Süddeutsche Zeitung

US-Botschaft wird eröffnet:Lauwarmer Riesenburger

Langeweile in der guten Stube, Sicherheitsdenken statt Pomp: Am Unabhängigkeitstag wird die missglückte amerikanische Botschaft eröffnet - als Abschluss des Pariser Platzes.

Jens Bisky

Amerika hat in den zurückliegenden Jahren wenig Glück gehabt, und so würde man gern etwas erfrischend Freundliches über die vollendete Botschaft der Vereinigten Staaten sagen. Aber das scheint schwer möglich.

Man mag an den drei Seiten des Komplexes entlangschlendern, so oft man will, der Ärger über so viel Missgeschick weicht nicht. Unbeholfen wirkt die Kalksteinfassade am Pariser Platz; durch Monotonie, Zaun und gefängnistaugliche Lampen schreckt die dem Tiergarten zugewandte Seite an der Ebertstraße; und wer vom Holocaust-Mahnmal auf das seltsame Gebäude schaut, muss glauben, dass die Architekten hier endgültig Lust und Gestaltungsabsicht verloren haben. Dass man das Riesengemälde Sol Le Witts im Glaspavillon an der Behrenstraße auch von außen sehen kann, ändert daran wenig.

Das Gebäude ist, obwohl es sich in Material und Farbe der Umgebung anzupassen versucht, von peinigender Helligkeit. Angenehme Proportionen, rhythmische Akzente fehlen.

Die Eingangsrotunde und die aufgesetzte Laterne fügen sich nicht ins Ganze. Die Fenster sind so klobig geraten wie die osteuropäischer Grundschulen. Die Gitter darüber sehen aus, als wollte hier einer Riesenburger grillen. Die auskragenden Lamellen dienen dem Sonnenschutz und leisten unter ökologischen Gesichtspunkten gewiss Vortreffliches. Elegant aber oder angenehm ins Auge fallend sind sie nicht.

Seit Tagen entladen sich der Spott der Berliner und die Wut vieler Amerikaner, die in der Stadt leben, über dem Gebäude, das die letzte Lücke am Pariser Platz schließt. Was ist das für eine Großmacht, die derart belanglos baut, sich beinahe ängstlich präsentiert.

Wie konnte es dazu kommen? Die Architekten Buzz Yudell und John Ruble sind unprätentiöse, kultivierte Männer, erfahrene und vielbeschäftigte Baumeister. 1995 gewannen sie den Wettbewerb mit einem verspielten Entwurf: humanistisch-historistisch-postmodern. Seitdem wurde vielfach umgeplant.

Es dürfte nicht viele Bauwerke geben, über deren Details so viele verschiedene Experten gegrübelt, beraten und entschieden haben. Dem Störfeuer öffentlicher Debatten war man kaum ausgesetzt. Umso wichtiger waren die Sicherheitsfachleute, die nach dem Anschlag auf die Botschaft in Nairobi 1998 und dann erst recht im "Krieg gegen den Terror" gute Gründe und die Macht auf ihrer Seite hatten.

Ihr Einfluss erstreckt sich bis in kleinste Details, nicht nur auf Einlasskontrollen und Schilder an den Fahrstühlen, die das Verhalten bei Alarm erläutern: Abhauen oder "Duck and Cover".

Gesicherte Blumen

Das Gebäude musste zurückgesetzt werden, auch die Blumenrabatten hat man ins Sicherheitskonzept einbezogen. Die Fenster durften keine größeren Glasflächen besitzen. In menschenfreundlicher Gesinnung haben die Architekten so geplant, dass die sitzenden Angestellten dennoch ins Grüne blicken.

Lange wurde überlegt, ob die Botschaft nicht ganz an den Stadtrand ziehen sollte. Am Pariser Platz hatte sie vor Ausbruch des Krieges ohnehin nur kurz residiert. Dann entschloss man sich allen Befürchtungen und Auflagen zum Trotz dennoch für die vornehme Adresse.

Kürzungen des Budgets erleichterten die Umarbeitung des Entwurfs keineswegs. Die Arbeit daran, eingespannt zwischen Berliner Stadtplanung und Washingtoner Anforderungen muss zeitweise einem Albtraum geglichen haben.

Keine Spur von Repräsentation

Dennoch ist das, was jetzt da steht, nicht das Ergebnis eines Kompromisses. Eine starke architektonische Idee, die sich im Kampf widerstreitender Interessen hätte behaupten können, gab es offenkundig nicht. Zumindest ist keine Spur davon zu entdecken.

Zur Bauaufgabe Botschaft gehört - und das auch in Demokratien - die repräsentative Geste. Sie vermisst man hier vollständig. Deswegen fallen die Sicherheitsmaßnahmen so ins Auge. Sie müssen sein. Ein Staat der seine Angestellten nicht schützt, verletzt eine moralische Pflicht. Aber sie bleiben hier ohne Gegengewicht.

Lesen Sie auf Seite 2 über wild gewordene Heimwerker.

