Süddeutsche Zeitung

"Er sagt, sie sagt" zu Kommunikation:Du hast doch was!

Sie löchert ihn mit Fragen. Er möchte einfach nur dasitzen. Ein Beziehungsdrama in Dialogform.

Sie: Sag mal, alles okay mit dir?

Er: Ja.

Sie: Sicher?

Er: Sicher.

Sie: Aber du hast doch was!

Er: Nicht, dass ich wüsste.

Sie: Du meinst: nichts, worüber du mit mir sprechen möchtest.

Er: Aber ich spreche doch!

Sie: Ja, aber nur auf Anfrage.

Er: Kann ich nicht einfach nur hier sitzen und ein bisschen vor mich hinstarren?

Sie: Ich weiß nicht, irgendwie macht mich das nervös. Man sitzt doch nicht einfach so da und schaut vor sich hin, du musst doch wenigstens über etwas nachdenken! Belastet dich vielleicht etwas?

Er: ​Sag mal, willst du mich auf den Arm nehmen?

Sie: Aber nein! Ich werde nur das Gefühl nicht los, dass etwas mit dir nicht stimmt.

Er: Und ich habe das Gefühl, dass ich mich gerade in einem Loriot-Sketch befinde! Ich sage es nochmal: Es ist nichts. Jedenfalls noch nicht.

Sie: Wie meinst du das?

Er: Na, dass ich allmählich schlechte Laune bekomme.

Sie: Siehst du? Sag' ich doch.

Er: Was willst du eigentlich von mir? Du behandelst mich, als würde ich unter Verdacht stehen. Habe ich etwa Lippenstift am Kragen? Hast du Waffen in meiner Sockenschublade gefunden?

Sie: Ich mache mir doch nur Sorgen um dich. Ich nehme Anteil an deinem Leben!

Er: Das ist keine Anteilnahme. Was du da tust, läuft unter Verhör im rechtsfreien Raum - die CIA hat so was im Kalten Krieg praktiziert!

Sie: Mein Gott, bist du gereizt. Und du willst mir erzählen, du hast nichts!

Er: Ich gebe zu: Ich bin ein wenig verkatert.

Geht's ein bisschen genauer?

Sie: Stimmt, du warst ja gestern abend noch aus! Und, wie war's?

Er: Nett.

Sie: Was habt ihr gemacht?

Er: Nichts Besonderes.

Sie: Geht's ein bisschen genauer?

Er: Gegessen, getrunken, geredet.

Sie: Und worüber habt ihr geredet?

Er: Das Übliche. Griechenlandkrise, Job, Kinder, Urlaubspläne.

Sie: Oh, erzähl! Wohin fahren Jens und Marlene diesmal - etwa wieder in die USA?

Er: Ich glaube, er hat etwas von Schweden gesagt.

Sie: Dann sind sie mit dem Wohnmobil unterwegs? Nehmen sie die Fähre von Kiel nach Göteborg? Oder fliegen sie nach Stockholm und mieten sich dort in der Gegend ein Ferienhaus?

Er: Keine Ahnung. Was du immer alles von mir wissen willst.

Sie: Ich verstehe gar nicht, wie man so etwas nicht wissen will. Wieso weißt du so was nicht?

Er: Weil er es nicht erwähnt hat. Und ich nicht gefragt habe - ganz einfach.

Sie: Aber sagtest du nicht, ihr habt über eure Urlaubspläne gesprochen?

Er: Haben wir auch. Aber wir haben uns nicht gegenseitig verhört. Und es gab auch keinen Protokollführer. Wir saßen einfach nur gemütlich zusammen und haben Wein getrunken.

Sie: Das tue ich mit meinen Freundinnen auch. Aber anschließend weiß ich trotzdem, ob Tanja wieder einen Freund hat und wo Hannah ihr nächstes Wochenende verbringt.

Er: Ja, weil du allen Menschen Löcher in den Bauch fragst.

Sie: Ich interessiere mich eben für die Gedanken und Gefühle anderer Menschen.

Er: Mir wäre manchmal lieber, du hättest ein anderes Hobby.

Sie: Wenn das so ist, werde ich deine Gefühle in Zukunft ignorieren.

Er: Aber ich hatte doch gar keine Gefühle, jedenfalls keine bestimmten.

Sie: Wenigstens das gibst du zu. Wusste ich's doch, dass etwas mit dir nicht stimmt.

Kommen Ihnen solche Situationen bekannt vor? Haben Sie einen Themenvorschlag oder möchten Sie ein Feedback abgeben? Schreiben Sie der Autorin!

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2570132
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/feko/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.