Süddeutsche Zeitung

"Monopoly" wird 75:Das Spiel der Finanzkrisen

Joseph Goebbels ließ es verbieten, und in Nordkorea und Kuba ist es bis heute nicht erlaubt: "Monopoly", das Spiel der Spiele, wird 75 Jahre alt. Der Einzige, der mit dem Spiel zum echten Milionär wurde, war sein Erfinder Charles Darrow.

Es war der Horror aller Eltern: Hatten die Kinder beschlossen, "Monopoly" spielen zu wollen, war klar: Es stand ein langer Abend bevor. Und vor allem: Zocken ohne Ende. Haltlose Spekulation, fieser Immobilienpoker und fragwürdige Kredite: Was sich verdächtig nach der jüngsten Finanzkrise anhört, ist der Inhalt eines der bekanntesten Brettspiele der Welt. Seit 75 Jahren treiben Zocker damit spielerisch ihre Freunde in den Ruin - natürlich nur mit Spielgeld.

Das Taktik- und Glücksspiel kam wenige Jahre nach der Weltwirtschaftskrise in den USA auf den Markt und trat einen Siegeszug um die Welt an. Heute ist es in 111 Ländern lizensiert und in 43 Sprachen zu bekommen. In Deutschland gehört "Monopoly" nach "Mensch ärgere dich nicht" noch immer zu den bekanntesten Brettspielen.

Es gibt nur zwei Staaten auf der Welt, die bis heute einen antimonopolistischen Schutzwall errichtet haben: Nordkorea und Kuba. Vertrieb und Verkauf des Spiels seien dort immer noch offiziell verboten, heißt es beim Hasbro-Verlag in den USA, der heute die Rechte an "Monopoly" besitzt. Andere Bastionen des Antikapitalismus sind umgefallen wie Dominosteine. Glasnost und Perestroika brachten das Spiel 1988 in die Sowjetunion und kurze Zeit später in andere osteuropäischen Staaten. Inzwischen gibt es auch eine China-Ausgabe.

1935 ahnte der arbeitslose US-Heizungsbauingenieur Charles Darrow noch nicht, dass sein Spiel einmal eine politische Geschichte bekommen würde. Lange fand er noch nicht einmal einen Verlag für seine Spielidee, die im Freundeskreis so gut ankam: Ein Brett mit dem stilisiertem Stadtplan des beliebten Ausflugsziels Atlantic City südlich von New York. Mit Würfelglück und Taktik macht es Spieler zu reichen Immobilienbesitzern, mit Pech zu insolventen Opfern von Wuchermieten. Dazu kommen neben dem "Gefängnis" Spielfelder oder Ereigniskarten, die später im Deutschen zu geflügelten Worte geworden sind - etwa "Gehen Sie (nicht) über Los".

Heute ist umstritten, ob Darrow wirklich die Ehre des Spielerfinders gebührt. Es gab Gerichtsprozesse um Vorläufer-Spiele mit ähnlichem Aufbau. Belegt ist aber, dass sich Darrow Ende 1935 sein Spiel mit dem klangvollen Namen patentieren ließ und die Rechte an den Parker-Verlag verkaufte. In den Monaten zuvor hatte er rund 5000 selbstgebastelte Versionen an Spielzeugläden verkauft.

Die Frage nach der Hauptstadt

Der spielerische Schacher um Mieten, Macht und Moneten traf damals sofort den Nerv der Zeit. "Monopoly" machte Darrow zum echten Millionär, den Parker-Verlag rettete es vor dem Ruin - und das in einem Krisenjahr. Der Zusammenhang ist wohl immer noch aktuell. Ende 2009 stellten deutsche Spieleverlage fest, dass die Finanzkrise die Lust am Spiel belebt. In Zeiten knapper Kassen blieben mehr Menschen zu Hause und suchten kostengünstig Zerstreuung.

"Monopoly" eroberte Deutschland zuerst im Jahr 1936, umgemünzt auf den Berliner Stadtplan. Nicht ohne Hintergedanken sollen Übersetzer die Insel Schwanenwerder als eines der teuersten Spekulationsobjekte eingezeichnet haben. Denn dort besaß Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels eine Villa. Die hatte er weit unter Wert von einem jüdischen Besitzer erworben, der zum Verkauf gezwungen wurde. Der verärgerte Goebbels ließ das Spiel angeblich verbieten und gab als Grund den "jüdisch-spekulativen Charakter" des Spiels an. Eine sichere Quelle dafür gibt es allerdings nicht. 1938 verschwand "Monopoly" einfach aus den Spiele-Katalogen.

Erst 1953 kam das Spiel in der Bundesrepublik wieder in den Handel, in der DDR blieb es verboten. Doch in Westdeutschland gab es schon wieder ein Problem. Wer kannte schon Innenstadt-Straßen der jungen Hauptstadt Bonn mit merkwürdigen Namen wie Mauspfad? Wie lange würde das Provisorium Bonn Hauptstadt bleiben? Die deutsche Edition erhielt deshalb als einzige Länder-Ausgabe nicht die Straßennamen ihrer Hauptstadt, sondern Phantasiebegriffe wie Schlossallee.

Mathematiker hat "Monopoly" zu Wahrscheinlichkeitsrechnungen über die beste Taktik beflügelt. Psychologen versichern, es käme auch aufs Würfelglück an. Ihre Fähigkeiten testen Spieler heute bei "Monopoly"- Weltmeisterschaften, andere stellen immer neue Rekorde auf. Eine 99-Stunden-Partie in der Badewanne ist schon registriert, 200 Stunden Balanceakt auf dem Schwebebalken sind abgehakt.

Sein Langzeit-Überleben hat das Spiel aber sicher auch seiner Anpassungsfähigkeit zu verdanken. Von Städte-Editionen über Ausgaben zu Star Wars bis zu Fußball-Spielbrettern für Bayern-München-Fans ist fast alles zu haben. Die neueste Idee ist ein rundes Spielbrett. Der Klassiker ist und bleibt aber das mit dem Gefängnis in der Ecke, den vier Bahnhöfen und Wasser- und Elektrizitätswerk und der Schlossallee. Und für die wurde bekanntlich - das sang jedenfalls Klaus Lage im Jahr 1984 - schon immer viel zu viel verlangt.

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