Süddeutsche Zeitung

Frauen und Humor:"Im Zweifel bin ich eher für Rosenkohl statt Rosen"

Muss erst einen Wunderbaum frühstücken, wer eine Frau kritisieren will? Katrin Bauerfeind findet, ihre Geschlechtsgenossinnen müssen einstecken lernen.

Katrin Bauerfeind, 33 ist Moderatorin, Journalistin und Autorin. Ihr neustes Buch hat sie "Hinten sind Rezepte drin - Geschichten, die Männern nie passieren würden" genannt. Weil es von Beobachtungen über das Frausein in der Gegenwart handelt - und Frauen ja bekanntlich gern Rezepte lesen. Auf ihrer Lesereise durch Deutschland haben wir die Moderatorin in Fürth getroffen.

SZ: Frau Bauerfeind, Sie haben viele Jahre ihres Lebens geschlechtsneutral verbracht. Wie war das?

Katrin Bauernfeind: Meine Eltern haben mir als Kind einen Topfschnitt und ziemlich neutrale Klamotten verpasst. Ich hab die gleichen Sachen wie Jungs gespielt und wenn wir was angestellt haben, wurde die Strafe gerecht geteilt. Ich hatte nie einen Bonus, weil ich ein Mädchen war und nie hat jemand gesagt: 'Als Mädchen macht man sowas nicht'. Mädchensein hat für mich keine Rolle gespielt. Ich war einfach ein Kind.

Für die Generation unserer Eltern galt das nicht so selbstverständlich.

Wir haben Glück, die erste Generation zu sein, die von der Frauenbewegung profitiert. Meine Eltern hatten sich ja nie bewusst drum bemüht, mich trotz meines Geschlechts in allen Bereichen zu fördern. Sie waren einfach Teil der ersten Generation, in der galt: Das Kind soll wirklich alle Möglichkeiten haben.

Heute wachsen Kinder je nach Geschlecht im Lillifee- oder Bob-der-Baumeister-Kosmos auf. Ist das nicht der falsche Weg zur Gleichberechtigung?

Klar ist das ein Rückschritt. Aber noch viel bedenklicher ist es, dass die Zahlen von Bulimie und Magersucht bei jungen Mädchen jedes Jahr steigen. Das zeigt, dass Mädchensein heute wieder mehr mit Optik zu tun hat und mit sehr viel Druck verbunden ist. Aber ich finde auch, dass man anerkennen muss, wie viel sich schon getan hat. Wie bei jeder Entwicklung dauert´s auch hier lange und es gibt immer wieder Rückschläge und Irrungen. Aber grundsätzlich ist in den letzten Jahrzehnten viel Richtiges passiert.

Stellen Sie das auch innerhalb Ihrer eigenen Familie fest?

Ich bin in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, mit Oma und Mutter. Meine Oma war in ihrem ganzen Leben nicht einmal im Urlaub. Irgendwann haben meine Großeltern beschlossen, dass sie jetzt doch eine Woche verreisen wollen. Aber zehn Minuten, bevor es losgehen sollte, sagte mein Opa: "Wäre es nicht doch besser, wenn wir abends im eigenen Bett schlafen würden?" Er hat kalte Füße bekommen. Der erste und einzige Urlaub im Leben meiner Oma - kurzfristig abgeblasen. Es gab keine Scheidung, keine Eheberatung, es ist noch nicht mal Geschirr geflogen. War eben so. Meine Mutter würde sich den Urlaub schon nicht mehr so einfach absagen lassen, aber auch nicht gerne alleine verreisen. Für mich alles eine Selbstverständlichkeit. Für vierzig Jahre ist das doch eine gewaltige Entwicklung.

Nachdem Sie in den ersten Jahren also einfach Kind waren - wann kam die Erkenntnis, dass doch nicht alle gleich sind?

