Süddeutsche Zeitung

Journalismus:Freundinnen am Berg

Mehrere Medien entdecken eine schon lange da gewesene Zielgruppe: outdoorbegeisterte Frauen.

Von Aurelie von Blazekovic

Ein Produkt, das es schon gibt, noch mal geschlechterspezifisch auf den Markt zu bringen - das ist ein Kniff, den nicht nur die Medienbranche gern bedient. Das Überraschungsei für Mädchen, zum Beispiel, oder Tee speziell für Männer. Ein wenig wie eine Idee aus dieser Reihe könnte auf den ersten Blick auch das Vorhaben von vier Leipziger Freiberuflerinnen wirken, ein Reise- und Outdoormagazin für Frauen herauszugeben. The Female Explorer soll ein 100 Seiten dickes Magazin für die "weibliche Outdoor und Travel-Community" werden und sich an ihre Bedürfnisse richten: Was bedeutet es, als Frau allein zu reisen, als Mutter unterwegs zu sein, während der Periode Berge zu besteigen? Schon wird klar, dass das weniger clevere Neuvermarktung ist als die Ansprache einer Zielgruppe, die merkwürdig lange untergegangen zu sein scheint: Frauen, die Outdoorsport machen.

Die Idee für das Magazin kam den Gründerinnen ausgerechnet am Männertag, wie der Vatertag in Teilen Ostdeutschlands auch genannt wird. Jessica Kunstmann und ihre Kolleginnen, sie arbeiten unter anderem als Bloggerinnen, blätterten in ihrem Büro durch Outdoor-Magazine und bemerkten, wie stark die sich an Männer richten. Was ihnen laut Kunstmann fehlt: die weibliche Perspektive. "Es geht uns nicht darum, diese Magazine zu kritisieren, sondern den weiblichen Abenteurerinnen und Themen Raum zu bieten", sagt sie. Mit einer durchaus ambitionierten Crowdfunding-Kampagne will The Female Explorer bis Anfang September 50 000 Euro für die ersten beiden Ausgaben sammeln, knapp die Hälfte ist geschafft.

Ganz unbewandert ist der Markt für outdoorbegeisterte Medienkonsumentinnen aber nicht. Seit Juli gibt es etwa vom BR den Podcast Bergfreundinnen. Dort beschäftigen sich Anna Hadzelek, Antonia Schlosser und Katharina Kestler ausführlich mit Themen wie Selbsteinschätzung, Beziehungen am Berg oder Social Media und Selbstdarstellung. Und auch hier kam der Gedanke nicht zuletzt nach einer Bestandsaufnahme der Medienprodukte im Outdoor-Segment: "Es gibt am Kiosk heute noch Bike-Zeitschriften, die kann man durchblättern und wird keine einzige Frau sehen," sagt Kestler.

Die Besetzung des Podcasts ist rein weiblich, was für die Themensetzung aber nicht zwingend gilt. Für den BR ist Bergfreundinnen ein naheliegendes Projekt. Das Thema Berge hat dort eine lange Tradition - schon seit 1948 gibt es eine Bergsteigersendung, heute heißt sie Rucksackradio und läuft auf Bayern 2. Der Podcast liefert außerdem eine potenzielle Hörerschaft mit. Er ist aus den "Munich Mountain Girls" entstanden, einer Online-Community mit etwa 6000 Fans auf Facebook und 19 000 Followern auf Instagram. Sie zeigen sich beim Bergsteigen, Klettern, bei Skitouren, beim Freeriden oder Mountainbiken, tauschen Empfehlungen für Rucksäcke oder Touren aus, suchen andere Frauen, die mitgehen. Die hat, besonders auf fortgeschrittenem Niveau, schließlich nicht jede im Freundes- oder Bekanntenkreis.

"Frauen neigen eher dazu, sich erstmal umfassend zu informieren und Kurse zu machen", meint Podcast-Macherin Katharina Kestler, die selbst Teil der "Munich Mountain Girls" ist. "Gleichzeitig trauen sie sich manchmal weniger zu." Weibliche Vorbilder in den Medien seien gerade deshalb wichtig. Denn am Berg gelte: "Als Frau in dem Bereich hat man immer das Gefühl, man muss erst mal beweisen, dass man hier sein darf - und zwar über Leistung. Das ist bei uns nicht der Fokus. Es geht um die Freude am Draußensein." Der neue Zugang zur Outdoorwelt ist vielleicht dieser: Weniger Gipfel stürmen und Höhenmeter zählen, mehr mitmachen und reflektieren.

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