Süddeutsche Zeitung

Wanzen:Der Feind in meinem Bett

Eigentlich galten Wanzen in Deutschland als ausgerottet. Seit einigen Jahren aber ist der unangenehme Zeitgenosse Cimex lectularius wieder auf dem Vormarsch. Experten warnen: ,,Die Zahlen sind alarmierend'.

Claudia Fromme

Wenn Karolin Bauer-Dubau Post bekommt, geht sie damit ins Labor. Eine Vorsichtsmaßnahme, sagt die Biologin, die im Berliner Tropeninstitut für Schädlinge zuständig ist. Immer wieder krabbelten ihr missliebige Untermieter entgegen, die Ratsuchende zur Begutachtung in Briefumschläge gesteckt hätten. Kakerlaken seien das oft, Flöhe, Milben. Was halt in deutschen Kellern, Küchen und Betten so rumkreucht. Seit einiger Zeit aber mische sich immer öfter eine besondere Spezies unter die Fracht. Braunrot, sechs Beine, flügellos - Cimex lectularius, die gemeine Bettwanze. Wurden dem Tropeninstitut 1996 nur 24 Verwanzungen gemeldet, gab es 2006 bereits 193 Fälle - allein in Berlin. ,,Die tatsächlichen Zahlen dürften drei- bis viermal höher sein'', sagt Karolin Bauer-Dubau. Zum einen ist ein Wanzenbefall nicht meldepflichtig, zum anderen versuchten viele, einen solchen zu vertuschen.

Die Scham natürlich, und der Ekel. Vielleicht würden darum viele hierzulande so gern über die Wanzenseuche in New Yorker Hotels reden, sagt Rainer Gsell vom Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verband. Viele wünschten sich das Problem eben weit weg. Dabei sei die Wanze in Deutschland längst zurück. ,,Die Zahlen sind alarmierend'', sagt Verbandschef Gsell. Nie hätten die 300 Mitglieder des Berufsverbandes so viele Wanzeneinsätze gehabt wie 2006; bei manchen habe sich die Zahl der Aufträge im Vergleich zum Vorjahr sogar verfünffacht - Tendenz steigend. In allen Landesverbänden liefen darum derzeit Auffrischungskurse zur Wanzenbekämpfung.

Asienboom und Osteuropa

Bis vor einigen Jahren galt die Bettwanze in Deutschland als nahezu ausgerottet. Schädlingsbekämpfer Gsell sieht einen Grund für den verstärkten Wanzenbefall darin, dass die Schädlinge Resistenzen gegen bislang wirksame Insektizide entwickelt hätten. Karolin Bauer-Dubau führt die neue Seuche vor allem auf die gestiegene Reiselust im allgemeinen und die intensivierten Geschäftsbeziehungen mit Asien und Osteuropa im besonderen zurück. In Asien liege der Befall am milden Klima, in Osteuropa sei es so, dass ,,ein anderes Bewusstsein'' vorherrsche. ,,Bettwanzen werden da nicht so als Problem gesehen'', sagt die Biologin. Oft fehle auch das Geld für eine fachgerechte Beseitigung. Mit Asienboom und EU-Osterweiterung kamen die Geschäftsleute und in ihren Koffern reisten Wanzen zurück nach Westeuropa und Nordamerika, um dort andere menschliche Taxis zu finden.

Etwa die junge Münchner Lektorin, die im November beruflich in Washington zu tun hatte. Nach ihrer Rückkehr ging der Albtraum los, zwei Monate sollte er dauern. Jeden Morgen wachte sie mit neuen roten Quaddeln auf, das Jucken wurde unerträglich. Die Idee, dass es Mückenstiche sein könnten, gab sie schnell auf. Mücken? Im Winter? Irgendwann entdeckte sie kleine schwarze Punkte auf dem Laken - Wanzenkot. Sie schraubte ihr Bett auseinander, zog den Matratzenbezug ab, Tiere fand sie keine. Entnervt zog sie ins Hotel und rief einen Kammerjäger an. Der wurde fündig. In zwei Sitzungen nebelte er das Schlafzimmer ein, dann war Ruhe. 250 Euro kostete das. ,,Ich war so entnervt'', sagt die Münchnerin, ,,dass ich alles gezahlt hätte, um die Viecher loszuwerden.'' Vor allem, weil Wanzen einsam machen: Nachdem sie ihren Freunden von der Plage erzählte, weigerten die sich, sie weiter in ihrer Wohnung zu besuchen.

