Süddeutsche Zeitung

Porträt Jake Burton:Snowboard-Erfinder Burton - der ist die Härte

Jake Burton ist der Urvater des Snowboardens. Vor einem Jahr erkrankte der Unternehmer schwer. Ein Treffen mit einem, der niemals aufgibt.

Porträt von Lisa Schnell

Jake Burton erzählt von seiner Hölle. Wie er zu schwach war, nur ein Augenlid zu heben, wie er nie genügend Luft bekam, wie sich eine Beatmungsmaschine anhört - "Sch-sch-sch", regelmäßig wie eine Lokomotive. Seine Stimme ist noch kratzig von dem Schlauch, der in seinem Hals steckte. Er zeigt die Narbe in seinem Bauch, ein schwarzes, kleines Loch, durch das er ernährt wurde. Monatelang lähmte ihn eine seltene Autoimmunkrankheit, das Miller-Fisher-Syndrom.

Er dachte, er würde sterben, und hier sitzt er nun, auf dem Kopf wieder lange Strähnen statt grauer Stoppeln, die Arme nicht mehr dünn wie Streichhölzer, aber noch nicht so muskulös wie früher. Manchmal kann er mit seiner brüchigen Stimme sogar wieder lachen. Etwa darüber, wie es ihn regelmäßig hinhaute, weil er nicht wahrhaben wollte, dass seine Beine ihn noch nicht tragen.

Und dann wird es doch zu viel. Die eine Frage produziert in ihm keine Worte mehr, sondern nur noch Gefühle. In seinen bernsteinbraunen Augen plötzlich Verletzlichkeit. Er senkt den Blick, eine Träne rinnt über den Nasenflügel. Er beugt sich vor, presst sein Gesicht in die Handflächen, schnippt das Aufnahmegerät weg. Darauf später: 27 Sekunden Atmen, Ewigkeitsstille. Und davor diese Frage: Was hat die Krankheit mit ihm gemacht?

Früher war er der Lord of the Board, der Urvater des Snowboards, mit seinen 61 Jahren der coole Opa einer ganzen Generation. Nicht der einzige, der Anfang der Siebzigerjahre so verrückt war, auf einem Brett im Schnee zu surfen, aber der einzige, der es verkaufen konnte. Er ist der Mann, der es der Skiindustrie gezeigt hat, der immer seinen eigenen Kopf hatte, immer anpackte, nach vorne preschte. Das Wichtigste für ihn: seine Eigenständigkeit. Und jetzt?

Jetzt weiß er, wie es ist, ins Bett machen zu müssen. Wie es ist, fliehen zu wollen und nicht zu können, hilflos zwischen Krankenhausbett und Boden zu hängen. Er hat alles verloren, er holt sich gerade vieles zurück. "Ich bin so dankbar", presst er hervor. Noch einmal drückt er das Taschentuch an die Augen. Es geht wieder.

Eingesperrt im eigenen Körper

Warum sein Körper vor einem Jahr die eigenen Nervenzellen angriff, weiß man nicht. Vielleicht weil er davor eine Knie-OP hatte. Drei Wochen später war er schon bei den US-Open. Und plötzlich sah er doppelt. Er hatte die schlimmste Form von Miller-Fisher. Seine Lähmung begann am Kopf. Tag eins: Er konnte nicht mehr schlucken. Tag zwei: die Augen nicht öffnen, Tag drei: nicht atmen, nicht essen. Bis auf seine Hände war er völlig gelähmt. Ein Schlauch ernährte ihn, ein anderer pumpte Luft in seine Lungen, die ganze Zeit war Burton wach. Voll da, eingesperrt im eigenen Körper.

Sein einziger Weg nach draußen: seine Hände, ein Stift und Papier. Zwei große Stapel Kopierpapier kritzelte er voll: "Sedieren bitte", "Ich hasse die Yankees", "Entschuldigt, aber ich hab mir ein bisschen in die Hose gemacht", "Vergiss nicht, mich auch mal zu küssen". Kurze Anweisungen, Galgenhumor, Liebeserklärungen an seine drei Söhne, 26, 22 und 19 Jahre alt, an seine Frau Donna.

Sie war 18, als sie der zehn Jahre ältere Burton in einer Bar auf einen Drink einlud. Snowboarden? Noch nie gehört. Burton brachte es ihr bei. Drei Tage Dauerfluchen, dann glitt sie den Hang runter. Donna arbeitete in der Fabrik, im Verkauf. Heute ist sie Geschäftsführerin. Sie arbeiten zusammen, wohnen zusammen, fahren zusammen. Ein Psychiater im Krankenhaus befragte sie getrennt zu ihrer Ehe. "Perfekt" - sagte er, sagte sie. So etwas hatte der Arzt noch nicht erlebt.

Doch selbst Donna glaubte Burton nicht, dass alles gut wird. Ähnliches hörte er, als seine Mutter krank war, am Schluss starb sie doch an Leukämie, da war er 17. Und ging es ihm nicht jeden Tag schlechter? Erst hieß es sechs Wochen Krankenhaus, dann sechs Monate. Irgendwann stand auf seinem Zettel: "Ich will mich umbringen." Und er wusste, wie man kämpft. 2011 bekam er Krebs. "Da lernte ich, hart zu sein. Aber das ging jetzt nicht. Ich konnte gar nichts."

