Süddeutsche Zeitung

"Er sagt, sie sagt" zu Tischmanieren:Hör auf, mich zu stupsen!

Entweder er isst für ihren Geschmack zu wenig oder zu viel - und das auch noch vor Gästen. Ein Beziehungsdrama in Dialogform.

Die Tür fällt ins Schloss, die Gäste sind soeben gegangen.

Sie: Puh, bin ich erledigt. Aber das Essen ist mir gut gelungen, findest du nicht?

Er: Allerdings. Schade nur, dass ich nicht mehr davon erwischt habe.

Sie: Es ist noch was übrig, nimm dir ruhig die Reste.

Er: Danke, jetzt mag ich auch nicht mehr.

Sie: Was bist du denn so zickig?

Er: Was sollte das vorhin? Warum hast du mir unterm Tisch gegen das Schienbein getreten, als ich mir noch ein Stück von der Quiche nehmen wollte?

Sie: Weil du immer so schnell bist, und dann bekommt keiner mehr was.

Er: Das stimmt doch gar nicht! Habe ich etwa jemandem etwas weggegessen oder ihm den Teller weggenommen?

Sie: Ich wollte nur verhindern, dass unsere Gäste zu kurz kommen.

Er: Die konnten doch längst nicht mehr!

Sie: Ich dachte eben ... sicherheitshalber, falls später nochmal jemand Hunger bekommt.

Er: Der einzige, der Hunger hatte, war ich.

Sie: Du hattest nur Appetit, das kenne ich schon bei dir.

Er: Woher willst du das wissen?

Sie: Dass du immer so kompliziert sein musst! Iss doch jetzt, wenn du noch etwas möchtest.

Er: Ich bin nicht kompliziert. Und ich möchte dann essen, wenn ich Hunger habe. Und nicht mitten in der Nacht die kalten Reste aus einem Topf kratzen.

Sie: Ich kann dir die Quiche gerne warm machen, wenn du möchtest. Oder du schiebst sie schnell in die Mikrowelle.

Er: Darum geht es doch nicht, Herrgott! Ich wohne hier - und möchte auch so behandelt werden.

Sie: Diese Völlerei so spät am Abend ist auch gar nicht gesund.

Er: Jetzt lenkst du schon wieder vom Thema ab.

Sie: Ich bin nur gastfreundlich. Der Gast ist bei mir König. Soll niemand sagen, er wäre nicht satt geworden bei mir.

Warum bin ich nie König?

Er: Wenn der Gast König ist - warum gilt das nicht auch für mich? Neulich bei Tanja, als sie mich gefragt hat, ob ich noch ein Stück von dem Lachs möchte, hast du mich doch auch getreten!

Sie: Nur ein bisschen gestupst.

Er: Das war ein Rempler, mindestens!

Sie: Ich hatte das Gefühl, Henry hätte gern noch etwas gewollt. Nur weil du Gast bist, musst du ja nicht deine Manieren vergessen.

Er: Manieren? Hast du nicht gemerkt, wie irritiert Tanja war, als ich gesagt habe, dass ich nichts mehr möchte? Sie hat es als Beleidigung verstanden.

Sie: Das war doch nur Getue.

Er: Ich sehe schon, bei dir bin ich nie König, egal ob Gast oder Gastgeber. Wann, bitteschön darf ich eigentlich mal so viel essen, wie ich möchte?

Sie: Bei meiner Mutter. Die freut sich, wenn du ordentlich reinhaust. Am Wochenende sind wir eingeladen.

Die Küche ihrer Eltern. Die Schwiegermutter fährt eine Batterie an Schüsseln und Töpfen mit Essen auf.

Schwiegermutter: Komm, Junge, nimm noch ein Stück Rinderbraten.

Er: Danke, ich möchte nichts mehr.

Schwiegermutter: Schmeckt es dir etwa nicht?

Er: Nein, alles gut. Ich möchte nur lieber nicht.

Sie (stupst ihn unterm Tisch an): Iss doch was!

Schwiegermutter: Was hast du denn - bist du krank?

Er: Nein, aber ich soll mich beim Essen zurückhalten, den anderen zuliebe. Findet deine Tochter.

Schwiegermutter: Sag mal, stimmt das, Verena? Bist du verrückt? Das kannst du nicht machen!

Er: Siehst du?

Sie: Das ... das stimmt ja gar nicht! Natürlich sollst du essen. Hier, nimm! (Legt ihm zwei Kartoffeln, Brokkoli und ein Stück Braten auf den Teller).

Er stupst wortlos gegen ihr Schienbein und deutet mit dem Kinn Richtung Sauciere.

Sie: Du brauchst du noch Soße? Aber sicher. Schatz!!!

Er: Danke, Liebes. Du bist so gut zu mir. Schön, wenn man sich auch ohne Worte versteht.

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