Süddeutsche Zeitung

Deutsche Verlage:Es war kompliziert

Nur 15 Monate lang hat Nicole Zepter die Junge-Leute-Magazine "Neon" und "Nido" verantwortet. Umstritten war sie die ganze Zeit, jetzt hat sie gekündigt. Eine neue Chefredakteurin soll nicht nur den Auflagenschwund der Hefte stoppen.

Die Titelzeile von Nicole Zepters erster runderneuerter Neon -Ausgabe im April 2016 lautete "Ist Arbeit verlorene Zeit?" - und obwohl es sich natürlich immer anbietet, die lebensnahen Neon-Titel auf die Realität der Zeitschrift anzuwenden, muss man sagen: Nicole Zepter hat diese Frage zumindest für ihren aktuellen Job mit "Ja" beantwortet. Nach 15 Monaten als Chefredakteurin des Junge-Leute-Magazins Neon und des Junge-Eltern-Heftes Nido hat sie nun ihren Vertrag gekündigt. Zepter, hieß es, wolle sich wieder "ihren eigenen Projekten widmen". Nachfolgerin wird am 1. Oktober Ruth Fend, 36, bislang bei Gruner + Jahr Redaktionsleiterin von Business Punk, dem Lifestyle-Heft "für alle, die etwas bewegen wollen".

Der Abschied von Nicole Zepter kommt nur teilweise überraschend, dafür war die Kritik an ihr in den vergangenen Monaten zu vehement und zu nachhaltig gewesen. Im April 2015 hatte G + J bekannt gegeben, sich von Chefredakteur Oliver Stolle zu trennen, der nach dem Weggang seiner Vorgänger und dem Umzug der Redaktion von München nach Hamburg stets als lebendes Kontinuitätsversprechen herhalten musste. Zepter kam, für alle Beteiligten überraschend, von außen, die freie Journalistin hatte zuvor unter anderem das Zeitgeist-Magazin The Germans entwickelt. Großen Erfolg hatte das Heft nicht, weshalb stets der Eindruck vorherrschte, den Hamburger Verlagsmanagern könnte besonders imponiert haben, mit welch beschränkten Mitteln Zepter das Magazin herstellte. Inhaltlich stand Zepter mit The Germans für ein Heft, das sich klar weniger an den Mainstream richtete, elitärer war. Das Erfolgsgeheimnis von Neon aber war immer die Breite seiner Leserschaft.

Schon kurz nach ihrem Antritt jedenfalls verließen zahlreiche etablierte Mitarbeiter das Heft, das Chaos in der Redaktion wurde ein Lieblingsthema auf Branchenfesten, und die ohnehin schwächelnde Auflage rauschte ungebremst weiter in den Keller. Auch ihr lange angekündigter (und von G + J dann auch mit viel PR-Wumms beworbener) Relaunch konnte an dieser Entwicklung wohl nichts ändern.

Aus der Redaktion jedenfalls hört man am Dienstag leise Erleichterung. Menschlich, das ist einigen wichtig, sei Nicole Zepter vollkommen in Ordnung, das Problem mit ihr sei immer ein fachliches gewesen. Sie sei mit der Redaktionsleitung organisatorisch und journalistisch überfordert gewesen. Und immer wieder fällt der Satz, am erstaunlichsten sei doch, dass der Verlag ihr so lange die Stange gehalten habe. Am Vormittag erklärte sich Nicole Zepter auch noch persönlich ihrer Redaktion. Als Grund für ihren Weggang nannte sie, so erzählen es die Anwesenden, sie wolle mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen.

Auch am Baumwall in Hamburg dürfte sich heute nur noch schwer jemand finden lassen, der die Verpflichtung von Nicole Zepter als personalpolitisches Glanzstück bezeichnen würde, weshalb sich mit ihrer Kündigung für den Verlag ein Problem löst. So, wie es in den vergangenen Monaten lief, hätte es sicher nicht weitergehen können. Zwar ist Neon nach wie vor profitabel, eine Bestandsgarantie schien es für die einstige Erfolgsmarke aber zuletzt nicht mehr zu geben. Im Intranet schrieb die zuständige Verlagsmanagerin am Dienstag von einer schwierigen Phase im Anzeigen- und im Vertriebsmarkt. Das Zutrauen der Geschäftsführung in Neon und Nido sei aber "ungebrochen groß". Für die Redaktion dürfte es jedenfalls ein positives Signal sein, dass der Verlag nun eine Journalistin aus dem Haus und mit Führungserfahrung auf den Posten setzt.

Die kommenden Monate werden zeigen, wie viel der Auflagenkrise von Neon tatsächlich Nicole Zepter angelastet werden kann. Dass es zuletzt eine gewisse Schwäche bei den Titelseiten gegeben hat, weiß man wohl auch im Verlag; im Heft allerdings fanden sich trotzdem immer einige gute Geschichten. Und wahr ist natürlich auch, dass die Auflage von Neon schon vor der Ära Zepter sank - und man die Frage stellen kann, ob sich das vor 13 Jahren so neue und schwer erfolgreiche Konzept des Heftes möglicherweise überlebt haben könnte. Klar ist jedenfalls: Die Lebensrealität junger Menschen ist heute eine andere.

Der Untertitel der aktuellen Ausgabe lautet übrigens: "Warum die besten Beziehungen erst nach der Trennung beginnen".

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Quelle:
SZ vom 03.08.2016
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