Süddeutsche Zeitung

Serie: Körperbilder (4):Das passende Kinn zur Karriere

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Nur ein paar Schnitte entfernt von der makellosen Männlichkeit: Warum sich so viele erfolgshungrige Gutverdiener operieren lassen.

Marten Rolff

Das neue Kinn von Christoph Helms ist gerade einmal drei Tage alt. Doch um Spuren der Operation zu entdecken, muss man schon genau hinsehen. Nur wenn der 35-Jährige den Kopf in den Nacken legt, erkennt man unter dem Kinn die Fäden einer feinen Naht. Zwei Millimeter lang war der Schnitt für die Kanüle, mit der ihm das überschüssige Fett abgesaugt wurde, 40 Minuten dauerte das. "Wie ein Zahnarzttermin", winkt Helms ab.

Freitag Schönheits-OP, Samstag und Sonntag Abschwellzeit, Montag war er wieder in der Unternehmensberatung. Ohne das lästige Doppelkinn. Und mit einem Pflaster auf der Naht. "Ach, nur beim Rasieren geschnitten", hat er den Kollegen erklärt. Die haben verständnisvoll genickt.

Christoph Helms, der eigentlich anders heißt, verkörpert einen Trend. Zum einen, weil er zu der wachsenden Zahl von Männern gehört, die zum plastischen Chirurgen gehen. Zum anderen, weil gerade Männern wie Helms das Aussehen statistisch gesehen besonders wichtig ist: Keine andere Gruppe misst der äußeren Erscheinung mehr Bedeutung für die Karriere bei als männliche Spitzenverdiener. Und als Partner mit einem Jahresgehalt "jenseits der Viertelmillion" ist Helms nur einen Schritt von der Firmenleitung entfernt.

Überraschend sei, dass vor allem Männer Äußerlichkeiten im Job immer wichtiger finden, sagt Sonja Bischoff. Die Hamburger Wirtschaftsprofessorin untersucht seit 1986, worin Führungskräfte Erfolg begründet sehen. "Dabei hat das Aussehen eine eigene Karriere gemacht", sagt Bischoff.

Etwa ein Drittel der männlichen Manager hält es heute für aufstiegsfördernd (Frauen: 25 Prozent), es wird öfter genannt als Sprachkenntnisse oder Beziehungen. Top-Werber und PR-Fachleute werten die äußere Erscheinung gar als wichtigsten Erfolgsfaktor hinter der Ausbildung. "Sie halten das für entscheidender als Spezialwissen", erklärt Bischoff, "das muss man sich mal vorstellen."

Schönheitsfehler im System

Christoph Helms lächelt angesichts dieser Zahlen höflich - wenn auch etwas gequält, wobei er eine perfekte Zahnreihe freilegt. "Natürlich macht keiner Karriere, weil er ein neues Kinn hat", sagt er dann. Im Beraterjob komme es nicht auf Schönheit an, wohl aber auf Wirkung, auf eine Mischung aus Aussehen, Auftreten und sozialer Kompetenz. "Weil der Kunde persönlich auf Sie reflektieren muss", sagt er in einem etwas eigenen Jargon. "Selbstverständlich" hat Helms sich nicht für irgendeinen Kunden das Kinn machen lassen. Jedenfalls nicht direkt. "Ich habe es für mich getan - um meinem Gegenüber den Anblick zu ersparen."

Paradox findet der Berater das nicht. Er würde den Eingriff nie als Schönheitsoperation bezeichnen. Es sei darum gegangen, einen Makel zu eliminieren. Das Doppelkinn, sagt Helms, sei "genetisch" gewesen, "schrecklich auf Fotos". Es störte den Gesamteindruck. Wie ein Fehler im System eines Unternehmens, das man sanieren soll. Man findet und beseitigt ihn. Gründlich und rechtzeitig, "wenn Sie bis 40 warten, ist es zu spät, da hängt ja schon alles", sagt Helms. Seine Freundin fand: "Wenn es dich stört, lass es machen."

Botox? "Niemals! Das ist doch gar nicht nachhaltig."

Das Unternehmen Helms war schon immer auf Perfektion angelegt: Doppelstudium, Ausland, Bestnoten. Mit 25 Berater, mit 32 Partner. Und sein neues Kinn rundet das Bild nun ab. Es passt zu seiner geraden Nase, zur feinen Haut auf der hohen Stirn, den sorgfältig gescheitelten Haaren oder zu Helms' schönen Fingern, deren Nägeln man nicht ansieht, ob sie manikürt oder nur sehr gepflegt sind. Er sei nicht eitel, sondern kalkuliert, behauptet Helms. Auf keinen Fall würde er weitere Eingriffe bei sich zulassen. Botox? "Niemals! Das ist doch gar nicht nachhaltig."

Im Gegensatz zu den risikofreudigeren Frauen belassen es männliche Patienten meist bei einem Eingriff. Noch. Denn ihre Zahl nimmt stetig zu. Manche US-Umfragen behaupten, dass der Anteil der Männer bereits bei mehr als 30 Prozent liegt. Bei der Vereinigung der deutschen ästhetisch-plastischen Chirurgen (VDÄPC) hält man das für übertrieben, mit solchen Zahlen solle die Akzeptanz gesteigert werden. In Deutschland betrage der Anteil männlicher Patienten schätzungsweise gut 15 Prozent. Tendenz? Steigend!

