Süddeutsche Zeitung

ARD-Film "Mein Sohn Helen":Problemchenfilm über Transsexualität

Freitagabend war im Ersten stets Süßstoff-Zeit. In "Mein Sohn Helen" geht es nun um einen Jungen, der zum Mädchen wird. Gemäß dem neuen Motto: extremes Thema - komödiantisch verpackt.

Man muss sich das mal vorstellen: Ein Vater kommt zum Flughafen, voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit seinem Sohn nach dessen High-School-Jahr in den USA. Er postiert sich gut sichtbar und knöpft sein Hemd auf, unter dem er ein bedrucktes T-Shirt trägt. "Welcome Home, Finn!" steht darauf. Er wartet und wartet, doch Finn kommt nicht nach Hause - Finn heißt jetzt Helen und lebt als Frau, wie er beziehungsweise sie dem ungläubigen Vater bei ihrem unterkühlten Wiedersehen erklärt.

Man muss sich das wirklich mal vorstellen. "Wie würde ich reagieren, wenn mein Sohn plötzlich als Tochter vor mir stünde?", formuliert Regisseur Gregor Schnitzler eine für ihn bei der Auseinandersetzung mit dem Stoff zentrale Frage. "Welchen Anspruch habe ich an mein Verhalten, und wie fühle ich mich wirklich?" Schnitzler hat Mein Sohn Helen inszeniert, einen Spielfilm über einen verwitweten Vater und einen transsexuellen Teenager für den Degeto-Freitagabend im Ersten.

Auch das muss man sich erst mal vorstellen: ein Degeto-Film über Transgender! Jahrelang galten Produktionen unter dem Label der Filmorganisation der ARD-Anstalten als Hort des Kitsches. Von dieser genüsslich gepflegten Zuschreibung müssen Journalisten sich wohl tatsächlich allmählich verabschieden, denn die Degeto hat sich unter der 2012 angetretenen Chefin Christine Strobl modernisiert und geöffnet auch für die sogenannten wichtigen Stoffe.

Konkurrenz zum Tatort

"Wir dürfen dem Tatort nicht alle gesellschaftlich relevanten Themen überlassen", sagt Produzent Ivo Alexander Beck. Seine Mission: "Es gibt kein noch so extremes Thema, das sich nicht auch komödiantisch erzählen ließe." Regisseur Schnitzler nennt als Vorbilder die britischen "Social Comedys" von Ken Loach oder den Film Billy Elliot.

Das sind ziemlich große Schuhe, zu große für Mein Sohn Helen (Buch: Sarah Schnier). Ein bemerkenswerter Film ist es dennoch, konfrontiert er doch eine reifere Zielgruppe auf zeitgemäße, unterhaltsame Weise mit einem Thema außerhalb ihrer Komfortzone. "Wir müssen dabei natürlich sehr viel erklären", sagt Produzent Beck. Ob im Zwiegespräch mit einer Ärztin oder zwischen Tochter und Sohn - Mein Sohn Helen lässt keine Gelegenheit aus, Nachhilfe zu geben, Transsexuelle etwa von Transvestiten abzugrenzen: "Ich weiß, es ist für dich schwer zu verstehen, aber ich habe so lange drauf gewartet, ich zu sagen und damit meinen Körper zu meinen", sagt Helen zum Vater und damit auch zum Zuschauer. "Für mich gibt es kein Zurück."

Die Nachvollziehbarkeit von Finns/Helens Entscheidung und Willensstärke wird für den Zuschauer indes dadurch erschwert, dass die komplette für diesen Schritt und Schnitt so relevante Zeit in den USA ausgespart bleibt. Produzent Beck beschreibt gerade diese "Auslassung als Schlüssel" im Entstehungsprozess, "die Geschichte leichter zu erzählen".

