Süddeutsche Zeitung

Internet: Do-it-yourself-Plattform DaWanda:Schenk doch mal Haarreifen mit Lebkuchen!

Die Internetplattform "DaWanda" bietet Selbstgemachtes für jedermann, den größten Umsatz bringt das Weihnachtsgeschäft. Chefin Helming über das perfekte Geschenk.

Claudia Helming weiß, was Frauen wollen - zumindest, über welche Weihnachtsgeschenke sie sich besonders freuen. Gemeinsam mit Michael Pütz hat sie vor vier Jahren die Internetplattform DaWanda gegründet, auf der hauptsächlich Selbstgemachtes zu kaufen ist. Innerhalb weniger Monate wurde DaWanda zu einer der beliebtesten Seiten in Deutschland, mittlerweile werden dort rund eine Million Produkte angeboten. Doch mit dem Erfolg wächst die Kritik: Zu kommerziell, zu massentauglich, heißt es. Ein Gespräch mit Chefin Claudia Helming, 36, über das perfekte Weihnachtsgeschenk und den Trend zum Selbermachen.

sueddeutsche.de: Frau Helming, auf Ihrer Seite kann man Kissen in Form eines Brathähnchens, Filzmäntel für Äpfel oder Hängematten für Meerschweinchen kaufen. Wer braucht denn sowas?

Claudia Helming: Jeder, der sich selbst oder anderen mit individuellen Geschenken eine Freude machen will. Der sich nicht dem industrialisierten Massenkonsum anpassen will. Das Schöne bei DaWanda ist ja, dass man immer überrascht wird und Produkte findet, die es sonst nirgends gibt. Nicht umsonst haben wir unsere Internetseite nach einem afrikanischen Frauennamen benannt, der übersetzt "die Einzigartige" bedeutet.

sueddeutsche.de: 850.000 Mitglieder haben sich mittlerweile auf Ihrer Seite registriert. Ist jeder von ihnen wirklich einzigartig? Oder gibt es ihn doch, den typischen DaWanda-Nutzer?

Helming: 90 Prozent der Einkäufer sind tatsächlich Frauen, der Großteil ist zwischen 20 und 40 Jahre alt. Auch bei den Verkäufern überwiegen sie mit etwa 85 Prozent. Das liegt wohl daran, dass Frauen gerne nach Geschenken stöbern und sich dafür viel Zeit nehmen. Männer hingegen wollen bei ihrer Suche schnell ans Ziel kommen. Die Zahl der männlichen Einkäufer erhöht sich nur vor Weihnachten, da machen sie dann rund 20 Prozent aus.

sueddeutsche.de: Gibt es auch bei den Produkten allgemeine Vorlieben? Was sind die Klassiker für Frauen und für Männer?

Helming: Frauen kaufen häufig Schals, Hüte und Schmuck. Bei den Männern ist es einfacher, die interessieren sich für alles, was den Technikfreak in ihnen kitzelt. Taschen für den Laptop oder den iPod beispielsweise.

sueddeutsche.de: Das klingt allerdings nicht sehr ausgefallen. Das könnte man doch in jedem beliebigen Geschäft kaufen.

Helming: Eben nicht. Klar bekommen Sie eine iPod-Tasche auch im Kaufhaus. Aber keine, deren Filzoberfläche wie ein Stück Schinken aussieht. Oder Haarreifen, die mit Lebkuchen und kleinen Christbaumkugeln verziert sind.

sueddeutsche.de: Gibt es in diesem Jahr ein Produkt, das als Geschenk besonders gefragt ist?

Helming: Der absolute Renner ist bis jetzt die "schönetagebox", eine Mischung aus immerwährendem Kalender und Tagebuch. Auf 365 Karteikarten kann man die Besonderheiten des Tages festhalten, jedes Jahr aufs Neue. Innerhalb von zehn Tagen haben wir 85 verkauft.

sueddeutsche.de: Erledigen Sie Ihre Weihnachtseinkäufe auch auf DaWanda?

