Süddeutsche Zeitung

Lebensgeschichte der Regisseurin Eva Ionesco:Von der nackten Prinzessin

Mit vier Jahren wird Eva Ionesco als Aktmodell missbraucht. Ihre eigene Mutter fotografiert sie in erotischen Posen und verkauft die Fotos als Kunst. Nun erzählt Ionesco im Film "I'm not a f**cking princess" ihre Geschichte.

Sie nannten sie Prinzessin, "kleine Prinzessin", wie im Märchen. Sie steckten ihr eine funkelnde Krone ins Haar, in der sich das Licht tausendfach brach, sie bewunderten sie für ihre Schönheit und schenkten ihr kostbare Kleider, deren Rascheln wie ein geheimnisvolles Flüstern klang: von goldenen Schlössern und weißen Pferden und von Königreichen, ohne die kein Prinzessinnentraum auskommt, und von zarter Kinderhaut, schwarzen Strapsen, geschminkten Puppengesichtern, gespreizten Schenkeln. Das Leben der kleinen Prinzessin war nur dazu da, Träume zu erfüllen - aber nicht die des kleinen Mädchens, sondern die Kleinmädchenträume von Erwachsenen. Das Märchen von der kleinen Prinzessin ging nicht gut aus.

Doch auch solche Märchen wollen zu Ende erzählt werden, vor allem, wenn man wie Eva Ionesco darin nicht gestorben ist und noch heute lebt. Die 46-Jährige wirkt müde und verfroren, am Vortag noch war sie mit ihrer Geschichte in Mexiko, jetzt sitzt sie im blauen Dufflecoat in einem Berliner Nobelhotel und blickt matt auf das Grau der Stadt. "Ich will niemanden betrüben, ich habe versucht, alles zu erleichtern", sagt sie.

Angesichts ihres Themas ist das nicht ganz einfach: Seit ihrem vierten Lebensjahr hat ihre Mutter, die exzentrische Pariser Fotografin Irina Ionesco, sie in erotischen Posen abgelichtet, ihre Nacktheit ausgestellt, ihre Kindheit verkauft. So wurde Eva zum bekanntesten kindlichen Aktmodell der siebziger Jahre. Darüber hat sie jetzt einen Film gedreht, "I'm not a F**king Princess", es klingt wie eine späte Abrechnung. "Das ist es auch zum Teil", sagt Eva Ionesco. Es sind noch hohe Rechnungen offen.

Paris, Mitte der siebziger Jahren, eine Wohnung am Friedhof, ein tiefschwarzes Zimmer. "Wow" ruft die Mutter verzückt, als sich ihre Tochter aus dem Dunkel löst, "du siehst toll aus." Vor ihr steht ein Kind im silbernen Pailletten-Mini, die knallroten Strümpfe enden in High-Heels, das grotesk geschminkte Gesicht wird halb verdeckt von einer venezianischen Maske.

"Ich bin müde, Mama", sagt das Kind hinter seiner Maske, doch die Mutter lässt es posieren. "Den Kopf zurück", sagt sie. Klick. "Einen schmachtenden Blick. Weiter auseinander die Beine." Klick. Sie kommt näher. "Nimm die Hand weg. Nicht so verklemmt", aber das Mädchen windet sich: "Ich bin zu klein." - "Das ist ja das Herrliche. Wie eine giftige Blume", sagt die Mutter und drückt ab, immer wieder, maschinengewehrartig. Man hört das im Film nur, man sieht es nicht, weil sich die Kamera nicht vom Blick des Mädchens lösen kann, der sich in abgrundtiefer Einsamkeit im Spiegel verliert. Mehr Nähe lässt Eva Ionesco nicht zu. Mehr wäre auch nicht zu ertragen.

Spiel mit Sex und Tod

"Keine nackte Haut", sagt sie, das war ihr wichtig: "Ich wollte nicht vom Nacktsein erzählen, sondern von jemandem, der nicht nackt sein will. Verstehen Sie?" Sie fragt das ständig, während sie redet, leise und mit tiefer Stimme, comprenez-vous? Voyez-vous? Als hätte sie Angst davor, im Film wieder nur angeschaut zu werden, nicht angehört. Aus dieser Angst heraus, sagt sie, hat sie auch beschlossen, ihre Geschichte nicht wie ein Psychodrama zu verfilmen. Sondern wie ein Märchen.

"Ein Märchen verzerrt", sagt sie, es verzaubert, was mit klarem Blick nicht auszuhalten wäre. Alle wichtigen Charaktere waren ja eh da: eine kleine Prinzessin, eine liebevolle Urgroßmutter, eine böse Hexe und ein Volk, das der Hexe verfallen ist. Die Hexe, die rumänischstämmige Fotografin Irina Ionesco, war ein Star der Pariser Kunstszene nach 1968, der die sexuelle Trennung zwischen Kindern und Erwachsenen als spießige Repression der Lust galt.

"Sie kommt von einer anderen Welt. Danke", sagt im Film der Kurator bei ihrer Vernissage, die Hexe lächelt frostig, und weil Isabelle Huppert das so überzeugend giftig spielt, wirkt es tatsächlich, als habe sie die Besucher verwunschen: "Ich mag den Kontrast zwischen der Unreife und der Perversität des Blickes", raunen sie beim Bestaunen der erotischen Kinderakte. "So konnte meine Mutter ihren Missbrauch ungehindert als Kunst verkaufen", sagt Eva Ionesco, zieht den Mantel fester um sich, "und das nicht nur in Frankreich". In Italien druckte der Playboy 1976 eine Bildstrecke der Elfjährigen, in Spanien schlug das Magazin Penthouse zu. In Deutschland erschien 1977 der Spiegel mit Eva Ionesco auf dem Titel, nackt bis auf Spitzenstrümpfe, Handschuhe und eine Perlenkette über dem Brustansatz. Eva Ionesco lächelt bitter. "So war die Zeit", sagt sie.