Das hat erst mal gedauert. In der Schule bekommt man ja auch noch eine gute Note, wenn man Goethe gelesen und verstanden hat. Ich bin automatisch davon ausgegangen im Leben weiter nach Leistung beurteilt zu werden. Aber als ich angefangen habe zu arbeiten, war schnell klar, dass Aussehen und Frausein eben doch immer noch eine wichtigere Rolle spielen. Zum Beispiel rief mich vor einigen Jahren ein Programmdirektor zu sich und wollte mir eine Sendung geben. Weil er meine Arbeit gut findet, dachte ich. Aber er sagte: Für den Job brauchen wir Frauen, vor allem junge Frauen. Das sind Sätze, die ich eher von einem Puff-Besitzer erwartet hätte.

...die aber angesichts von Frauenquoten gar nicht mal so selten sind.

Henry Kissinger hat mal gesagt, dass Macht Männer sexy macht. Für Frauen gilt das noch nicht. Erfolgreiche Frauen sind uns eher suspekt. Frauen gelten eher als sexy, wenn sie sich ausziehen.

Machen Sie solche Puffbesitzer-Sätze zu einer Gegnerin der Frauenquote?

Im Gegenteil. Ich bin absolut für die Quote. In unserer Gesellschaft sind die Dinge strukturell so in Schieflage, dass sie langfristig auch nur mit strukturellen Maßnahmen wieder geradegebogen werden können. Sonst ändert sich nix.

Auch wenn das Frauen dem Generalverdacht aussetzt, Posten wegen ihres Geschlechts bekommen zu haben?

Die Teamchefin der Fed-Cup-Tennismädels Barbara Rittner hat mal gesagt, sie sei total froh, dass ihre aktuelle Truppe kein Zickenhaufen sei. Als wäre völlig klar, dass sich fünf aufeinandertreffende Frauen automatisch verhalten wie Nord- und Südkorea. Es ist unvorstellbar, dass Jogi Löw sich darüber freut, wie wenig Arschlöcher er in der Nationalmannschaft hat. Wahrscheinlich geht es aber in beiden Sportarten um dasselbe: Ehrgeiz, Durchsetzungskraft, häufig Konkurrenzkampf. Unter Männern ist das normal, bei Frauen gilt das als stutenbissig. Mir scheint, Frauen übernehmen häufig diese Sichtweise auf sich. Genauso ist das mit der Frauenquote. Ich sehe es so: Jahrhundertelang hatten Männer den Vorteil, warum denn jetzt nicht mal die Frauen?

Dass die gut aussehen müssen, gilt in Ihrem Beruf verschärft, und Sie wissen das ja gut einzusetzen. Kürzlich haben Sie in einem Magazin in einer hübschen Fotostrecke Frauenmode präsentiert.

Fernsehen ist eben ein optisches Medium, aber im Grunde ist dieser Anspruch an das weibliche Äußere in allen Bereichen der Gesellschaft präsent. Ich finde, Schminke, Klamotten und Schuhe auch nett. Das können tolle Hobbys sein, so wie für Männer Fußball, Grillen oder Bierchen. Aber am Ende kann es nicht darum gehen, ob Frauen Achselhaare haben sollten oder nicht, sondern darum, wann wir gleichberechtigt in den Führungsetagen sitzen.

"Der Feminismus hat kein gutes Image, das Thema wird oft richtig verbissen behandelt."

In der ersten Folge Ihrer 3-Sat-Sendung "Bauerfeind" nuschelte der Musiker Udo Lindenberg, sein Puls sei "ganz schön turbo", er sei "gut angespeedet", weil Sie so eine "superaufregende Frau" sind. Lustig?

Ich habe nichts gegen Komplimente, Komplimente sind nett. Blumen sind auch nett, machen aber nicht satt. Und im Zweifel bin ich eher für Rosenkohl, statt Rosen. Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping hat ebenfalls in meiner Sendung gesagt, dass sie Feministin aus Notwendigkeit geworden ist. Sie sei oft in der Situation gewesen, dass ein Mann ihr inmitten einer politischen Diskussion gesagt habe: Deine Ohrringe schwingen total toll, wenn du redest. Das passiert oft, manchmal sicher auch unbewusst, aber es zeigt, Männer denken häufig: Jetzt hab ich der Alten doch schon ein Kompliment gemacht, da kann sie doch auch mal zufrieden sein.

