Süddeutsche Zeitung

Zeitgeschichte:Totengedenken in Würfeln

Bei der Sanierung des Wenzelsplatzes in Prag sind Pflastersteine zum Vorschein gekommen, die von jüdischen Gräbern stammen. Die Funde zeigen die antisemitische Haltung des sozialistischen Regimes in der früheren ČSSR.

Von Viktoria Großmann

Jahrzehnte lang haben die Prager und Millionen Touristen diese Steine mit Füßen getreten. Nun wird der Wenzelsplatz im Herzen der tschechischen Hauptstadt saniert, das Pflaster auf dem die Demonstranten 1989 mit ihren Schlüsseln das Ende des sozialistischen Regimes einläuteten, wird aufgerissen. Dabei fielen den Bauarbeitern Quader in die Hände, auf denen Davidsterne und hebräische Schriftzeichen zu erkennen sind. Es sind zersägte Grabsteine von jüdischen Friedhöfen. Überall in Prag wurden sie in den Achtzigerjahren zu Straßenbelag verarbeitet.

"Die jüdischen Gemeinden haben diese Grabsteine verkauft", erklärt Tomáš Kraus von der Föderation der jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik. Allerdings taten sie das nicht ganz freiwillig. Die jüdischen Gemeinden, wie alle Glaubensgemeinschaften, standen unter dem Druck und der Kontrolle des Regimes. Ebenso wie Kirchenbesitz verstaatlicht, Geistliche verfolgt und eingesperrt wurden, wurden auch Synagogen umgenutzt. Alles, was jüdisch war, wurde unter dem Begriff Zionismus versammelt - und unter anderem mitverantwortlich für die Revolutionsbewegung Prager Frühling gemacht.

Zu Beginn der Siebzigerjahre besaßen die jüdischen Gemeinden nur noch ihre Friedhöfe. Nun sollten sie auch diese, bis auf wenige Ausnahmen, aufgeben. Die Steine wurden verkauft - und zu anderen Zwecken weiterverwendet. An Granit und Marmor herrschte Mangel, daraus ließ sich Gewinn schlagen. Forscher wir Martin Šmok, der für die US Shoah Foundation arbeitet, haben herausgefunden, dass ein landesweit bekannter Schmuggler und späterer Unterweltboss einen Handel mit "schwedischem Granit" aufzog. Unterstützt wurde er vom sozialistischen Staat, der auch noch mitverdiente. Denn die Steine wurden auch ins Ausland verkauft. Devisen waren begehrt.

Manche Gemeindemitglieder verdienten in geringem Umfang mit, andere protestierten. Denn nicht nur alte Friedhöfe wurden eingeebnet, die seit Jahrzehnten ungenutzt waren. So finden sich auf Steinen vom Wenzelsplatz Sterbedaten von Anfang der 1970er. "Das Judentum sollte Teil der Vergangenheit, nicht der Gegenwart sein", sagt Šmok. Möglichst jede Erinnerung daran sollte ausgelöscht werden. ¶

Nach der Wende, sagt Šmok, war die Haltung der Stadt Prag: Das tut uns schrecklich leid und wird nicht wieder vorkommen - aber wir können doch deshalb nicht die ganze Innenstadt aufreißen. Nun ist der Moment da. Der Wenzelsplatz soll vollständig umgebaut, auch umliegende Straßen saniert werden. Die Stadt und die Baufirmen haben sich darauf verständigt, dass auf Pflastersteine jüdischer Herkunft achtgegeben wird. Sie sollen alle der jüdischen Gemeinde zurückgegeben werden. Weil sie zu Würfeln mit acht Zentimetern Seitenlänge zersägt wurden, ist es aber nahezu unmöglich herauszufinden, an welchen Menschen sie einmal erinnerten. Etwa 680 dieser Trittsteine wurden schon aus dem Wenzelsplatz-Pflaster geborgen. ¶

Die Gebeine dazu werden nicht mehr auffindbar sein. Sie wurden verlegt oder einfach zusammengeschoben. Viele ruhen unter Parkanlagen. Oder unter dem Prager Fernsehturm, dem der Friedhof im Stadtteil Žižkov zum Opfer fiel. Nur ein kleiner Teil davon ist im Schatten des 216 Meter hohen Turms erhalten. Dorthin werden nun die Pflastersteine vom Wenzelsplatz gebracht. Nach jüdischem Glauben ist der Boden für immer geheiligt, wo ein jüdischer Mensch begraben wurde. Auch wenn Gras drüber wächst.

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Quelle:
SZ vom 25.05.2020
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