Süddeutsche Zeitung

Wilhelm Genazino:Ein Kunstverrat ist am Platze

Ein langes Lebensgespräch mit dem verstorbenen Wilhelm Genazino erscheint im "Schreibheft".

Von Willi Winkler

Nach dem Krieg geht es weiter mit "Mangel und wenig Geld". Im Kaufhaus müssen Kleinkredite in Anspruch genommen werden und eiserne Fälligkeiten. Die Scham über die Armut säuert die Kinderjahre, das Schulversagen kommt dazu. Alle anderen scheinen Geld zu haben, fahren bald auch in Urlaub, nur bei seiner Familie ist es anders. Der Vater verdient zu wenig, bastelt an einer selbsterfundenen Maschine, die endlich Geld ins Haus bringen soll, und schämt sich über den ausbleibenden Erfolg, die Mutter schrumpft immer weiter in sich hinein.

Der Leser, die Leserin kennt die antonreiserhafte Scham, unter der seine Protagonisten unheilbar leiden, aus den Büchern Wilhelm Genazinos. Der Vorzeigezustand der Hose ist mindestens so existenziell wie die Idee, dass jemand Josef K. verleumdet haben musste. Genazinos "Poetik der Schüchternheit", mit der er sich unter den Schutz Robert Walsers flüchtete, geht offensichtlich auf diese immer wieder aufgefrischten Kindheitsdemütigungen zurück. Nicht die geringste besteht darin, dass die Mutter ebenfalls zu schreiben anfängt, weil es der Sohn tut, und dann auch noch malen will: "Das haut einen vom Stuhl, wie eine leider völlig talentlose Frau, die leider auch noch meine Mutter war, meinte, sich per Pfiff größenwahnsinnige Talente anschmiegen und verinnerlichen zu können."

Die "Lebenskränkung" macht er zu seinen besten Bücher

"Ausgelebt" schon zu Lebzeiten nennt er seine Eltern und schrieb immerzu über ihr Unglück. Darf er das? Die Fragen, die Anja Hirsch vor vierzehn Jahren dem 2018 gestorbenen Autor in ausführlichen Gesprächen gestellt hat, sind in der Ausgabe der Literaturzeitschrift Schreibheft (Nummer 95), in der seine Antworten jetzt erscheinen, weggelassen. Seine Haltung ist eindeutig: "Ich habe, glaube ich, erkannt, dass das von allgemeinem Interesse ist und dass deshalb ein Kunstverrat am Platze ist." Die Eltern hätten seine Bücher ohnehin nicht gelesen, was ihn im nächsten Moment schon wieder empört, weil sie nicht einmal die Bücher lasen, in denen sie selber vorkamen.

Die andauernde "Lebenskränkung" ist die beste Voraussetzung für Genazinos Bücher, für die "Abschaffel"-Trilogie, für "Die Liebe zur Einfalt" und für "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze". Das Glück lässt sich trotzdem nicht ganz vermeiden, Genazino wird auch ohne Abitur Redakteur bei der heute legendären Satire-Zeitschrift Pardon und darf neben Robert Gernhardt, Alfred Edel und Eckhard Henscheid arbeiten.

"Brinkmann ist ein 1 a verzweifelter Mann

Henscheid, erfährt man hier, ist nicht nur der bekannte große Autor, sondern bisher kaum gewürdigt als arbiter elegantiarum. Als ihm der Verleger Hans A. Nikel zu Weihnachten einen Koffer mit Tralalabüchern schenken wollte, nahm Henscheid jedes einzelne davon, ließ es vom zwölften Stock nach unten segeln und trank dann weiter. "Dass es solche Leute wirklich gab, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich fühlte sofort: das sind Pendants zu mir selber." Gemeinsam wurde die zeitgenössische Avantgarde verachtet; in den Pop-Gedichten Wolf Wondratscheks steckte doch der "Spießer von morgen". Aber die Fremdheit auch hier: dass Genazino nicht so geschmacklos werden konnte, wie Gernhardt es für die Satire forderte, und dass er vergeblich Rolf Dieter Brinkmann retten wollte: "Brinkmann", beschwor er Henscheid, "ist ein 1 a verzweifelter Mann, der es verdient hat, dass du ihn liest." Henscheid blieb lieber bei Hölderlin und Jean Paul und warf alles andere aus dem Fenster.

Für künftige Doktoranden liefern diese Gespräche Bruchstücke einer großen Poetologie, wenn Genazino sich nachträglich freut, nicht der "falschen Fährte des ästhetisch-avantgardistisch agierenden Autors" gefolgt zu sein. "Ich konnte", ganz Genazino, "in aller Ruhe auf den Punkt zusteuern, von dem noch nicht klar war, dass er sich zeigen würde." Lieber träumte er wie in der Schule. "Ich hab mich an die Sachen erinnert, die ich am Vortag gelesen hatte, und war damit sehr glücklich oder jedenfalls zufrieden."

Mit anderen Worten: Bitte weiterlesen im neuen Schreibheft, zu haben in allen besseren Buchhandlungen. Beigepackt sind übrigens zwei Aufsätze von Adrien Proust - genau, der Vater - über Hygiene und Cholera sowie ein Dossier über Joshua Cohen.

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SZ vom 05.09.2020
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