Aber die Kraft der Zeit wird auch überschätzt, das zeigt die Geschichte von Eva Ionesco, bei der die Zeit die Wunden nicht heilt und bei der sie nicht als Entschuldigung durchgeht für das, was ihre Mutter getan hat. "Sie hat an mir ihre eigenen Obsessionen ausgelebt, verstehen Sie?", sagt sie. Ein Nicken, die Vorgeschichte ist bekannt, Eva Ionesco legt trotzdem nach: "Sie wollte den Skandal ihres Lebens auf mich abwälzen." Ein Skandal war dieses Leben von der ersten Stunde an: Irina Ionesco war das Kind eines Inzests, gezeugt vom Großvater mit seiner eigenen Tochter. Eine Schande, vor der am liebsten die Augen verschlossen wurden. "Selbst ihre Mutter hat sie nicht angesehen", sagt Eva Ionesco. So wurde der verzweifelte Wunsch, angeschaut zu werden, zum Wahn. Das Anschauen auch.

Eva ist vier Jahre alt, als ihre Mutter sie das erste Mal zu Fotoaufnahmen aus der Wohnung der Urgroßmutter holt, bei der sie aufwächst. Im Film ist das Mädchen deutlich älter, ein paar Jahre mehr oder weniger waren im Märchen noch nie wichtig. "Ich bin eine Künstlerin und du nicht", faucht die bleiche, dürre Hexe die alte Frau an, fuchtelt mit ihrer Kamera wie mit einem Zauberstab und entführt Eva in ihre Wohnung, ein Reich voller Totenköpfe, Grabschmuck und Finsternis. "Das Spiel mit Sex und Tod war ihr Markenzeichen", sagt Eva Ionesco, und natürlich das Spiel mit Sex und ihrem Kind. "Du bist das schönste Mädchen der Welt", flüstert sie in die Kulisse hinein und schießt.

Der Lohn: Kronen, Perlen, Ruhm

Schön ist Eva Ionesco immer noch, auf eigentümliche Weise. Ihr blondes Haar steht zerzaust vom Kopf ab, seit vor Stunden der Berliner Wind hineingefahren ist. Ihr zierlicher Körper versinkt in unförmigen Winterklamotten, sie ist kaum geschminkt. Man kennt solche nachlässige Schönheit von sehr jungen Mädchen - die gerade mal das Alter haben, in dem Eva eine verführerische Schönheit sein musste. Mitunter auch sein wollte.

Es sind die wohl bedrückendsten Szenen ihres Films, in denen gezeigt wird, wie das Kind das böse Spiel mitspielt. Wie es sich seiner erotischen Macht bewusst wird, wie es lockt und Männer betört und sich lasziv vor der Kamera räkelt. Ihre Mutter erzählt heute öffentlich, dass Eva damals sogar Ideen für Foto-Essays ersonnen habe. Stimmt das? "Natürlich", antwortet die, "ich habe viel zu spät rebelliert".

Wie auch: Als es losging mit den Fotos, habe sie nicht einmal gewusst, was eine Kamera ist. "Außerdem fühlt es sich normal an, nackt zu sein, wenn man vier ist", sagt sie. Schon bald darauf wollte sie nicht mehr nackt, aber eine Prinzessin sein, wie alle kleinen Mädchen. Sie war die einzige in der Schule, der das gelang, die Kronen bekam, Perlen, Ruhm - wenn sie nur Fotos machte. Sie war elf, als sie sich auflehnte - und feststellen musste, dass die Logik auch anders herum funktionierte: Keine Fotos, kein Shopping. Keine Fotos, keine Liebe. Keine Fotos, kein Essen.

"Sie hat von mir gelebt", sagt Eva Ionesco. Sie tut das auch heute noch. Das Jugendamt schritt ein, als Eva zwölf war. Da kam das Aktmodell ins Kinderheim. Aber die Fotos blieben draußen in der Welt, und auch wenn heute kein vernünftiger Mensch mehr eine pädophile Ausstellung kuratieren oder einen kinderpornographischen Fotoband verlegen würde, so kann Irina Ionesco das, was sie Kunst nennt, doch immer noch verkaufen. "Es ist wie früher: Es geht nur um sie", sagt Eva. Vor Gericht hat sie gegen ihre Mutter geklagt, aber verloren. "Ich war schon 30. Man sagte mir, ich hätte früher aufwachen müssen."

Nun versucht Eva Ionesco auf ihre Weise, die Macht über die Bilder zurückzuerobern. Ihr Drehbuch hat sie schon vor Jahren geschrieben, doch lange traute sich keiner, es zu produzieren. "Alle hatten Angst, eine pädophile Geschichte zu verfilmen und mein Drama auf der Leinwand zu wiederholen", sagt sie. Aber genau das wollte sie nicht, deshalb hat sie Violetta, wie Eva im Film heißt, einen selbstbewussten Charakter gegeben, der sich wehrt und aufbäumt und auf Abgründe zurennt, aber nicht fällt - und ganz am Ende doch ein Kind bleiben darf. Die Wahrheit sah anders aus: Eva Ionesco wurde ihre Kindheit geraubt. Dann auch noch ihre Bilder. Jetzt holt sie sich wenigstens ihre Geschichte zurück. "I'm not a F**king Princess läuft seit dieser Woche in den deutschen Kinos.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1176396
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 29.10.2011/anbo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.