Süddeutsche Zeitung

Adele Neuhauser im Gespräch:"In meinem Leben gab es viel Verzweiflung und Tragik"

"Tatort"-Darstellerin Adele Neuhauser klingt, als sei sie einer griechischen Tragödie entstiegen. Begegnung mit einer Person, die das Leben trotzdem in all seinen Facetten annimmt.

Als Bibi Fellner im Wiener Tatort ist sie leidenschaftlich und melancholisch, eine einsame Kämpferin gegen das Böse und gegen das allzu Glatte. Und im Leben? Ist Adele Neuhauser genauso. Gerade hat sie eine Autobiografie geschrieben. "Ich war mein größter Feind" heißt sie. Es dürfte die ehrlichste und schonungsloseste Lebensbeschreibung seit Langem sein.

Zum Gespräch treffen wir die Schauspielerin in einem hübschen Hotel in München. Sie dreht gerade am Chiemsee, muss noch Text lernen, aber für das Interview nimmt sie sich viel Zeit. Dass muss sie auch, wenn es um eine Geschichte wie ihre geht, vollgepackt mit vielen halben und ein paar echten Dramen. "In meinem Leben", sagt sie, "gab es viel Verzweiflung und Tragik, trotzdem kam in meinen schwärzesten Stunden immer etwas Göttliches ins Spiel, eine Kraft, die mir gezeigt hat, dass es noch nicht zu Ende ist."

Als Teenager hat sie mehrmals versucht, ihrem Leben ein Ende zu setzen

Klingt pathetisch. Und so ist diese Frau. Als wäre sie einer griechischen Tragödie entstiegen. Vielleicht liegt es daran, dass sie einen griechischen Vater hat und in Griechenland geboren wurde, bevor sie als Vierjährige nach Wien kam. Das Interessante: Sie gefällt sich nicht darin. Eher wirkt sie unsicher, wie ein junges Mädchen, das immer noch manchmal überfordert ist von dem Leben und den Menschen da draußen. Sie spüre große Sehnsucht in sich. "Nach aufrichtiger Größe, ehrlichem Pathos, unverwechselbaren Momenten."

Es hat gedauert, bis Adele Neuhauser die souveräne Schauspielerin wurde, die sie heute ist und der man so gern zusieht, weil man spürt, da rackert sich jemand ab, der genau so zweifelt und hadert wie man selbst. Als Teenager hat sie mehrmals versucht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, manchmal ernsthaft, manchmal spielerisch, die Schule hat sie geschmissen, am Max-Reinhardt-Seminar wurde sie abgelehnt, ihre erste Theatertournee war so schrecklich, dass sie versuchte, sich absichtlich den Arm zu brechen - ohne Erfolg.

Neuhauser war keine Frühvollendete, sie spielte sich über verschiedene kleine und mittelgroße Bühnen in den Vordergrund. Das hat Jahrzehnte gedauert. "Ich bin immer noch unsicher", sagt sie, "aber ich verstecke diesen Wesenszug nicht mehr, im Gegenteil, ich lasse ihn in meine Rollen einfließen. Was ich früher verborgen habe, ist heute der Motor, ja vielleicht sogar das Geheimnis meines Spiels."

Man könnte Stunden zuhören, so viel hat diese Frau zu erzählen: von den Pro- und Contra-Listen, die ihr bei wichtigen Entscheidungen helfen, ihrem Mann, von dem sie sich zweimal getrennt hat, von ihrer Seelenheimat Griechenland. Es ist erstaunlich, aber obwohl hier vor allem die Schattenseiten des Lebens Thema sind - in den vergangenen zwei Jahren sind Neuhausers Eltern und einer ihrer Brüder gestorben - steht man am Ende des Gesprächs inspiriert und fast ein bisschen beglückt vor dieser Frau. Endlich mal wieder eine Person, die das Leben in all seinen Facetten annimmt. Keine Kontrolle, keine Strategie, kein Kalkül - einfach nur ein ganz normaler faszinierender Mensch.

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