunt und positiv zu verkaufen. Die beiden "pfundigen" Schwestern, die "zusammen 360 Kilo auf die Waage bringen", fahren zum ersten Mal seit fünf Jahren gemeinsam in Urlaub. So weit, so unspektakulär. In Deutschland müssten sie sich "täglich dumme Sprüche anhören" wegen ihrer Leibesfülle, erklärt der Sprecher. Oho, merkt der aufmerksame Zuschauer auf, wird's jetzt gar sozialkritisch? Natürlich nicht.

Stattdessen werden die Schwestern vor allem beim Streiten gefilmt, beim Schwitzen, beim Essen und in extra unvorteilhaften Posen am Strand. Wenn das Bildmaterial partout nichts Unangenehmes hergibt, betont der Sprecher, dass die Protagonistinnen grundlos schlechte Laune hätten, unorganisiert durch den Tag streiften oder für alles länger bräuchten als geplant.

Dankbar saugt die Kamera vermeintliche Ausraster auf, die eine der Schwestern oder auch beide als Sonderlinge darstellen, denn es müssen knapp zwei Stunden Sendezeit gefüllt werden. Wenn beim Shoppen der Verkäufer etwa uncharmant darauf hinweist, dass er in ihrer Größe keine Kleidung führe, und wenn Manuela deshalb wütend wird. Oder wenn sie fast zu weinen anfängt - weil ein Kamel ihrer Meinung nach in einem vernachlässigten Zustand ist.

Diese emotionalen Zuspitzungen, die die Sendung braucht, damit sie unterhaltsam bleibt. Damit genügend Zuschauer denken können: Egal, wie arm ich selbst dran bin - besser als diese beiden bin ich immer noch. Da hilft es auch nichts, dass am Ende generös verkündet wird, dass die beiden trotz Leibesfülle arg viel Spaß im Urlaub gehabt hätten - die meisten Bilder sprechen eine andere Sprache.

Wie war das noch mal? Die Würde des Menschen ist unantastbar? Einfach außer Acht lassen, scheint sich der ein oder andere deutsche Fernsehmacher zu denken - oder: Augen zu und durch. Oder, noch wirksamer: So tun, als ginge es in der eigenen Sendung genau um diese Würde. Damit nimmt man der Kritik von Anfang an den Wind aus den Segeln. Und lässt hintenrum dann doch die Protagonisten ins Messer laufen - aber nur so weit, dass sie es selbst nicht merken. Oder zumindest dem Sender nichts anzulasten ist.

Dieses perfide Spielchen spielen einige Fernsehverantwortliche nun schon seit Jahren überaus erfolgreich: Sie tun so, als wollten sie den Protagonisten ihrer Sendungen helfen. Überreden mit diesem Versprechen Ahnungslose, die sich besser niemals vor eine Kamera getraut hätten - weil sie damit zum Gespött der Leute werden, die ihnen dabei zusehen. Erfolgversprechend sind diese Formate aus mindestens zwei Gründen: Weil sie erstens billig zu produzieren sind und deshalb kaum unternehmerisches Risiko bergen. Und weil ein Motiv vieler Zuschauer noch immer eine sichere Bank ist: die Schadenfreude.

Ungefähr seit "Big Brother" zur Jahrtausendwende noch die erschreckte Öffentlichkeit auf den Plan rief, hat sich in Deutschland eine Unzahl von Formaten entwickelt, vorwiegend in den Privatsendern, die auf die immer gleiche Tour Publikum lockt. Zulasten der Mitwirkenden. Und zulasten der guten Erziehung: Wie sollen Eltern ihren Kindern noch ernsthaft beibringen, dass es sich nicht ziemt, sich über Schwächere lustig zu machen, wenn rund um die Uhr das Fernsehen den Gegenbeweis antritt?

Immer gleicher Unfug in neuem Gewand

Von "Deutschland sucht den Superstar" (so hoffnungsvolle wie meist untalentierte Teenies werden von so alterndem wie pöbelndem Jurymitglied vorgeführt) und "Dschungelcamp" (abgehalfterte Promis machen sich im Dschungel lächerlich) über "Bauer sucht Frau" (auf dem Heiratsmarkt Benachteiligte werden auf möglichst peinlichen Wegen zusammengeführt) bis zu mittlerweile unzähligen sogenannten "Help"-Formaten oder "Reality"- oder "Doku"-Soaps: Das Prinzip ist meist dasselbe.

Formate wie "Die Welt ist rund" sind dabei nicht mal die schlimmsten. Aber sie zementieren den immer gleichen gefährlichen Unfug in immer neuem Gewand. Ob Dicke oder Behinderte, Rentner auf Thailänderinnenjagd oder sonst wie Benachteiligte: Zwar wird der Blick auf Randgruppen gelenkt. Doch dadurch, dass der Blickwinkel ein herablassender ist, wird ihnen nicht geholfen. Sondern sie werden geschmäht. Was das auf Dauer mit einer Gesellschaft macht, wird sich noch herausstellen.

"Die Welt ist rund", das wusste im Übrigen auch schon Erich Kästner (1899-1974) in seinem gleichnamigen Gedicht zu verkünden: "Die Welt ist rund, denn dazu ist sie da. Ein Vorn und Hinten gibt es nicht. Und wer die Welt von hinten sah, der sah ihr ins Gesicht."

RTL 2 hat mit seiner neuen Sendung dem begierigen Zuschauer sein eigenes hässliches Gesicht vor Augen geführt, denn es ist voller Häme. Schade nur, dass die Sendung diese nicht entwaffnet, sondern nur noch weiter befördert.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1721948
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/rus/leja
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.