Süddeutsche Zeitung

Multiple Sklerose:"Klettern, nicht Krankengymnastik"

Lesezeit: 3 min

Therapie an der senkrechten Wand: Eine Münchner Multiple-Sklerose-Gruppe kraxelt. Und wie! Ein Besuch.

Manuel Schwarz

Schwungvoll drückt sich Markus Hermann vom Rollstuhl hoch und an die Kletterwand. An zwei großen Griffen klammert sich der 47-Jährige, zieht sich hoch, stellt den linken Fuß auf einen Tritt. Schwieriger wird's rechts, da hat Hermann eine Schlaufe um den Oberschenkel gebunden, an der er kräftig zieht, um auch dieses Bein anzuwinkeln.

Die Methode hat er sich in den viereinhalb Jahren erarbeitet, damals hat er das Klettern entdeckt. Hermann leidet an Multipler Sklerose (MS), was ihn aber nicht davon abhält, einmal pro Woche den Sicherheitsgurt umzuschnallen, die unbequemen Kletterschuhe zu schnüren und sich in die senkrechte Wand zu wagen.

Zeitvertreib, Reha oder Sport - Hermann spricht vor allem von einem neuen "Selbstwertgefühl", das beim und durch das Klettern entstehe. Der IT-Spezialist ist Sprecher von "MS on the Rocks", einer Münchner Trainingsgruppe von MS-Patienten, die bald ins sechste Jahr ihres Bestehens geht. "Die Gruppe ist zum Vorreiter für das therapeutische Klettern geworden", sagt Hermann.

Klettern als Therapie etablieren, das ist das Ziel des 47-Jährigen, der seit knapp 25 Jahren an MS leidet. Durch die Sportart könne die Krankheit zwar nicht besiegt, aber ein bisschen in den Hintergrund geschoben werden - "weil man sich gut und stark fühlt", schwärmt Hermann.

Zur ersten Kletterpartie in einer Halle im Münchner Olympiazentrum lud im Mai 2005 Tobias Käser. Der Sportstudent schrieb an einer Diplomarbeit über therapeutisches Klettern bei MS und suchte dafür Mitwirkende. Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie MS können an der Kletterwand vor allem Stützmotorik und Gleichgewicht stärken, so Käsers These. Die Erfahrungen der mittlerweile 28 Mitglieder von "MS on the Rocks" - sie sind zwischen 30 und 67 Jahre alt - geben Käser, der immer noch ab und zu bei seinen einstigen "Probanten" vorbeischaut, Recht. "Viel stabiler und gleichzeitig auch viel beweglicher" sei sie durch das Klettern geworden, erzählt Anja Rodemann, die von Beginn an dabei war.

Von Erfolgen weiß auch Claudia Kern zu berichten. Die Sportwissenschaftlerin der TU München ist Übungsleiterin und sichert ihre Schützlinge am Seil. "Viele können besser stehen und laufen, stürzen im Alltag weniger", sagt Kern. Es sei einfach "mehr Lebensqualität" da, betont die 37-Jährige und erklärt auch warum: "Das hier ist Sport, und keine Krankengymnastik". Eine allgemeine Diagnose in der Gruppe könne man aber nicht fällen, dafür sind die Handicaps der einzelnen zu unterschiedlich. "MS ist schwer zu greifen", sagt Kern.

Rund 122.000 Menschen leiden derzeit in Deutschland an der Nervenkrankheit, jährlich kommen nach Schätzungen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) etwa 2500 dazu. Für ihr Engagement sind die Münchner Kletterer in dieser Woche im Rahmen des Projekt-Wettbewerbs "Gemeinsam aktiv mit MS" ausgezeichnet worden.

Wie das Klettern hilft

Die Gruppe als Teil des Kuratoriums für Prävention und Rehabilitation an der TU München erhielt dabei aus den Händen von Fernsehmoderatorin Nina Ruge eine Spende in Höhe von 2500 Euro. Damit wollen die Kletterer neue Materialien wie Seile und Sicherungsgeräte kaufen. Außerdem soll etwas von dem Geld beiseite gelegt werden, um im Sommer zu Klettergärten in die Natur zu fahren.

Am Fuße der über zehn Meter hohen Wand im Olympiazentrum wartet derweil Sebastian Born schon unruhig, bevor er losdarf. Born ist einer der fortgeschrittenen Kletterer in der Gruppe, muss sich aber wie alle anderen in das Top-Rope-Seil einhängen - "Top Rope" heißt, immer per Überlaufkarabiner von oben gesichert. Bei gespanntem Seil kann Betreuerin Kern, die unten steht, einen Kletterer dabei ein bisschen mit hochziehen. "Aber das will ich nicht", betont Born, er will die Wand ohne Hilfe erklimmen, was er in kurzer Zeit schafft.

"Ich kann nicht genug kriegen"

Kaum wieder am Boden angekommen, sieht er sich schon die nächste Route an. Sein Auge fällt auf eine überhängende Wand, an der vom Sportler neben Technik auch jede Menge Kraft gefordert ist. "Ich kann nicht genug kriegen", meint der 39-Jährige stolz, neben dem Klettern einmal in der Woche gehe er alle zwei Tage ins Fitnessstudio. Was der gelernte Elektriker, der im Jahr 1995 gewerbsunfähig wurde, mit Hanteln und Geräten aber nicht trainieren könne, seien "motorische Dinge, Kontrolle über seine Muskeln und vor allem Koordination". Und außerdem: Gemeinsames Klettern in der Gruppe mache "einfach Spaß."

Das findet auch Anja Rodemann. "Es klingt cooler, wenn ich sagen kann, ich gehe zum Klettern, und nicht zur Krankengymnastik." Seit Beginn des Projekts habe sich der Alltag der Qualitätsmanagerin deutlich verbessert. "Irgendwann habe ich mich dann dabei ertappt, wie ich mir die Hosen im Stehen angezogen habe", sagt Rodemann und lacht. Davor war das für die 42-Jährige nur im Sitzen oder an eine Wand gelehnt denkbar.

Die Kletterer von "MS on the Rocks" treffen sich samstags von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr in der Leichtathletik-Halle des Zentralen Hochschulsports (ZHS) auf dem Olympiagelände. Weitere Informationen unter www.ms-ontherocks.de

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SZ vom 10.12.2009/pfau
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