Süddeutsche Zeitung

Netflix-Serie:Die große Überforderung

Es ist ein komplexer Knoten aus Zeitsträngen und Parallelwelten, den "Dark" in der finalen Staffel zu entwirren hat - die Auflösung fühlt sich seltsam trivial an.

"Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang."

Diesen bedeutungsschwangeren Satz wiederholen die von Kindermorden und Zeitreisen geplagten Bewohner der Kleinstadt Winden wie ein Mantra. Und tatsächlich: Vieles ist am Ende der Geschichte wie am Anfang, als 2017 die erste deutsche Netflix-Produktion mit dem Namen Dark anlief. Nun wird sie mit der dritten Staffel ihren Abschluss finden.

Die erste Einstellung beginnt mit einem Drohnenflug über die weiten und düsteren Kiefernwälder rund um Winden, darauf folgt eine Wand mit Porträts und Familienfotos der wichtigsten Akteure. Fast so, als wolle die Serie hämisch das riesige Figuren-Repertoire präsentieren und klarstellen, dass hier alle heillos überfordert sein werden, die sich nicht die vorherigen Staffeln angesehen haben.

Wer schon in Staffel eins und zwei den Überblick verloren hat, wird hier an die Grenze des kognitiv Leistbaren stoßen. Bisher handelte die Serie von Intrigen und mysteriösen Vermisstenfällen in der Kleinstadt Winden. Dann kamen die Zeitreisen hinzu. Schließlich die Apokalypse im Jahr 2020. So weit, so kompliziert.

Staffel drei von Dark dreht sich um einen Knoten

In der finalen Staffel scheint auch Protagonist Jonas Kahnwald (Louis Hofmann) überwältigt von den sich überschlagenden Ereignissen. Plötzlich steht sein tot geglaubter Schwarm Martha (Lisa Vicari) wieder im Wohnzimmer. Doch es ist nicht "seine" Martha, sondern eine Art Doppelgängerin aus einer Parallelwelt.

Zu den Zeitreisen kommen also auch noch alternative Realitäten hinzu - dem kaputten Raum-Zeit-Kontinuum in Winden sei Dank. Um den Spuk zu beenden, wollen Jonas und die neue Martha den "Knoten" finden, der all das Unheil der Serie ausgelöst hat. Wo, wann und was dieser Knoten genau ist, bleibt jedoch bis kurz vor Ende offen.

Stattdessen verlieren sich die Figuren in prophetischen Monologen über große philosophische Fragen wie der nach dem Determinismus des Lebens. Das hört sich aber stellenweise eher nach dem Herunterbeten von Psalmen aus der Bibel an - seltsam geschwollen und wenig kurzweilig für eine hoch spannende Netflix-Produktion. Ein Beispiel: "Wenn du willst, dass deine Martha lebt, dann musst du dich für die Seite des Lichts entscheiden."

Mit religiösen Allegorien wird generell nicht gespart: Zum schaurig-entstellten Antagonisten Adam der vorherigen Staffel gesellt sich nun auch eine Eva dazu. Beide stehen sie - mal abwechselnd, mal zusammen - vor zwei riesigen Gemälden ihrer namensgebenden Bibelfiguren, vor ihren Füßen ist ein ebenso riesiger Stammbaum der Windener Bevölkerung eingraviert. Fast so, als müssten auch die Figuren der Serie sich selbst ins Gedächtnis rufen, wie sie heißen, wie die anderen heißen und worauf das Ganze eigentlich hinauslaufen soll.

Trägt man all die metaphysischen Schichten ab, lässt sich im Kern eine sehr menschliche Geschichte über Verlust, Trauer und Liebe finden. Doch die Auflösung des "Knotens" fühlt sich nach all den Verstrickungen und Vernetzungen seltsam trivial an. Wo große Worte wie "Quantenverschränkung" fallen, Gedankenexperimente wie "Schrödingers Katze" nachgestellt werden und der Dualismus des menschlichen Verstandes hinterfragt wird, erwartet man ein Ende, das dem Anfang gerecht wird.

Dark Staffel drei, bei Netflix.

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