"Irgendwie hat die Ästhetik zugenommen"

Irgendetwas am Umfeld habe sich über all die Jahrzehnte verändert, glaubt Klaus Fischer. "Irgendwie hat die Ästhetik zugenommen, ich kann das nicht genau benennen", sagt der Bankkaufmann aus der Pfalz. Der 57-Jährige meint wohl den Fitnesswahn oder die Sonnenstudiowelle oder die Magazinfotos der Neunziger, worauf man plötzlich Politiker beim Joggen sah. Wahrscheinlich meint er auch die vielen Einspielfilme über FettabsaugePraxen oder Meldungen von Schönheitschirurgen aus New York und London, dass jetzt fast alle ihre Patienten Finanzmanager seien. Jedenfalls hat auch "dieses Etwas" Fischer dazu gebracht, dass er sich die Nase machen ließ. "Einen richtigen Zinken" hatte er, "wie Mike Krüger".

In den ersten Berufsjahren sei die Nase nie Thema gewesen, sagt er. Doch plötzlich, so mit 45, sein Haar wurde nun dünner, hatte er das Gefühl, dass im Kollegenkreis getuschelt wurde. Er fing an, darauf zu achten, dass er Kunden frontal gegenübersaß, nie im Profil. Zu seinem 50. Geburtstag, 2002, etwa zu der Zeit, als die Wirtschaftswoche damit begann, den schönsten Manager des Jahres ermitteln zu lassen, hat sich Fischer dann selbst eine neue Nase geschenkt - und es nicht bereut. Seitdem, so glaubt er, "kann ich im Kundengespräch besser argumentieren". Er will jetzt noch mal angreifen. Stellvertretender Filialleiter, das sei noch drin.

Die Stirn von Gordon Brown

Einerseits hat Klaus Fischer den Chirurgen und die Klinikkette "Clinic im Centrum", die er aus dem Fernsehen kannte, diskret im Kollegenkreis weiterempfohlen. Andererseits will auch er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen - "Privatsache", sagt er. Zwar behauptet eine aktuelle Studie der American Society for Aesthetic Plastic Surgery, dass 69 Prozent aller Männer ein ästhetischer Eingriff nicht peinlich wäre. Das aber darf man bezweifeln. Denn während Frauen durch eine Schönheits-OP schlicht schöner werden wollen, möchten Männer vor allem frischer und leistungsfähiger wirken. Und modellierte Dynamik gilt eben noch als Mogelpackung.

Aus demselben Grund seien Männer froh, wenn sie ihre OP medizinisch begründen können, etwa bei Hängelidern, die das Sichtfeld einengen, sagt Goswin von Mallinckrodt, Leiter der Hubertusklinik in München-Nymphenburg. Aus dem Fenster seines Büros haben Patienten einen Blick auf blühende Kastanien und Fassaden von Gründerzeitvillen. Der Chirurg sieht aus, wie man mit Ende 50 gerne aussähe, und an der Wand hinter ihm hängt das Bild von einer Frau, mit der man mit Ende 50 gerne zusammen wäre: ein chinesisches Model, Anfang 20.

"Wer die Nase von Brad Pitt will, den schicke ich weg"

Die Zahl männlicher Patienten nehme vor allem zu, "weil sich die technischen Möglichkeiten verbessert haben", erklärt von Mallinckrodt. Der typische Patient sei zwischen 40 und 60, eher wohlhabend, erfolgreich - und sehr ergebniskritisch. Es sei besser, jemanden, der falsche Vorstellungen habe, wieder nach Hause zu schicken, sagt von Mallinckrodt. Er weiß: "Von solchen Patienten werde ich weiterempfohlen." Der Klinikleiter glaubt daher, dass vor allem seriöse Chirurgen ihren Anteil an männlichen Patienten steigern werden.

Als Vorstand der Vereinigung der deutschen ästhetisch-plastischen Chirurgen geißelt von Mallinckrodt das Reklamegetöse der Billigchirurgen und auf Botox umgeschulten Zahnärzte. Will er sich abgrenzen, neigt er deshalb dazu, Selbstverständliches leicht überzubetonen: Niemand könne durch eine Operation ein anderer werden, sagt er dann mit jovialer Stimme. Oder: "Wer die Nase von Brad Pitt will, den schicke ich weg."

Ein Mann aus dem Fränkischen wollte mal die Nase von Uli Hoeneß. Kurz und knollig. Von Mallinckrodt versuchte, ihm das auszureden. Die Nase hat er dem Patienten dann doch gemacht. "Natürlich nicht die von Uli Hoeneß, sondern eine, die zu ihm passte." Natürlich. Aber entscheidend war am Ende ohnehin etwas anderes: dass der Patient fand, die Nase sehe aus wie die von Hoeneß.

Das "Sarkozy-Syndrom"

Dass Macht schön macht, finden eben nicht nur Frauen, sondern offenbar zunehmend auch Männer: Bei der Umfrage zum schönsten deutschen Manager favorisierten männliche Teilnehmer Porsche-Chef Wendelin Wiedeking - auch darauf muss man erstmal kommen. Und als der linkische britische Premier Gordon Brown kurzfristig im Umfragehoch war, frohlockten Londoner Chirurgen: Männer wollen jetzt seine Denkerstirn!

Sollte das je gestimmt haben, dürften dieselben Männer heute eher nach der mokanten Augenbrauenpartie von Nicolas Sarkozy fragen. Vom französischen Präsidenten weiß man, dass er für sein Erscheinungsbild alles tut. Für Fotos posiert er gern auf Zehenspitzen. Zudem hat er neuerdings eine Fitnesstrainerin, die nun alle wollen. Manche nennen den Körperwahn des Präsidenten bereits das "Sarkozy-Syndrom". Zwar sind Männer von jeher gern mit Jahrzehnte jüngeren Frauen liiert. Neu ist jedoch, dass sie deshalb den Blick in den Spiegel nicht mehr ertragen.

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SZ vom 28.04.2009/mes
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