Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Er sagt, sie sagt":Nimm doch das Steak

Von wegen, romantisches Dinner für zwei: Wenn Paare miteinander essen, kommen oft die unerfreulichsten Eigenschaften zum Vorschein. Eine Kolumne in Dialogform.

Sie: Können wir bitte eine Flasche stilles Wasser haben?

Er: Für mich ein Bier. Und die Weinkarte bitte!

Sie: Wie jetzt, vor dem Wein noch ein Bier? Also, ich weiß nicht.

Er: Klar, gegen den Durst!

Sie: Wer bitteschön trinkt denn Bier, wenn er Durst hat. Dafür ist doch Wasser da!

Er: Wie lange kennst du mich jetzt? Ich hab dir das schon so oft erklärt: Gerade wenn man Durst hat, schmeckt Bier am besten.

Sie: Das heißt also, ich darf wieder mal fahren, oder?

Ein Element in der partnerschaftlichen Konversation, auf das man sich immer verlassen kann: die Verallgemeinerung. Ohne sie kommt kaum eine Diskussion aus, und das schönste daran: Es gibt sie in etlichen Varianten: Dauernd bleibt die Zahnpastatube offen, ständig lässt du dein Zeug liegen, jedes Mal kommst du zu spät, musst du denn schon wieder diese alte Hose tragen, permanent läuft hier der Fernseher, nie räumst du deine Sporttasche weg, immer muss ich den Müll wegbringen, kann ich zur Abwechslung auch mal was sagen, würdest du ausnahmsweise mal - und so weiter und so fort.

Er: Ach, das wäre nett. Du machst dir ja sowieso nicht so viel aus Alkohol, oder? (Eine bewährte und gerade bei Männern überaus beliebte Methode, auf solche Verallgemeinerungen zu reagieren: Nicht reagieren. Ignorieren.)

Sie: Würde dir auch nicht schaden.

Der Kellner bringt Bier und Wasser und zückt den Block.

Er: Ich denke mal, du nimmst den Salat mit Pute, oder?

Sie: Äh, weiß ich jetzt noch nicht, wie kommst du denn darauf? (An den Kellner gewandt:) Wir brauchen noch ein bisschen.

Kellner steckt Block und Stift weg, verschwindet wieder.

Er: Na, weil du immer Salat mit Pute nimmst. Wegen der Kalorien und der Gesundheit und so.

Sie: So ein Quatsch. Nur weil ich ab und zu mal was Leichtes esse. Vielleicht ist mir ja heute gar nicht nach Salat. Vielleicht esse ich zur Abwechslung was Deftiges.

Er: Wie meinst du das - "vielleicht". Sowas weiß man doch! Außerdem: Du, was Deftiges? Du bist jetzt aber nicht schwanger oder so was?

Sie: Sag mal, geht's noch? Ich kann doch auch einfach nur mal Lust auf Kohlehydrate haben, ohne dass gleich sonst was sein muss.

(Der Kellner unternimmt erneut einen Annäherungsversuch, erfasst die Lage mit einem Blick und dreht abrupt ab.)

Er: Entschuldige, aber kann es sein, dass du etwas gereizt bist? Hast du vielleicht deine Tage?

Ein gern genutztes Kommunikationselement, um sich der eigenen Unschuld zu vergewissern oder wenn mal wieder die Argumente ausgehen: einfach auf die Hormone schieben. Ob Pubertät, Menstruation, Schwangerschaft, Eisprung oder Menopause - irgendwas wird schon zutreffen, wenn eine Frau gerade schlechte Laune oder keine Lust hat, wenn sie sich üble Schmonzetten ansieht oder zu viel Süßes isst. Auf die Idee kamen Männer jedoch nicht von alleine - viele Frauen greifen gerne selbst darauf zurück. Wenn sie schlechte Laune oder keine Lust haben, sich üble Schmonzetten ansehen oder zu viel Süßes essen.

Sie: Wenn du nicht sofort aufhörst mit dem Quatsch, stehe ich auf und gehe.

Er: Ok, ok, ich bin schon still ... Also, ich an deiner Stelle würde ja den Nudelauflauf nehmen. (Botschaft: Hauptsache, du entscheidest dich endlich!)

Sie: Spinnst du? Da kann ich wieder die ganze Nacht nicht schlafen! Außerdem hatte ich heute Mittag schon Nudeln.

Er: Dann vielleicht die Roulade?

Sie: Kann ich vielleicht mal in Ruhe in die Karte schauen und mir selbst überlegen, worauf ich heute Lust habe? Warum kümmerst du dich nicht einfach um deine eigene Bestellung? Wenn du so weitermachst, hab ich sowieso keinen Appetit mehr.

(Der Kellner zieht betont unauffällig seine Kreise zwischen einigen Tischen in der Nähe und wartet auf seinen Einsatz.)

Er: Schon gut, mach, was du willst. Ich nehme jedenfalls das Lamm.

Sie: Bist du sicher? Also, ich an deiner Stelle würde ja lieber das Filetsteak nehmen. (Botschaft: Wenn ich mich nicht entscheiden kann, entscheide ich für dich. Dann habe ich beides.)

Er: Warum denn das jetzt?

Sie: Ich weiß nicht. Ich bin nicht so ein Fan von Lamm.

Er: Ja, und? Du sollst es ja auch nicht essen.

Sie: Aber wenn ich dann doch Lust auf Fleisch kriege?

Er: Dann bestell dir halt welches.

(Der Kellner hat inzwischen aufgegeben und sich auf einem Stuhl neben der Küche niedergelassen.)

Sie: Aber ich will ja gar kein Fleisch. Also jedenfalls kein ganzes. Nur ein bisschen. Ach, weißt du was? Ich nehme den Salat mit Pute.

Er: ...

Sie: Wo zum Teufel bleibt eigentlich dieser Kellner?

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