Letztlich bleibt Helen einem fremd

Nicht umsonst heißt der Film Mein Sohn Helen, dominiert darin doch die Perspektive des Vaters, dessen Weg zur Akzeptanz ungleich heller ausgeleuchtet wird als der Weg von Finn zu Helen. Der Zuschauer muss vieles einfach glauben: dass Finn schon immer unglücklich war mit seinem Geschlecht, dass seine verstorbene Mutter davon wusste und ihn unterstützt hat und dass sein Vater in all den Jahren wirklich nichts davon mitbekam.

Zwischenzeitlich sieht es dann - so viel dramatischer Konflikt muss sein - so aus, als ginge Helen doch die Kraft aus. Als zusätzlich zu den Hänseleien in der Schule auch noch das Jugendamt aufmuckt, beschließt sie, wieder ein Junge zu sein - und kann letztlich natürlich doch auf ihren Vater zählen, der seine Geliebte unter Löwengebrüll aus dem Haus wirft, als sie Helens Transsexualität "abartig" nennt. Es ist eine Paraderolle für Heino Ferch als netten Heino von nebenan. Mit der minutiös austarierten Melange aus Ablehnung, Verbohrtheit und Einsicht, Egoismus und Selbstlosigkeit können sich wohl viele Zuschauer identifizieren. Dieser Mann reagiert nach Anlaufschwierigkeiten genau so, wie wir uns das in einer vergleichbaren Situation von uns auch wünschen würden.

Jannik Schümann als Helen profitiert vor allem von der Regie Schnitzlers, der ihren Kampf um Anerkennung, ihre innere Stärke, aber auch Verlorenheit einfühlsam in Szene setzt. Auch die Travestiefalle umgeht er souverän. Schnitzler sagt im Gespräch, in Helen spiegele sich "der universelle menschliche Drang, geliebt zu werden für das, was man ist und nicht für das, was man darstellt." Aber da der Zuschauer nicht weiß, wie Schümanns Figur wurde, was sie ist, kann er keine empathische Verbindung zu ihr aufbauen. Letztlich bleibt Helen einem fremd, was ausdrücklich nicht Darsteller Schümann anzulasten ist.

"Glaub ich's mir oder glaub ich's mir nicht?"

Ein halbes Jahr hat Schümann sich auf den Dreh vorbereitet, in Gesprächen mit Schnitzler, seinem Schauspielcoach, Freunden und Familie, mit Büchern, Kostüm- und Maskenproben, das Schminken hat er sich von Freundinnen beibringen lassen. "Das war ein Auf und Ab: Glaub ich's mir oder glaub ich's mir nicht?", erzählt Schümann, Jahrgang 1992. Als er bei Drehbeginn Make-up, Perücke und Kostüm zum ersten Mal gleichzeitig trug, habe es endlich "Klick" gemacht.

Reichlich Sympathien verspielt Mein Sohn Helen dann am Schluss, als der unbedingte Wille der Macher durchschlägt, keinen Problemfilm zu machen, höchstens einen Problemchenfilm. Bei einer Gartenparty haben sich alle Konflikte in Wohlgefallen aufgelöst: Helen - Vorsicht Subtext - balanciert gekonnt auf einem Seil. Familie und Freunde applaudieren, von den bösartigen Mitschülern, die ihn vorher quälten, fehlt jede Spur. Als gerechte Strafe wurden sie wohl vom Erdboden verschluckt.

Der Vater hat in der verständnisvollen Vertrauenslehrerin (Winnie Böwe) endlich wieder eine Frau gefunden, die zu ihm passt, und hält eine offenbar aus Glückskekssprüchen zusammengezimmerte Rede: "Das Leben ist eine einzige Entdeckungsreise, und ich werde einen Teufel tun, jemals wieder jemandem anderes die Reiseleitung zu überlassen." Und dann lassen alle kunterbunte Luftballons zum Himmel aufsteigen. Das muss man sich mal vorstellen.

Mein Sohn Helen, ARD, Freitag, 20.15 Uhr

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SZ vom 23.04.2015/jobr
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