Alles neu lernen

Bis zu seiner Krankheit schien er fast alles zu können, wenn er nur wollte, insofern ist er ein typischer New Yorker, in der Stadt, in er alles möglich zu sein scheint, kam er 1954 zur Welt. Er hatte eine verrückte Idee, glaubte an sich, wurde reich. Er bekam Krebs, er kämpfte, besiegte ihn. Seine Geschichte war die vom amerikanischen Traum, vom Einzelnen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Jetzt, nach seiner Krankheit, ist sie vor allem eine große Liebesgeschichte. Ohne Donna, die fast jede Minute bei ihm war, ihn ablenkte, stoisch optimistisch war, hätte er es nicht geschafft. Da ist er sich sicher. Wie wichtig Familie ist, das hat er gelernt. Und Geduld.

Wie ein Baby musste er alles neu lernen. Atmen: Schlauch raus, einatmen, ausatmen, zwei Minuten, Ersticken, wildes Winken, Schlauch wieder rein. So schwierig war es mit allem: Essen, Gehen, Reden. Doch jetzt konnte er wieder anpacken. Und sein altes Leben in sein Krankenzimmer lassen. Neben seinem Bett hingen Fotos seiner Mitarbeiter mit dem Burton-Gruß: ein ausgestreckter Mittelfinger.

Für andere Männer in seinem Alter wäre das wohl eine Beleidigung, für Burton nicht. Sein bester Freund ist 22, der Profi-Snowboarder Mark McMorris. Er trägt weite T-Shirts, tief sitzende Jeans wie die Teenies, die seine Boards kaufen und er flucht wie sie. "Scheiß drauf", habe Burton sich gedacht, als er 1977 seinen soliden Job kündigte, um in einer Garage in Vermont Snowboards zu zimmern. Im Schnee surfen, das war ein Sport, keine Spielerei, das wusste er schon mit 14, als er sich einen Snurfer kaufte - ein windiges Brett für zehn Dollar, ohne Schuhhalterung, mit einem Seil zum Lenken.

Er studierte BWL, mit Business kannte er sich aus, mit Holz weniger. Nicht nur einmal flogen ihm die Bretter um die Ohren. Doch rechnen konnte er. Im ersten Jahr verkaufte er 350. Dann waren es 700, dann 1400. 20 Jahre lang verdoppelten sich die Verkaufszahlen jedes Jahr.

Die Punks der Piste

Eigentlich wollte er nur schnell reich werden. Das hat er geschafft, Burton ist weltweit führend. Fast noch wichtiger ist, dass seine Geschäftsidee eine neue Subkultur hervorbrachte, die Punks im Schnee. Jugendliche mit bunten Haaren, die nichts spießiger fanden, als in teuren Ski-Resorts mit ihren Eltern über die Eleganz von Hüftschwüngen zu debattieren. Sie packten ihre Bretter, kraxelten den Berg hoch und heizten da runter, wo der Schnee in der Kurve am höchsten spritzte - zum Entsetzen der Skifahrer. Auf ihre Pisten ließen sie diese Schneerüpel nicht. Doch es wurden immer mehr, ignorieren ging nicht mehr.

Die Skifahrer rümpften die Nase, die Snowboarder fühlten sich als Rebellen. Dabei war Burton alles andere als eine Punkfirma. "Die Resorts, die großen Händler, bei denen musste ich mich einschleimen." Und plötzlich stand er mit seinen Fahrern auf Siegertreppchen. Und dann 1998: Nagano, Japan, Olympische Winterspiele. Gut, Snowboarden haben sie damals falsch geschrieben, aber hey, es war Olympia. Ein Hochgefühl für Burton. Für andere verlor Snowboarden seine Seele. Er atmet tief ein, wenn man ihn danach fragt. Klar würde er lieber nur an kleine Läden verkaufen anstatt an große Internethändler, aber Business ist Business.

Und der Spirit? "Wir denken wie Snowboarder. Wir leben wie Snowboarder", sagt er. Zehn Monate im Jahr reiste er mit seiner Familie dem Winter hinter her. Burton lebt für seine Geschäftsidee.

Im Krankenhaus hatte er eine Box auf seinem Rollstuhl, aus der alle erdenklichen Varianten von "Fuck" schallten. Er liebt Hip-Hop. Auf seinem Handy zeigt er einen Film: er im Bett, weiß-grüner Krankenhausdress, überall Schläuche und ein Song: "I like how it feels" - sein Mund formt die Worte, er wirft seinen Kopf wie ein Rockstar hin und her, seine Daumen tanzen, seine knochigen Knie wippen. Erst glaubte er nicht, dass er wieder gesund wird, dann übernahm er sich. Vorpreschen, anpacken, hinfallen, aufstehen. Er ließ sich im Helikopter mit seinen Söhnen vom Krankenhaus zu einem Pferderennen fliegen, rollte im Rollstuhl zum Greatful Dead-Konzert. Viel zu früh.

Eine Stunde war er heute auf dem Brett. Im Sommer will er auch wieder surfen. Wie, das weiß er noch nicht, aber irgendwie wird er sich sein Brett zurechtzimmern. "Es gibt immer einen Weg", sagt er.

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Quelle:
SZ vom 12.03.2016/vs
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