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Ute Frevert: "Mächtige Gefühle":Geborgen in Nüchternheit

Ist uns die Fähigkeit zur Freude abhandengekommen? Wovor haben wir Angst? Was beschämt uns? Die Historikerin Ute Frevert skizziert ein Panorama der Gefühlspolitik im deutschen zwanzigsten Jahrhundert.

Von Jens Bisky

Auch der Hass versteht sich nicht von selber. Das erste moderne deutsche Universal-Lexikon definierte ihn Mitte des 19. Jahrhunderts als "die Feindschaft gegen einzelne Menschen, die denselben zu schaden u. sie überhaupt zu demüthigen und zu unterwerfen sucht". Er entstehe meist aus Neid und Kränkungen, könne auf mehrere Menschen übertragen werden, auch sei er "in Familien erblich" und pflanze sich sogar als Nationalhaß fort".

Ute Frevert, die in diesem Jahr mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet wird, zitiert in ihrem neuen Buch zwei andere, aufschlussreiche Lexikoneinträge. Aufschlussreich, weil sie guten, erwünschten Hass von abzulehnendem unterscheiden. So stellte "Meyers Lexikon" 1938 dem heldischen Hass, der "aus Pflicht- und Verantwortungsbewußtsein zum Schutz bedrohter Werte" entspringe, die Feindschaft aus "Feigheit, Mißgunst, religiöser Unduldsamkeit" gegenüber. Sei der erste von Willen und Einsicht beherrscht, ehrlich, gerade, mutig, so beherrsche der andere, "heimtückisch, niederträchtig", den Menschen. 1973, beschied "Meyers Neues Lexikon" in der DDR, der Hass als soziale Erscheinung werde demnächst verschwinden. Das setze allerdings "die Beseitigung des Kapitalismus" und die volle "Entfaltung der kommunistischen Gesellschaft" voraus. Bis dahin gelte, dass Hass die geschichtliche Entwicklung hemme oder fördere, "je nachdem er Attribut konservativer oder progressiver sozialer Kräfte" sei. Er könne "daher keiner unveränderlichen abstrakten moralischen Wertung unterliegen".

In beiden Fällen liegt die Unterscheidung in Freund und Feind dem Urteil über den Affekt voraus. Auf wenigen Seiten trägt Frevert eine Fülle von meist wenig bekannten Zitaten zusammen. Sie beginnt mit Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen", das Hass zugleich kritisierte und rechtfertigte, erinnert an Haßgesänge aus den Zeiten der Befreiungskämpfe gegen Napoleon und aus dem Ersten Weltkrieg, spricht über Klassenhass und Rassenhass, über Weimarer Republik, Bundesrepublik und DDR. Sie führt Leserbriefe und Gerichtsurteile an und Alexander Gaulands Verteidigung des anderen Menschen feindlichen, auf Demütigung, Unterwerfung, Vernichtung zielenden Affekts: "Hass ist keine Straftat. Hass hat Gründe. Eines Tages ist eben Schluss mit der Geduld."

Frevert setzt dagegen die These, dass man in Demokratien zwar "anhaltend und heftig", polemisch und zugespitzt" streite; "aber man hasst nicht". Das leuchtet nach ihrem Schnelldurchgang durch das Jahrhundert des Hasses ein, wird aber nur schwach begründet. Ein Konsens habe sich etabliert, nach 1945, Hass nicht mehr hinzunehmen. Warum aber ist er ein ständiger Begleiter geblieben? Und wie kam es überhaupt zum Konsens?

Der Hass ist eines von zwanzig Gefühlen, deren gesellschaftliche Rahmung, Beurteilung, konventionelle Formung und Mobilisierung seit 1900 Ute Frevert nachzeichnet. Angst, Freude, Liebe, Scham, selbst Demut, Neugier und Zuneigung sind darunter. Das Buch liefert "Kontext, Einbettung und Differenzierung" zur vielfach gezeigten und besuchten Plakatausstellung "Die Macht der Gefühle. Deutschland 19/19", die Frevert gemeinsam mit ihrer Tochter entwickelt hatte. Emotionsgeschichte erlebt derzeit wieder einmal einen Aufschwung. Ihn befördern Diskussionen in der Geschichtswissenschaft, wofür Bücher wie "Republik der Angst" von Frank Biess oder "Krebs fühlen" von Bettina Hitzer stehen. Er scheint dringlich angesichts des aktuellen Erschreckens über den Einbruch starker Gefühle in die politische Diskussion. Dieses Erschrecken hat historische Aufklärung nötig, um nicht jede Reprise für etwas Neues zu halten und den eigenen Standort zu reflektieren.