Sie selbst sehen keine Notwendigkeit, Feministin zu werden?

Ich werde ständig gefragt, welchem Feminismus ich mich zugehörig fühle. Ich möchte mich aber gar nicht einem Feminismus zuordnen müssen. Wenn überhaupt, dann dem Humorfeminismus. Bei Frauenthemen hört der Spaß nämlich ganz schnell auf. Zu Unrecht, wie ich finde.

Warum denken Sie, ist das so?

Der Feminismus hat kein gutes Image, das Thema wird oft richtig verbissen behandelt. Um das zu ändern wollte ich in meinem Buch eben vor allem lustige Kurzgeschichten über das Frausein im Jahr 2016 aufschreiben.

Mit der Diagnose, die zum Beispiel im Ratgeber "Warum Männer nie zuhören und Frauen schlecht einparken" schon vor 16 Jahren gestellt wurde: dass Frauen und Männer einfach zu verschieden sind.

Wenn der Drucker nicht geht, denken Männer: Scheiße, das Ding ist kaputt, kann ja nicht meine Schuld sein. Frauen suchen immer den Fehler bei sich. Wenn der Lockenstab durchbrennt, schieben die das auf ihre Haare und denken: Herrje, wahrscheinlich waren meine Haare einfach eine Zumutung für das Gerät.

Sind solche Klischees über Männer und Frauen denn wirklich hilfreich?

Auch das Klischee ist ja am Ende immer kondensierte Wahrheit. Die Leute, die uns im Urlaub in komplett beige und Trekking-Sandalen entgegenkommen, sind in 95 Prozent der Fälle Deutsche und eben nicht Spanier oder Engländer. Ein Witz ist ja oft eine Jonglage mit Klischees. Fragen Sie Jan Böhmermann. Wenn der Gag gut ist, hilft er, das Klischee bewusst zu machen und dadurch womöglich zu ändern. Wenn nicht, haben Sie schnell eine Büttenrede.

Sie sind vor allem von ihrem weiblichen Umfeld genervt.

Wir Frauen haben manchmal so Angewohnheiten die uns das Leben nicht unbedingt erleichtern. Der Harmoniezwang zum Beispiel. Bevor ich Frauen kritisiere, habe ich das Gefühl, ich müsste erst einen Wunderbaum frühstücken, damit Kritik nicht so hart rüberkommt. Bevor man unter Kolleginnen inhaltliche Kritik äußern kann, muss man sich immer erst durch mehrere Liter Milchkaffee schlürfen und fragen: Wie geht's den Kindern? Was macht der Fußpilz und wie war's neulich beim Wandern? Erst danach kann man sagen: Leg doch die Unterlagen demnächst bitte in den anderen Ordner. Frauen trauen sich oft nicht, konfrontativ zu sein.

Also bitte mehr Testosteron in der Kommunikation?

Männer machen einfach eine Ansage, während sich Frauen oft mit Zweifeln aufhalten. Männer schreiben "Donnerstag, 13 Uhr klappt". Wenn ich einer Kollegin so etwas schreibe, kann schon mal die Rückfrage kommen, ob zwischen uns wirklich alles in Ordnung ist. Ich bin im Job für klare Ansagen ohne emotionalen Ballast. Frauen sollten sich nicht dafür verantwortlich fühlen müssen, was der andere eventuell denken könnte.

Eine Gegenbeobachtung: In Konferenzen mit hoher Männerquote kann der Klartext auch mal wenig konstruktiv sein und an gorillamäßiges Brustgetrommle erinnern.

Stimmt, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich finde nur, Frauen müssen einen Weg finden, mit Kommunikation im Job, die auch weitgehend männlich geprägt ist, umzugehen, ohne ständig emotional belastet zu sein.

