Süddeutsche Zeitung

Kampf gegen den Terror:Der Dschihadist als Lachnummer

Der Verfassungsschutz versucht neuerdings, mit satirischen Videos Sympathisanten der Salafistenszene abzuschrecken.

Deutsche Behörden und Humor, das sind zwei Begriffe, die sich nicht unbedingt als Paar aufdrängen. Das Gleiche gilt für Humor und Islamismus - abgesehen vom Kölner Salafisten-Prediger Pierre Vogel, dessen Ansprachen ein gewisser Lukas-Podolski-hafter Schalk innewohnt, sind muslimische Extremisten bisher kaum als Spaßguerilla aufgefallen. Aus diesen Gründen horchten nicht wenige Beobachter der Szene auf, als der Innenminister Nordrhein-Westfalens Ende August auf einer Bühne der Videospielmesse Gamescom Platz nahm und sagte: "... deshalb entlarven wir die Propaganda der Salafisten mit den stärksten Waffen unserer freiheitlichen Demokratie: Witz, Humor und Fakten."

Mit dem "Wir" meinte Minister Herbert Reul in erster Linie die Landesbehörde für Verfassungsschutz, eine Unterabteilung seines Innenministeriums. In zweiter Linie meinte er die Produktionsfirma Bluelaserboys. Diese produziert für die Verfassungsschützer Videoserien, die bei Youtube ausgespielt werden. In den Webclips von "hinter.gründlich" soll es alle zwei Wochen Erklärvideos mit den vom Minister angekündigten Fakten rund um all die Ismen geben, die die Welt in den vergangenen Jahren in Atem hielten: Salafismus, Extremismus, Terrorismus. In den Videos, die im Kanal "Jihadi Fool" (dschihadistischer Trottel) zu sehen sind, erteilt sich der Verfassungsschutz eine Lizenz zum Kalauern; so will er in einem medialen Zweifrontenkrieg junge Menschen gegen Radikalisierung immunisieren.

Der Gedanke dahinter: das Gefährliche lächerlich und damit unattraktiv zu machen

In den bisher veröffentlichten Beiträgen gibt es zum einen Sachinfos, die ein wenig an dramatisch vorgetragene Wikipedia-Einträge erinnern. Und an der Satirefront hält zum Beispiel der vorgebliche Islamist Bashka einen Grundkurs für angehende Terroristen, Metier Waffengattungen: Arschbombe, Tintenkiller, Gulaschkanone, Rasensprenger. Der Gedanke dahinter ist wohl, dem Gefährlichen die Anziehungskraft zu nehmen, indem man es lächerlich macht - natürlich in zielgruppengerechter Sprache. "Jetzt mal Hand aufs Herz, gerade raus, Titten aufn Tisch", bellt Bashka in die Kamera. "Du willst töten. Leider hat dein Vadder keine Glock 17 im Nachttischschränkchen, dein Onkel ist kein Hobbyjäger, und deine Mudder hat die Schlaftabletten abgesetzt. Du bist neu im Business, und das Darknet ist dir zu dunkel. Du bist ne Pussy! Ich hab dir ein Paket geschnürt, du Mikropenis." Andere Beiträge begleiten einen Rückkehrer aus Syrien, der sein Gegenüber aus Gewohnheit steinigt, als sein Reintegrationsprozess - konkret: die Eröffnung einer Shisha-Bar - nicht läuft.

Das alles kann man lustig finden. Leute, die gerne die ARD-Satiresendung "Extra 3" einschalten, werden sich vielleicht ein Lächeln abringen, wenn sie einige Schauspieler wiedererkennen. Menschen hingegen, die sich beruflich mit den Themen Extremismusprävention und Deradikalisierung beschäftigen, lässt die 500 000 Euro teure Auftragsproduktion ratlos bis verärgert zurück - aus mehreren Gründen.

Der Islamwissenschaftler und Autor Behnam Said etwa hat selbst lange für eine Behörde des Verfassungsschutzes gearbeitet, vielleicht bemüht er sich deshalb, seine Ansicht zurückhaltend zu formulieren. Dass ein Inlandsgeheimdienst, der ja eigentlich eher mit dem Sammeln von Informationen beauftragt ist, nun politische Aufklärung zu seinem Auftragsgebiet zählt und das nicht etwa den Profis der Bundeszentrale für politische Bildung überlässt, wundert ihn grundsätzlich. Der Zeitpunkt der Initiative - fünf Jahre nachdem sich eine Karawane radikalisierter Europäer in Richtung Syrien aufmachte - ebenso, genau wie die thematische Einschränkung. "Und es gibt ja bereits viele gute Projekte, die sich an Islamismus, aber auch Rechtsextremismus abarbeiten", sagt Said. "Ich denke, hier wäre eine langfristige Förderung sinnvoller, als solch große Summen für Einzelaktionen auszugeben."

"Persönliche Geschichten scheinen zu funktionieren, Unterhaltsames auch"

Trotz aller Zurückhaltung hat Said das Beispiel Jihadi Fool herausgegriffen, als er für das Europäische Institut für Terrorismusbekämpfung und Konfliktprävention in Wien einen Artikel zum Thema "Counter Narratives" geschrieben hat. Terrorismus ist immer auch eine Kommunikationsstrategie politischer Akteure, schon als die Gruppen noch keine so professionelle Medienabteilung hatten wie später die Terrormiliz Islamischer Staat - mit ihren monströsen Taten wollen die Täter die Gegenseite zwingen, sich mit ihren Zielen auseinanderzusetzen. Die Idee, diesen Botschaften etwas entgegenzustellen, um ihre Behauptungen zu schwächen oder zu diskreditieren, klingt einleuchtend - nur ist die Wirksamkeit solcher Gegennarrative bisher kaum erforscht, sagt Behnam Said.

Eine der wenigen Studien zu dem Thema kommt ausgerechnet von Kollegen der Düsseldorfer Verfassungsschützer, das Bundeskriminalamt hat Probanden mit Videos konfrontiert. Entweder hat man dieses Papier in Nordrhein-Westfalen nicht gelesen oder man ignoriert es bewusst: "Persönliche Geschichten scheinen zu funktionieren, Unterhaltsames auch", fasst Said die Studie zusammen. "Humor nur bedingt - wenn das Publikum die Botschafter als authentisch ansieht. Sonst sehen die Forscher gerade Witziges sehr kritisch. Die Gefahr ist groß, dass man der Zielgruppe mit solchen Inhalten zu nahetritt." Das gelte besonders, wenn der Absender eine staatliche Stelle ist. Das Projekt Jihadi Fool laufe daher Gefahr, genau in diese Falle zu tappen - "letzten Endes könnte es bei den Sympathisanten der islamistischen Szene eher zur Verfestigung der bereits vorhandenen Ressentiments gegenüber dem Staat beitragen, als diese aufzulösen", sagt Said.

Damit die Videos jedoch überhaupt irgendeine Wirkung entfalten können, müssten sie die Zielgruppe erst einmal erreichen. Danach sieht es derzeit nicht wirklich aus. Die Profile von Jihadi Fool haben auf Twitter keine zehn, auf Instagram keine 60 Abonnenten, und die Videos auf Youtube teils weit unter 1000 Abrufe. Beim Angriff der deutschen Behörde auf den Terrorismus zünden die Pointen einfach nicht.

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Quelle:
SZ vom 19.10.2019
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