Süddeutsche Zeitung

Hell's Kitchen (XXII):Upgrade

Unser Autor fährt zum ersten Mal nach Boston, wo es besonders freundlich zugehen soll. Unheimlich wird es erst, als er ein Upgrade in die 1. Klasse bekommt.

Von Christian Zaschke

Kürzlich fuhr ich nach Boston, was, von Hell's Kitchen aus gesehen, quasi um die Ecke liegt. Man spaziert runter zur Penn Station, steigt in einen überfüllten Zug, sitzt vier Stunden lang inmitten kontinuierlich telefonierender Geschäftsmenschen, und schon ist man da. In Boston war ich vorher noch nie. Ich habe erst neulich das Land von Ost nach West durchquert, in einem Chevrolet Tahoe, zunächst begleitet von meinem Anwalt, der, obwohl das sämtliche Menschen annahmen, die so irre freundlich waren, Leserbriefe zu meinen Reiseberichten zu schreiben, kein professioneller Drogenhändler ist, und anschließend begleitet von der Isländerin, die, um auch diese Fragen zu beantworten, noch wunderbarer ist, als ich sie beschrieben habe. Aber in Boston war ich bis eben noch nie.

Ich hatte meine New Yorker Freundin S. gefragt, ob sie mir ein Hotel empfehlen könne. Sie hat Freunde in der Stadt und ist öfter dort, und sie wird nicht müde zu erzählen, dass die Leute in Boston so außergewöhnlich freundlich seien. New Yorker gelten als unfreundlich, als rüde gar, ein Eindruck, den ich übrigens absolut nicht teile. Im Vergleich zu Berlin (um mal irgendeine Stadt zu nennen) ist New York geradezu aufdringlich freundlich.

Was soll man tun, wenn einem die Leute nicht mal zutrauen zu googeln?

Auf meine Frage nach einem guten Hotel schickte S. mir eine Google-Abfrage namens "Gute Hotels in Boston". Sie schrieb: "Da könnte eins für dich dabei sein." Wenn Leute einem nicht zutrauen, Hotels in einer anderen Stadt zu googeln - was tut man da? Ich schrieb: "Danke, liebste S. Das hilft enorm." Sie schrieb: "Keine Ursache."

Ich fuhr also nach Boston, sah einer recht bekannten deutschen Politikerin dabei zu, wie sie eine Rede an der Universität Harvard hielt, übernachtete in einem Hotel, das mir mehr als 200 Dollar für ein Kämmerchen abknöpfte, und ja, die Leute waren freundlich, aber nicht außergewöhnlich freundlich. Gegen Mittag schlenderte ich zum Bahnhof. Mein Ticket war erst für den Abend gebucht, also ging ich zu einem Schalter und fragte, ob ich bitte einen früheren Zug nehmen könne. "Natürlich nicht", blaffte die Frau am Schalter, "alles ausgebucht. Zeigense mal Ihr Ticket." Ich gab ihr mein Ticket.

Sie tippte auf ihrer Tastatur herum, sie musterte mein Ticket, sie musterte mich, schließlich sagte sie, ohne eine Miene zu verziehen: "Es tut mir wirklich leid, aber Sie können den früheren Zug nur nehmen, wenn Sie unser kostenloses Upgrade in die Erste Klasse akzeptieren." Ich sagte: "O.k., danke, ist ja nicht Ihre Schuld." Ich ging.

Ich war drei Meter weit gekommen, als das Wort "SIR!" in einer Lautstärke ertönte, die vermutlich den halben Bahnhof in Schockstarre versetzte. Ich blieb stehen und drehte mich langsam um. "Sie haben mich offenbar nicht richtig verstanden", rief sie. Ich ging zurück zum Schalter. "Hier ist Ihr Upgrade", sagte sie, "gute Reise." Ich schaute. Sie lachte. Ich verstand.

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Quelle:
SZ vom 08.06.2019
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