Helming: Ja, zu 90 Prozent schon. Meinen Eltern habe ich vergangenes Jahr beispielsweise ein Vogelhaus geschenkt, das aussah wie eine Überwachungskamera. Sie waren begeistert.

sueddeutsche.de: Pro Tag werden auf Ihrer Internetseite 19.000 Produkte gekauft. Ist es nicht gerade an Weihnachten ziemlich traurig, dass sich die Menschen anscheinend gar keine Mühe mehr machen, ihre Geschenke selber zu basteln?

Helming: Sicher, es gibt auch viele Faule, die bei uns einkaufen. Aber die meisten basteln gleichzeitig auch selbst. Nur haben sie nicht immer auch die nötige Zeit oder beherrschen alle Techniken.

Mit dem Umsatz wächst auch die Zahl der Kritiker

sueddeutsche.de: Wann beginnt bei Ihnen das Weihnachtsgeschäft?

Claudia Helming: Ab dem 1. November, da wollen viele unserer Kunden mit dem Dekorieren beginnen und suchen nach Krippen oder Adventskränzen. In diesem Jahr haben wir schon über 5000 Adventskalender verkauft. Die richtig spannende Zeit beginnt dann aber in der letzten Novemberwoche, wenn nach Geschenken für das Fest gestöbert wird.

sueddeutsche.de: Wie wichtig ist dieses Geschäft für ihren Jahresumsatz?

Helming: Weihnachten war schon immer unsere wichtigste Zeit und wird es auch bleiben. Da machen wir 35 Prozent unseres Umsatzes.

sueddeutsche.de: In den vergangenen Monaten wurde häufig kritisiert, DaWanda sei zu kommerziell geworden. Statt Hobbybastlern würden immer mehr Geschäftsleute als Verkäufer auftreten.

Helming: Das kann man so nicht stehenlassen. Der Großteil der Verkäufer macht das nebenbei aus Freude, vor allem jetzt im Winter. Nur rund 20 Prozent der Nutzer haben in DaWanda ihre einzige Erwerbsquelle. Und wir als Geschäftsführer kennen viele von ihnen persönlich, wir wissen auch, wie klein die bei uns angefangen haben. Wenn sie mit dem Verkauf ihrer Produkte großen Erfolg hatten und jetzt davon leben, ja vielleicht sogar Leute anstellen können, ist das doch wunderbar.

sueddeutsche.de: Wunderbar wohl vor allem auch für Sie als Geschäftsführerin. Sie verdienen an jedem verkauften Produkt.

Helming: Sicher, von diesen Hauptberuflern kommt ein Großteil unseres Umsatzes.

sueddeutsche.de: Bisher haben Sie sich immer recht bedeckt gehalten, wenn es um genaue Zahlen ging. Man erfuhr nur, dass der Umsatz stetig gestiegen sein soll. 2009 soll es dann einen Umzug in ein größeres Büro in Berlin Mitte gegeben haben. Wie sehen sie denn nun konkret aus, die Zahlen?

Helming: Der Umsatz hat sich 2010 tatsächlich sehr erfreulich entwickelt, im Vergleich zum Vorjahr konnten wir ihn verdreifachen. Er ergibt sich aus fünf Prozent des Verkaufspreises und der zusätzlichen Einstellungsgebühr, die je nach Artikel zwischen zehn und 30 Cent liegt. So kommen wir in diesem Jahr auf einen Umsatz von drei Millionen Euro. 2007, in unserem ersten Geschäftsjahr, lag er noch weit unter einer halben Million. So können Sie sich grob ausrechnen, wie hoch der Wert der Waren ist, die wir umsetzen.

sueddeutsche.de: Bei den stetig steigenden Zahlen liegt der Schluss nahe, dass der vielbeschriebene Trend zum Selbermachen weiter andauert.

Helming: Auf jeden Fall, DaWanda ist der beste Beweis dafür. Gestrickt, genäht oder gebastelt wurde zwar schon immer. Aber in den vergangenen Jahrzehnten assoziierte man das mit Altbackenem. Diese Zeiten sind vorbei, Handarbeit hat einen Imagewandel hinter sich. Heute stehen die Individualität, der Spaß und die Kreativität im Vordergrund - alles sehr positive Dinge.

sueddeutsche.de: Und DaWanda profitiert von diesem Trend.

Helming: Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten: Wir haben mit DaWanda dazu beigetragen, dass er überhaupt sichtbar wurde.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1025695
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/bre/bön
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.