Süddeutsche Zeitung

ARD-Fernsehlotterie: Monica Lierhaus:Alles für den guten Scheck

Monica Lierhaus erhält als "Botschafterin" der Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne" Geld. Ist das Honorar von 450.000 Euro, das im Raum steht, einfach nur branchenüblich oder tatsächlich zu hoch?

Das Jahr 2011 ist noch jung, aber seinen gesellschaftlichen Höhepunkt dürfte es dennoch schon vor knapp zwei Wochen überschritten haben. Die Rückkehr der TV-Moderatorin Monica Lierhaus, 40, auf die große Bühne faszinierte und erschreckte das Publikum gleichermaßen. "Ich bin wieder da", sagte Lierhaus stolz bei der Verleihung der Goldenen Kamera, halbwegs genesen von einer Hirnblutung und monatelangem Koma.

Fast zwei Jahre lang war sie professionell von der Öffentlichkeit abgeschottet worden. Über ihre Rückkehr mochten sich die meisten Menschen im Land, die Lierhaus als charmante Sportschau-Moderatorin in bester Erinnerung hatten, noch freuen. Dass sie aber, kaum abgeschminkt, auch schon wieder dick im Geschäft war, irritiert jedoch offenbar eine Menge Leute - ihr Vertrag als "Botschafterin" der ARD-Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne" spaltet das Publikum.

"Uns haben kritische und positive Reaktionen erreicht", sagt Christian Kipper, Geschäftsführer der ARD-Fernsehlotterie, eher vorsichtig. Kipper hat den Vertrag mit Monica Lierhaus, die bis vor ihrer schweren Erkrankung 2009 eines der beliebtesten Fernsehgesichter war, abgeschlossen. In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für den Stern drückten 63 Prozent der Befragten ihre Zustimmung für Lierhaus' neuen Job im Dienste der guten Sache aus.

Allerdings bestätigte das Institut auf Nachfrage: Von einer Honorierung dieser Botschafter-Tätigkeit war bei der Fragestellung keine Rede. Seitdem nämlich die vom Magazin Spiegel kolportierte Jahresgage von 450.000 Euro im Raum steht, kippt das nachlesbare Meinungsbild deutlich. In den Diskussionsforen aller großen Online-Medien kritisieren Teilnehmer die Höhe des Honorars - Verständnis ist die Ausnahme.

Selten wird Monica Lierhaus dafür persönlich haftbar gemacht, fast immer aber fühlen sich die Forums-Teilnehmer irgendwie verschaukelt: vom Fernsehen, das ihre Gebühren zum Fenster rauswerfe, oder von der Soziallotterie, die statt dem guten Zweck wohl eher dem Konto einer Prominenten diene. Auch die Lotterie selbst erkennt die Erklärungsnot. Am Hamburger Sitz der gemeinnützigen GmbH beantwortet man die kritischen Anfragen der Mitspieler umgehend. "Wir erklären die Beweggründe und die Umstände der Zusammenarbeit und treffen in der Regel auf Verständnis und Zustimmung", sagt Geschäftsführer Kipper. Und immer fügt er an: GEZ-Gebühren würden nicht verwendet.

Eine klassische Neiddebatte

Werbung für eine Soziallotterie, sagt Kipper, werde durch eine Person, die "populär, seriös und authentisch" sei, überhaupt erst wahrnehmbar und glaubwürdig. Diese Einschätzung teilt man bei der "Aktion Mensch", dem ZDF-Pendant zur ARD-Lotterie. Das Lierhaus-Honorar, dessen Höhe weder das Management der Moderatorin noch die ARD-Lotterie kommentieren (aber eben auch nicht dementieren), hält man im Sender für "absolut branchenüblich", wie Sprecher Martin Gosen sagt.

Auch das ZDF bezahle Thomas Gottschalk, dem Gesicht der "Aktion Mensch", "selbstverständlich" ein Honorar: "Mit einer solchen Tätigkeit sind ein hoher Aufwand und erhebliche Repräsentationspflichten verbunden", sagt Gosen. Bezahlt würden Zeitaufwand, Arbeit und auch die Popularität. Die Höhe der Entlohnung richte sich nach dem Marktwert, den die Prominenten bei Galas oder Shows erzielen können.

Und dieser Marktwert liegt weit außerhalb der Lebenswirklichkeit der Mitspieler solcher Lotterien. Hohe Gagen unterstützen den Vertrauensverlust, den die Institution Fernsehen schon länger verzeichnet: Seit Jahren, so das Institut Forsa, sinke die Glaubwürdigkeit messbar. Mit 33 Prozent liegt sie hinter anderen Medien wie Radio und Print, weit näher am miserablen Ruf von Managern (acht Prozent), weit weg von der vertrauenswürdigen Polizei (80 Prozent).