Wäre die Frage "Und was macht das mit dir?" nicht einst eher übergriffig erschienen?

Nach der "unheilvoll exaltierten Emotionalität des ,Dritten Reiches'" habe man, so Frevert, in der jungen Bundesrepublik gern an Nüchternheit und Sachlichkeit appelliert. Solche Appelle finden auch heute Zustimmung, aber sind sie noch erfolgversprechende Formen des Emotionsmanagements? Das Buch informiert glänzend über die Wandlungen der Angst, der Hoffnung oder der Freude. Dass die DDR nicht allein 1964 "fröhlich und unbeschwert ins neue Jahr" schritt, ahnte man. Merkwürdig nehmen sich daneben die Freudebeschwörungen in der Bundesrepublik aus. Helmut Schmidt monierte 1977 den "Hang zur chronischen Unzufriedenheit, das Nicht-genug-Bekommen-Können"; Bundespräsident Karl Carstens plagte 1979 die Frage, "ob manchem unter uns nicht die Fähigkeit zum Sich-Freuen, zur Freude abhanden gekommen" sei. Roman Herzog beklagte 1998 die seltsame "Freudlosigkeit, mit der wir uns oft das Leben so schwer machen". Dabei war es doch der wahrscheinlich Stabilität garantierende Vorzug der Demokratie, auf Liebe oder Dankbarkeit nicht angewiesen zu sein. Sie konnte auf "organisierte Loyalitätsschauspiele" wie etwa Fackelzüge verzichten. Aber ohne Bindung, ohne etwas Grundzufriedenheit kam und kommt sie nicht aus. Ute Frevert skizziert treffend, was diese erschwert: Zwischen 1970 und 2000 verdoppelte sich das "um Preissteigerungen bereinigte Pro-Kopf-Einkommen" in der Bundesrepublik, die durchschnittliche Lebenszufriedenheit verharrte auf demselben Niveau. Der Vergleich mit Nachbarn und Kollegen spielte eine Rolle, und der Stress, der zum Konsum gehört wie Reklame und Schaufenster: "Mit den Autos kamen die Staus, mit den vollen Ladentischen das Gedränge beim Sommer- und Winterschlussverkauf, mit den Waschmaschinen der Druck, die Kleidung stets ,fasertief rein' zu halten." Die Vermutung liegt nahe, dass es auch Kränkungen und Verbitterungen gibt, die kein Wohlstand kompensieren kann, dass möglicherweise die stimmungsaufhellende Wirkung des Konsums oft überschätzt wird. Was bindet Menschen dann an demokratische Nüchternheit und Verfahrenszähigkeit? Erzeugt diese nicht auch Langeweile? Sehnsucht nach Intensität? Oder reicht vielleicht durchschnittliche Zufriedenheit? Krebs und Pandemie und Tod kommen schon von alleine, da braucht es doch keine zusätzlichen Gefühlsausschläge.

Leider werden solche Fragen im Buch zwar gestreift, aber an keiner Stelle systematisch behandelt. Der lexikalische Grundplan steht dem entgegen. So verständlich Ute Freverts Distanz gegenüber Meistererzählungen ist, eine Meisterinnendeutung der jüngeren deutschen Gefühlsgeschichte hätte man gern von ihr gelesen. Sie fürchtet, darin geriete die "Historizität von Gefühlen" aus dem Blick. Aber so, wie sie hier erzählt, verblassen die Zäsuren der Gefühlsgeschichte, die doch wohl einschneidender waren als Regierungswechsel, Parteigründungen, Firmenpleiten: die Innerlichkeit der Siebziger, beispielsweise, der Kult um Authentizität, die achtsame Coolness der Neunziger. Und scheidet "Und was macht das mit Dir?" nicht Gefühlsgeschichte in ein Davor, indem die Frage als unverständlich oder als übergriffig erschienen wäre, und ein Danach? Ein Danach, in dem man antworten muss, ohne die Antwort zu kennen. "Mächtige Gefühle" ist unterhaltsam und belehrend, aber worin die Macht der Gefühle besteht, wie diese sich änderte, vermag es nicht zu erklären.

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Quelle:
SZ vom 13.10.2020
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