Süddeutsche Zeitung

"Er sagt, sie sagt" zu Urlaubsplanung:Er will an die Ostsee, sie will in die Wüste

Sie träumt von Kameltrekking durch die Sahara und anderen Abenteuern. Er bleibt lieber im Schatten, am besten daheim. Paarkolumne "Er sagt, sie sagt" zur Urlaubsplanung.

von Violetta Simon

Sie: Sag mal, wo wollen wir dieses Jahr Urlaub machen?

Er: Hm, müssen wir denn urlauben? Das ist immer so kompliziert.

Sie: Oh ja, müssen wir. Wie wäre es mit einem unkomplizierten Cluburlaub? Da ist immer ein bisschen Sport und Animation geboten, und jeder kann machen, was er will.

Er: Prima Idee: ununterbrochene Zwangsbespaßung, unterlegt von Techno-Schlagersound, morgens schon alle Liegen besetzt - von Handtüchern ...

Sie: Sooo schlimm wird es nicht sein.

Er: ... Später mit 20 übergewichtigen Menschen im Pool zu Aquaerobic abstrampeln, mittags in der Hitze dösen, abends Folkloreabend. Dazwischen dreimal täglich am Buffet anstehen ...

Sie: Ist ja gut!

Er: ... und am Ende: zwei Wochen lang "Zehn nackte Friseusen" als Ohrwurm.

Sie: Ok, ich hab's verstanden. War nur ein Vorschlag. Immerhin hätten wir schönes Wetter.

Er: Du willst schönes Wetter? Dann lass uns hier bleiben - im August ist in Deutschland immer die schönste Zeit. Und leer ist es auch. Alle sind weg, man bekommt Parkplätze, Kinokarten, Tische im Lieblingsrestaurant ...

Sie: Vergiss es. Wenn ich schon Urlaub mache, dann richtig. Lass uns irgendwohin fliegen, wo wir noch nie waren. Costa Rica. Oder Malediven.

Er: Oh nee, der lange Flug!

Sie: Dann wenigstens Marokko.

Er: Aber die Hitze! Du weißt doch, dass ich das nicht vertrage.

Sie: Wie könnte ich das vergessen. Seit Jahren verbringen wir unsere Sommerurlaube deshalb in nordeuropäischen Gegenden, die sich durch chronischen Sonnenscheinmangel auszeichnen.

Er: Ich kann nun mal nichts dafür, dass meine Haut keine Sonne verträgt. Schau mich an, ich bin bleicher als ...

Sie: ... Nicole Kidman, ich weiß. Kein Wunder, wenn du immer im Schatten liegst.

Er: Das muss ich, weil ich sonst verbrenne.

Sie: Du hast aber schon mitgekriegt, dass inzwischen Sonnencremes mit Schutzfaktor eingeführt wurden?

Er: Das hilft mir nichts, wenn ich mich fühle wie ein Hühnchen am Grill. Verstehe wirklich nicht, was du an dieser kollektiven Massenröstung so toll findest.

Sie: Sonne ist gut für die Psyche, das Licht flutet uns mit Energie und guter Laune - würde auch dir nicht schaden.

Er: Also gut, meinetwegen können wir ja nach Dänemark fahren.

Sie: Aber da hat es selbst im Sommer kaum mehr als 20 Grad. Außerdem soll es jeden zweiten Tag regnen, hab ich gehört. Wenn wenigstens das Meer nicht so kalt wäre, dann könnte man sich aufwärmen. Man fragt sich, wozu sie da überhaupt ein Meer haben.

Er: Dann vielleicht England? Zwischen Nordsee und Atlantik ist Baden ohnehin kein Thema, wir könnten uns ganz der Landschaft widmen. Und der Kultur.

Sie: Aber das bedeutet schlechtes Wetter UND schlechtes Essen!

Er: Ist doch super, dann nehmen wir gleich noch ein bisschen ab.

Sie: Ich sehe schon, so wird das nie was mit Marokko.

Er: Was bitteschön willst du denn in Marokko?

Sie: Casablanca sehen zum Beispiel. Oder mich auf dem Rücken eines Dromedars durch die Sanddünen von Erg Chebbi schaukeln lassen und an nichts denken. Stell dir mal vor: endlose Wüste, Sternenhimmel, Lagerfeuer, Berber in wallenden Gewändern, Fata Morganas in flirrender Hitze ...

Er: Da läuft einem ja schon beim Zuhören der Schweiß in Strömen. Und kann man von Kamelreiten nicht sogar seekrank werden? Ich weiß nicht, das klingt einfach nur anstrengend. Was, wenn ich Hunger bekomme? Oder aufs Klo muss?

Sie: Denk doch nur mal an die tolle Wüste!

Er: Meinetwegen, dann eben Usedom.

Sie: Du meinst, im Strandkorb sitzen, an der Ostsee entlangzuwatscheln und auf die Pommersche Bucht zu schauen sei eine angemessene Alternative zu Kamel-Trekking in der marokkanischen Sahara?

Er: Und ob: Sand ohne Ende, jede Menge Dünen ...

Sie: Aber statt Beduinenzelte gibt es Strandmuscheln, in denen sich quengelnde Kleinkinder wälzen. Und das einzige Kamel, das ich zu sehen bekomme, liegt neben mir. Nee Danke, ich will was erleben!

Er: Jetzt wirst du aber gemein!

Sie: Das kommt daher, dass ich so urlaubsreif bin! Können wir nicht einfach einen Kompromiss finden?

Er: Versuche ich doch die ganze Zeit. Aber dir gefällt ja nichts.

Sie: Dann lass uns in der Mitte treffen.

Er: Wie meinst du das, zwischen Usedom und Casablanca? Was genau liegt denn da?

Sie (schlägt einen Atlas auf und sieht nach): Moment - oh je: die Pyrenäen. Zweihundert Gipfel auf mehr als 3000 Metern. Ein paar Gletscher. Schafe, Rinder, Ziegen.

Er: Das bedeutet Wandern. Mögen wir beide nicht.

Sie: Egal, immer noch besser, als wenn sich einer amüsiert und der andere langweilt. Oder einer in der Sonne grillt und der andere im Zimmer liegt.

Er: Aber wandern kann man doch auch in der Schweiz. In Österreich. Oder im Allgäu. Dazu genügt ein Tagesausflug. Ist auch viel günstiger.

Sie: Fängst du schon wieder damit an?

Er: Ach komm schon. Nur noch dieses eine Mal. Wir können ja Lagerfeuer am See machen. Ich baue uns ein Berberzelt aus Decken und schaukle dich auf meinem Rücken - so lange wie du willst.

Sie: Also gut. Aber nächstes Mal fliegen wir nach Marokko. Und nur damit das klar ist: Ich will ein echtes Dromedar, wüstengestählt. Kein altes Kamel mit Sonnenallergie.

Die besten Folgen der Kolumne "Er sagt, sie sagt" sind bei SZ Editionen als Buch erschienen.

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