Süddeutsche Zeitung

Zarte Bande:Küssen verboten?

Lesezeit: 3 min

Ein Kuss ist eine wunderbare Sache - sofern er einvernehmlich ist und beide Seiten ein wenig Übung haben. Doch wie findet man heraus, ob das Gegenüber auch geküsst werden will? In Großbritannien wird gerade diskutiert, ob man besser vorher fragen sollte.

Von Felicitas Kock

"Ein Kuss ist ein oraler Körperkontakt mit einer Person oder einem Gegenstand", heißt es bei Wikipedia. Das ist wohl wahr - und gleichzeitig grober Unfug. Denn natürlich ist ein Kuss viel mehr als ein mechanischer Vorgang. Zumal, wenn er nicht mit einem Gegenstand ausgeführt wird, sondern mit dem Menschen.

So ein Kuss kann - vor allem wenn es sich um einen ersten handelt - mitunter zu einer heiklen Angelegenheit werden. Passt die Situation? In welche Richtung soll man den Kopf neigen? Und vor allem: Will das Gegenüber überhaupt geküsst werden? Oder reagiert es am Ende gar mit einer Ohrfeige, wie Scarlett O'Hara in "Vom Winde verweht", als sie zum ersten Mal von Rhett Butler niedergeknutscht wird?

Die Angelegenheit ist so heikel, dass in Großbritannien gerade viele Menschen darüber diskutieren, ob man vorher vielleicht fragen muss. "Sollte man um Erlaubnis bitten, bevor man jemanden küsst?", ist ein Text der BBC überschrieben.

Die erste Reaktion auf diese Frage ist wohl eine Gegenfrage. Sie lautet: "Wie bitte?" Da sitzt/steht/liegt man voreinander, schaut sich tief in die Augen, Schmetterlinge flattern, Funken fliegen, die Luft brennt, und das Gegenüber öffnet die Lippen nicht, um in oralen Körperkontakt zu treten, sondern um sich eine Erlaubnis einzuholen? Warum nicht gleich einen Zettel zum ankreuzen überreichen: Willst du mich küssen - ja, nein, vielleicht?

"Puritanisch und verregelt"

Man könnte sich nun über die Downton-Abbey-Manieren der steifen Briten lustig machen, die sich nicht nur bei jeder Gelegenheit brav in eine Reihe stellen, sondern sogar auf verbalisierte Zustimmung warten, bevor sie sich auf die Angebetete stürzen.

Tatsächlich ist das Ganze aber ziemlich verzwickt. "Sexualmoral ist heute sehr puritanisch und verregelt", zitiert die BBC den britischen Soziologieprofessor Frank Furedi, der in den Sechzigern aufgewachsen ist und Unverständnis für die jüngere, "zögerliche" Generation äußert. Er fühle sich zunehmend an Charaktere aus einem Jane-Austen-Roman erinnert, die pflichtbewusst sozialen Regeln folgen, die es so in seiner Jugend nicht gegeben habe.

Was Rhett Butler falsch gemacht hat

"Was heute als erniedrigend wahrgenommen wird, wurde vor 30 Jahren ganz anders bewertet", zitiert die BBC einen anderen Experten. Und weil im zwischenmenschlichen Bereich zwangsläufig viele sehr subjektive Ansichten im Spiel sind, wird es schwierig, den Durchblick zu behalten. Was für den einen ein Nichts, kann für den anderen verletzend sein; was für den einen ein Witz, ist für den anderen eine Beleidigung; und was für den einen ein Versuch ist, seine Zuneigung mitzuteilen, ist für den anderen vielleicht belästigend.

Besonders schwierig wird es, wenn Menschen aufeinandertreffen, die unterschiedlich sozialisiert wurden, etwa weil sie in verschiedenen Ländern aufgewachsen sind. Bestes Beispiel sind die Forschungsergebnisse einiger Soziologen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Tausende amerikanische Soldaten waren damals in Großbritannien stationiert und viele bandelten mit britischen Frauen an. Doch nach den ersten Annäherungsversuchen zeigten sich Amerikaner und Britinnen häufig entrüstet und warfen sich gegenseitig eine skandalös lockere Sexualmoral vor. Der Grund: Die Abfolge dessen, was zwischen dem ersten Kontakt und dem ersten Sex passierte, unterschied sich in beiden Ländern deutlich. Ein Kuss zum Beispiel bedeutete den Amerikanern nicht viel - den Britinnen aber sehr wohl. Wenn die Britinnen nach einem viel zu frühen Kuss also nicht Reißaus nahmen, gingen sie den für sie logischen nächsten Schritt - und der verstörte wiederum die GIs, da sie nicht damit rechneten, von ihren Liebschaften sofort mit nach Hause genommen zu werden.

Das Fazit: Ein Kuss ist eben nicht einfach nur ein Kuss.

Ob vorherige Absprachen die Lösung sind, muss wohl jeder für sich entscheiden - sollte aber die Möglichkeit miteinberechnen, dass sich das Gegenüber durch intensives Nachfragen so vor den Kopf gestoßen fühlt, dass aus einem gefühlten "ja" ein ausgesprochenes "nein" wird. Wer weiß, was herausgekommen wäre, wenn Johnny Baby nach minutenlangem Dirty Dancing noch gefragt hätte, ob sie nun auch zu einem Kuss bereit wäre. Oder wenn Leo und Kate auf dem Bug der Titanic erst ausführlich darüber diskutiert hätten, ob sie sich oral kontaktieren sollen oder nicht.

Wer sich ganz unsicher ist, sollte sich vielleicht an die 90-zu-10-Regel halten. Denn es wird bekanntlich niemand gezwungen, beim ersten Kuss den Rhett Butler zu machen und die Angebetete fest umklammert in Grund und Boden zu küssen. Nach der 90-zu-10 Regel hätte sich Rhett nicht komplett auf Scarlett zubewegt, sondern kurz zuvor innegehalten. Wenn sie keine Anstalten gemacht hätte, sich ihrerseits anzunähern, hätte er einfach so getan, als wollte er nur eine Wimper von ihrer Wange pusten. Ohne rot zu werden. Ohne sich eine Ohrfeige einzufangen. Und ohne Worte.

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