Süddeutsche Zeitung

Pseudowissenschaftliche Angebote:Grüne fordern Verbot von Therapien für Homosexuelle

Christlich-fundamentalistische Gruppen wollen Homosexuelle mit pseudowissenschaftlichen Therapien "heilen". Dagegen wollen die Grünen nun vorgehen - und warnen vor sozialer Isolation und Depressionen.

"Du Jammerfritze, schnappe dir einen Teller mit Glasscherben und friss sie auf, aber schnell!" Die Zeile stammt aus dem 1985 erschienenen Buch Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen von Gerard J. M. van den Aardweg, einem niederländischen Psychologen und Psychoanalytiker, der sich vor allem mit Homosexualität beschäftigt. 20 Jahre arbeite er mit Schwulen und Lesben und postulierte anschließend einen "Selbstmitleidsmechanismus" bei vielen Homosexuellen. Er war sich sicher: Homosexualität ist eine Krankheit, die man heilen kann. Eine seiner vorgeschlagenen Methode: "Durchprügeln" und eine Art verbaler Selbstgeißelung.

Auch in Deutschland gibt es Gruppen, die mit pseudowissenschaftlichen Methoden versuchen, Homosexualität als Krankheit darzustellen und Therapieangebote offerieren. Eine krude Idee.

"Erhebliches, gesundheitliches Risiko"

Bereits im Jahr 1974 wurde Homosexualität von der amerikanischen Psychiatervereinigung aus ihrem Diagnoseklassifikationssystem gestrichen; 1992 wurde sie auch aus dem Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation entfernt.

Grund genug, solche Thearpien endgültig zu verbieten. Dafür wollen sich die Grünen nun einsetzen. Diese würden nicht nur nichts bewirken, "sondern haben vor allem ein erhebliches, gesundheitliches Risiko", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, der Saarbrücker Zeitung.

"Es gibt in Deutschland zahlreiche Angebote aus der religiös-fundamentalen Ecke, die vorgeben, Homosexuelle von ihrer Orientierung heilen zu können", sagte Beck. In diesen Kreisen werde oftmals Druck auf Jugendliche ausgeübt, sich solchen Programmen zu stellen. Wenigstens Kinder und Jugendliche müssten davor geschützt werden, betont der bekennend homosecuelle Politiker.

"Ängste, soziale Isolation, Depressionen"

Einem Gesetzentwurf der Grünen-Bundestagsfraktion zufolge sollen Verstöße mit einer Geldbuße von mindestens 500 Euro geahndet werden, schreibt die Zeitung. Laut Gesetzentwurf gebe es Untersuchungen, wonach bei der Mehrzahl der so behandelten Menschen schädliche Effekte wie "Ängste, soziale Isolation, Depressionen bis hin zum Selbstmord" aufgetreten seien.

Die Gruppen, die derlei Angebote offerieren, stammen meist aus dem christlich-fundamentalistischen Lager. Verbohrte Evangelikale oder allzu sendungsbewusste Bibeltreue, die meinen, sie könnten einen Kreuzzug gegen alle Andersdenken starten.

Als beispielsweise 2008 das "Christival" in Bremen stattfand, sollte dort auch ein Seminar "Homosexualität verstehen - Chance zur Veränderung" auf der Agenda stehen. Angeboten wurde der pseudowissenschaftliche Gedankenaustausch vom so genannten "Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft" der "Offensive Junger Christen", einer laut Selbstbeschreibung ökumenisch-evangelikalen Vereinigung. In der Seminarbeschreibung hieß es: "Viele Menschen leiden unter ihren homosexuellen Neigungen. Im Seminar geht es um Ursachen und konstruktive Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen."

Auf einer Stufe mit Alkoholismus

Nach Protesten teilten die Veranstalter dann aber mit, das Seminar sei von den Referenten aufgrund der öffentlichen Diskussion abgesagt worden. Zum Bedauern des "Christivals", wie es hieß.

Die Beteuerung des "Instituts", sich nur für "Selbstbestimmung" und "Freiheit" einzusetzen, wird durch zahlreiche Publikationen dieser Einrichtung konterkariert und zeigt, um was es diesen Gruppen tatsächlich geht. Homosexualität wird auf eine Stufe mit Alkoholismus gestellt, das homosexuelle Leben durchweg als ein von psychischen Krankheiten und Süchten gekennzeichnetes dargestellt.

In einem "Sonderheft Männliche Homosexualität" des "Instituts" aus dem Jahr 2005 empfahl es als "weiterführende Literatur für Männer und Frauen, die Veränderung suchen, und für ihre Angehörigen und Freunde" unter anderem das Buch van den Aardwegs, in dem der "Jammerfritze" Glasscherben fressen sollte. Weiter steht dort: "Los, hinunter mit der Flasche Blausäure, dann kannst du dich auf dem Boden wälzen, dann weißt du wenigstens, wieso du hier herumschreist!"

Bundesregierung wertet Therapien als gefährlich

Oder an anderer Stelle: "Ich habe große Lust, dich zum Fenster hinauszuwerfen, dort unten in die Dornenbüsche, und das tue ich jetzt auch! Hier bekommst du eins mit einem Rohr aus Blei über. Da hast du einen Fußtritt, dass du mitten durchbrichst. Jetzt schütte ich dir Benzin über den Kopf, und dann machen wir ein Feuerchen."

Es ist der lächerliche Versuche, der weit verbreiteten These von der austreibbaren "Neigung" oder "Fehlfunktion" ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Das Institut warb laut einer kleine Anfrage der Grünen im Bundestag im Jahr 2008 auf seiner Internetseite damit, dass es vor vielen Jahren im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend tätig gewesen sein soll.

Doch nicht nur das "Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft" fühlt sich bemüßigt, antihomosexuelle Seminare und pseudowissenschaftliche Therapieangebote zu offerieren. Auch andere Gruppen religiöser Fundamentalisten sind davon überzeugt, sie könnten auf obskure Art und Weise homosexuelles Verhalten in asexuelles oder heterosexuelles verändern. Darunter "Campus für Christus", "wuestenstrom", "Pastoral Care Ministries Deutschland", "JASON Ex-Gay Ministry", "Weißes Kreuz" oder das "Adventwohlfahrtswerk".

Bundesregierung bezeichnet Therapie als gefährlich

Die deutsche Bundesregierung lehnte diese Therapie 2008 als gefährlich und unwissenschaftlich ab, ein Verbot gibt es jedoch noch nicht. In einer Antwort auf die Anfrage der Grünen fasste sie den Forschungsstand aus ihrer Sicht wie folgt zusammen: "Homosexualität bedarf weder einer Therapie noch ist Homosexualität einer Therapie zugänglich."

Dennoch: Auch unter Psychiatern und Psychologen kommt es nicht selten vor, dass sich in der Praxis mit der Homosexualität befasst wird. Eine Studie der Universität London von 2009 unter britischen Psychiatern und Psychotherapeuten zeigte, dass sich eine signifikante Minderheit mit solchen Therapien befasst. Vier Prozent gaben an, dass sie auf Wunsch des Klienten versuchen würden, dessen sexuelle Orientierung zu verändern. 17 Prozent gaben zu, dass sie mindestens einem Klienten geholfen hätten, seine homosexuellen Gefühle zu reduzieren oder zu verändern.

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