Dabei ist es nicht so, dass ein Befall etwas damit zu tun hat, ob eine Wohnung sauber gehalten wird. So fährt zum Beispiel Siegfried Vogt vor allem in den besseren Stadtteilen Einsätze. Gerade kommt er von einer Tour im Münchner Süden zurück. Handelsvertreter, um die 40 Jahre, gut verdienend, gepflegt. Vor allem solche Kunden seien es, die ihre Wohnung völlig entsetzt Hals über Kopf verließen und zu Freunden oder ins Hotel flüchteten. ,,In der Zwischenzeit können sich die Wanzen so richtig schön in der Wohnung breit machen'', sagt Vogt. Mehrere Sitzungen dauere die so genannte Entwesung. Im ersten Schritt versuche man die Wanzen zu erwischen, ein paar Wochen später sind dann die aus den Eiern geschlüpften Larven dran. Jedes Weibchen legt täglich bis zu zwölf Eier, innerhalb von zwei Wochen schlüpfen daraus Larven.

Wegen ihres bevorzugten Rückzugsortes und ihrer flachen Form - eine hungrige Wanze ist nicht dicker als ein Blatt Papier - wird die Bettwanze auch Tapetenflunder genannt. Rund um das Bett kann jede Steckdose oder Matratzennaht als Versteck dienen. Weil die Schädlinge ein halbes Jahr ohne Nahrung auskommen können, sollte man sich auch Antiquitäten oder alte Bilderrahmen beim Kauf genau anschauen. Bei starkem Befall kann man Wanzen sogar riechen. Um sich vor Fressfeinden zu schützen, sondern sie einen süßlich-moderigen Geruch ab.

Die Vorstellung, dass Bettwanzen nachts aus ihren Verstecken krabbeln und bis zu zehn Minuten lang mit ihren Saugrüsseln menschlichen Wirten Blut abpumpen, ist unappetitlich. Eine ernsthafte Gesundheitsgefahr gehe von ihnen aber nicht aus, sagt Schädlingsexpertin Karolin Bauer-Dubau. Zwar wurden schon 28 verschiedene Krankheitserreger in den Wanzen nachgewiesen, unter anderem auch Hepatitis B- und C-Viren und das HI-Virus, eine Übertragung sei bisher aber nicht belegt, sagt Bauer-Dubau. Das Speicheldrüsensekret der Wanze sorgt für die kleinen Quaddeln, die eine Woche lang Juckreiz hervorrufen.

Der Feind in meinem Bett

Wanzen tauchen auch gerne da auf, wo sich viele Menschen Betten teilen. Jugendherbergen und Hotels gehören zum festen Kundenstamm von Mario Heisig in Berlin. Bei seinem letzten großen Einsatz hat der Schädlingsbekämpfer 35 Zimmer eines Hostels entwanzt. Namen wird er nie nennen, sagt Heisig, Diskretion sei in seinem Geschäft alles, darum fahre er auch immer mit einem neutralen Lieferwagen zu Kunden. Nur eines: Von billigen Pensionen bis zu Sternehotels sei alles dabei.

Große Hotelgruppen schulen mittlerweile ihr Personal, um Bettwanzen zu erkennen. Manche geben sogar Merkblätter mit einer Skizze des Hotelzimmers an das Housekeeping heraus, auf denen Pfeile die Problemzonen kennzeichnen. In der Branche ist das Problem also bekannt, offen reden möchte da aber keiner drüber. Zu groß wäre der Imageschaden. So ist vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband auch nur zu hören, dass die Bettwanze wirklich kein Problem für die Hotellerie in Deutschland darstelle.

Im Hilton in Phoenix ist das ein wenig anders gelagert. Nachdem sie in dem Luxushotel im US-Bundesstaat Arizona von Bettwanzen malträtiert wurde, hat die New Yorker Opernsängerin Alison Trainer die Hotelkette auf fünf Millionen Dollar Entschädigung verklagt. Mehr als 150Bisse durch die Blutsauger habe sie erlitten, erklärte ihr Anwalt. Ihr Bett sei komplett verseucht gewesen, seine Mandantin habe die Tiere sogar auf ihrem Körper entdeckt. Wie in einem schlechten Science-Fiction-Film sei das gewesen. Nun sei sie psychisch ein Wrack, habe Narben am ganzen Körper und müsse medizinisch betreut werden. Die Hilton-Gruppe äußerte sich bislang nicht zu dem Fall.

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SZ vom 26.2.2007
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