In der Causa Lierhaus mischt sich dieses diffuse Misstrauen mit einer klassischen Neiddebatte. Die Los-Käufer investieren ihren sauer verdienten Lohn oder ihre schmale Rente, um mit ein bisschen Glück vielleicht eine lebenslange Rente, ein Haus, eine Traumreise oder gleich eine richtige Million zu gewinnen. Dass derjenige, der sie im Fernsehen zum Kauf animiert, allein dadurch selbst zum Gagenmillionär wird, haben sie bisher offenbar ausgeblendet.

Tatsächlich handelt es sich bei den Fernsehlotterien nicht um Spendenvereine, sondern um Unternehmen, die in Konkurrenz zu den staatlichen Lotterien oder privaten Wettunternehmern stehen - das Glück der kleinen Leute war schon immer ein gutes Geschäft. Die "Aktion Mensch" etwa setzte im Jahr 2009 beachtliche 447 Millionen Euro um. Da wird aus einem prozentual bescheiden anmutenden Werbe- und Marketing-Etat von unter zehn Prozent schnell eine stattliche Summe von über 43 Millionen Euro.

Wofür also wird sie bezahlt?

Die Größenverhältnisse in der ARD-Lotterie "Ein Platz an der Sonne" sind ähnlich. Auch Lierhaus' Vorgänger Frank Elstner, von 2004 bis heute das TV-Gesicht der Lotterie, hat dafür Honorar bezogen - laut Lierhaus-Management sogar "deutlich mehr" als seine Nachfolgerin. Die Lotterie, die in den 50er Jahren zunächst kriegsgeplagten Kindern zu einer Reise in die Sonne verhalf, musste sich immer wieder den Gegebenheiten ihrer Zeit anpassen. Die Liste der Repräsentanten liest sich wie die Ahnengalerie des deutschen Showbusiness: Georg Thomalla, Freddy Quinn, Hans Rosenthal, Günter Pfitzmann, Udo Jürgens oder Mutter Beimer - stets animierten Volkshelden das Volk zum Mitspielen.

Nun, so heißt es aus dem Lierhaus-Umfeld, habe die Lotterie aber mit einem Generationenwechsel zu kämpfen und eine "Verjüngung" angestrebt - mit Lierhaus statt Elstner oder einem umstrittenen, weil millionenschweren Sponsorenvertrag mit dem Hamburger Fußballklub FC St. Pauli, dessen Kicker auf den Trikots für den Platz an der Sonne werben. Show-Dino Elstner, angeblich von Anfang an in den Personalwechsel eingebunden, hatte sechs Jahre lang zahlreiche Shows moderiert, in denen für die gute Sache gespielt wurde.

Monica Lierhaus ist durch ihre Krankheit ein mit angeblich mehr als 800.000 Euro dotierter Moderatorenvertrag mit der ARD entgangen. Wofür also wird sie bezahlt? Hat der Sender sie bei der Lotterie untergebracht als eine Art Entschädigung? In der Auswahl sei man "absolut frei" gewesen, sagt Lotterie-Chef Kipper, auch wenn sie "in enger Abstimmung und im Einvernehmen mit der ARD" erfolgt sei. Erst im März will die Gesellschaft den genauen Umfang der Tätigkeit von Monica Lierhaus umreißen.

Sie selbst ließ bei ihrem sogenannten Comeback vor knapp 14 Tagen wissen, sie werde noch lange nicht so weit sein, die "Sportschau" zu präsentieren - Galas und Spielshows sind von ihr also erst recht nicht zu erwarten. Zu erfahren war aber schon: Lierhaus wird künftig 50 kurze Sendungen im Jahr moderieren, in denen die Gewinnzahlen der Lotterie präsentiert werden; sie wird auf Plakaten und Anzeigen zu sehen sein, in TV-Spots auftreten und Einrichtungen besuchen, die aus den Erlösen der Lotterie finanziert werden. Dafür, so heißt es aus dem Management der Rekonvaleszentin, "halten wir ein Honorar für gerechtfertigt".

Womöglich entspringt der Neid auf Lierhaus' Gage ja nur der Fehleinschätzung der Lotteriespieler. "Sie halten sich für Spender", sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen. Das seien sie aber nicht. "Spenden sind eine freiwillige Gabe ohne Gegenleistung", so Wilke. Die TV-Lotterien basieren gerade auf der cleveren Vermischung von Eigennutz und Gutmenschentum: Einerseits wollen die Mitspieler Millionengewinne erzielen, andererseits können sie sich dabei auch noch wohl fühlen.

Selbst Organisationen wie Unicef, die ausschließlich auf Spenden angewiesen sind, schauen etwas neidisch auf dieses Konzept - und akzeptieren die bezahlte Prominenz. Bloß der Begriff "Botschafter" sei "unglücklich gewählt", sagt Unicef-Sprecher Rudi Tarneden. Das Kinderhilfswerk benutzt diesen Titel für ehrenamtliche Repräsentanten. Auch Wilke, dessen Institut das Spendensiegel vergibt, sagt: "Schirmherren und Botschafter sind im gemeinnützigen Bereich Ehrenämter."

So gesehen wäre die große Empörung nur die Folge eines kleinen Etikettenschwindels.

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Quelle:
SZ vom 18.02.2011/berr
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