Sie sollten sich also besser anpassen?

Jungs lernen von klein auf, dass sie Konflikte auch durch Kopfnüsse, Schwitzkästen oder Weggrätschen lösen können. Für Mädchen ist diese Körperlichkeit nicht vorgesehen. Als Mädchen kannst du beleidigt sein, Zunge rausstrecken, petzen oder heulen. Das ist also immer genau eine Option: Zickig sein. Wenn Jungs sich beim Fußball weggegrätscht haben, können die unter Umständen trotzdem hinterher noch ein Bierchen trinken gehen. Wenn man sich grade richtig angezickt hat, lädt man die andere einfach nicht auf eine Cola ein. Das soll jetzt kein Aufruf zur Gewalt sein, ich bin nicht dafür, dass Frauen sich dauernd handgreiflich das Make-up verspachteln, aber ich fände es gut, wenn es noch eine Alternative zum Zickigsein gäbe.

Sie haben Ihre Karriere gemeinsam mit Jan Böhmermann als Teil der Late-Night-Show von Harald Schmidt begonnen. Was hat er Ihnen auf den Weg mitgegeben?

Ich persönlich habe von ihm vor allem gelernt, dass im Prinzip jedes Thema für einen Witz taugt. Dass der Spaß niemals aufhört.

Das ist eine These, die nicht erst nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo im vergangenen Jahr stark in Frage gestellt worden ist.

Schon. Aber bei einer Latenight-Sendung wie der von Harald Schmidt oder einer Satirezeitung gilt ja ganz offensichtlich: Das hier ist nicht ernst gemeint. Und bestimmte Witze muss eine Gesellschaft einfach aushalten. Man muss unabhängig davon sowieso heutzutage überall dazuschreiben, wenn man was witzig, ironisch, sarkastisch oder nicht ganz ernst meint. Facebook hat uns gelehrt, dass wir im Zweifel immer ein Emoticon dazusetzen sollten. Ansonsten versteht keiner mehr irgendwas. Um zu sagen "Ich freu mich auf dich" braucht's zusätzlich sieben Herzchen und drei Kussmünder - sonst kommt das inhaltlich gar nicht mehr an.

Müssen wir denn auch Altherrenwitze aushalten?

Scheinbar leider ja. Die halten sich hartnäckig, trotz mangelnden Erfolgs. Fragen Sie Rainer Brüderle. Also von mir gibt es dafür definitiv auch kein LOL oder ROFL.

Wären Sie eine Vertreterin des Gegenmodells? Des Jungefrauenwitzes, wenn man so will?

Ja, unbedingt! Vor zehn Jahren haben sich Frauen auf der Bühne Aschenbecherbrillen und Wuschelperücken aufgesetzt und so getan als wären sie 20 Jahre älter. Das sollte dann lustig sein. Heute gibt es von Carolin Kebekus bis Cindy aus Marzahn eine riesige Bandbreite an Frauen, die was mit Humor machen, die lustig sind.

Sie sehen Komik also als Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt?

Sie zeigt vor allem, dass wir dabei sind, Dinge auszuloten. Humor ist ja ein wichtiges Mittel, wenn es darum geht, gesellschaftliche Fragen zu verhandeln. Deshalb ist es mir wichtig, dass das Frauenthema dazugehört.

Katrin Bauerfeind, 33, bekannt aus der Internet-TV-Sendung "Ehrensenf" und der "Harald Schmidt Show", moderiert die 3sat-Sendung "Bauerfeind assistiert". Am 28. April, ist sie in ihrer ersten Hauptrolle im Zürich-Krimi "Borcherts Fall" um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Sie wuchs in Aalen auf, studierte Technikjournalismus und hatte Gastauftritte in mehreren Fernsehfilmen. Ihr erstes Buch "Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag: Geschichten vom schönen Scheitern" war vor zwei Jahren ein Bestseller.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2970267
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/bavo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.