Lauwarmer Riesenburger

Wie eine Großmacht mit gewaltigen Sicherheitsansprüchen sich architektonisch angemessen darstellen kann, sieht, wer Unter den Linden wenige Schritte weiter geht zu jenem stalinistisch-klassizistischen Riesenbau, der 1951 als sowjetische Botschaft vollendet wurde. Dreiflügelig, symmetrisch, massiv, mit Säulen und Halbsäulen, ohne Scheu vor Pathosformeln: Der sozialistische Palast wirkt hoheitsvoll und achtunggebietend. Er lädt den Freund zum Fest und droht dem Feind, ihn zu zermalmen.

Diese Architektur ist mit allen Schutz- und Wachbedürfnissen vereinbar, ist sie doch Gestalt gewordene Autorität. Hätten die Amerikaner auf diese Weise gebaut, wäre wohl ein Aufschrei durchs Land gegangen. Diese Wucht und Massivität verträgt sich nicht mit dem Selbstbild einer offenen Gesellschaft. Genau das aber wollten die amerikanischen Architekten bewahren - der ästhetische Preis, den sie dafür zahlten, ist hoch.

Wer näher hinschaut, kann manch hübschen Einfall, einige intelligente Lösungen entdecken, auch wenn sie sich nicht zum Ganzen fügen. Auf dem Pariser Platz schützen sichtbar nur ein paar Poller das Botschaftsgebäude. Man kommt, derzeit wenigstens, ohne Probleme sehr dicht heran. Das ist fast offenherzig, wenn man das Haus etwa mit der britischen Botschaft vergleicht, vor der ein Abschnitt der Wilhelmstraße gesperrt ist.

Der bisherige Sitz der US-Botschaft in Mitte war verriegelt, als habe man jederzeit mit dem Ausbruch eines Bürgerkrieges rechnen müssen. In diesem Punkt bringt der Umzug einen Fortschritt.

Vier Etagen hoch ist das neue Gebäude. Am Pariser Platz erstaunt ein Schlitz in der Wand, hier liegt die Eingangsrotunde. Ursprünglich sollte ein überkuppelter zylindrischer Raum an Thomas Jeffersons Bau in der Universität von Virginia erinnern. Nun wird der Zylinder von einer Stahl-Glaskonstruktion überdacht. Man kann den Himmel sehen, während man die Präambel der US-Verfassung liest oder den Wappenadler aus Meißner Porzellan betrachtet.

Hier lässt man die Kontrollen über sich ergehen. Auch dabei, sagten Ruble und Yudell, soll der Einzelne als Bürger in seiner Würde geachtet werden. Das will die Form ausdrücken. Warum aber dann die Peinlichkeit der Stahl-Glas-Welle davor, das an wild gewordene Heimwerker erinnernde Vordach. Es verdirbt den Effekt, den die Rotunde hätte machen können.

Eine Botschaft ist in erster Linie ein Bürogebäude. So sieht es im Inneren auch aus. In den Fluren hängen Fotos und Grafiken. In loftartigen Räumen entstehen durch eine leicht zu verändernde Möblierung mit Trennwänden kleine Bereiche für jeden.

Manche dieser Arbeitsplatzkästen haben kein Fenster. Hier sitzen die Amerikaner. Das deutsche Arbeitsrecht verbietet derlei. Entschädigt werden die Mitarbeiter durch den großen Innenhof. Zwei verschiedene Sorten Wein werden bald die Mauern emporranken. Hier lässt's sich sein.

Eine angenehme Überraschung verbirgt sich in der grob aufgesetzten, mit dem Ganzen nicht recht zusammenhängenden Glaslaterne. In ihrem Inneren liegt der "State Room". Er bietet einen der schönsten Blicke, den man in Berlin haben kann: über das Brandenburger Tor hinüber zur Reichstagskuppel, zum Hauptbahnhof und dem Kanzleramt, in dem gelang, woran die Amerikaner scheiterten: die Verbindung von Landhausatmosphäre mit Repräsentation.

Riesig ist der runde Mahagoni-Tisch im holzgetäfelten Rund. Wer hier plaudert, kann sich mächtig fühlen, herausgehoben aus der Masse und in der distanzierten Intimität eines kleinen Kreises aufgehoben zugleich. Nachts leuchtet die Laterne und damit auch die Rotunde - und wenn alle Touristen in der Dämmerung grau geworden sind, mag man sich fast mit dem Bau versöhnen.

Er bleibt weiter unter dem Niveau anderer Botschaftsbauten, aber doch im Mittelfeld des berlinweit Üblichen. Vor allem aber stört er die Atmosphäre des Pariser Platzes nicht, die gute Stimmung in der guten Stube der Berliner Republik.

Wer alles erlebt hat, was in Berlin möglich ist, dem sei empfohlen, einmal kurz vor Sonnenaufgang am Ernst-Reuter-Platz aufs Fahrrad zu steigen, die dortige Architektur der Westbindung hinter sich zu lassen und geruhsam an der Siegessäule vorbei zum Brandenburger Tor zu radeln. Hat er dieses passiert, wird es etwas wärmer als auf den Metern zuvor.

Lustwandeln im Herzen der Stadt

Leer liegt der Platz da, bevor die große Besucherabzocke aufs Neue beginnt. Es ist ein schöner, städtischer Raum geworden, von angenehmen Maßen und ganz dem Schlendern, Schauen, Bürger-Sein vorbehalten. Man kann auch auf dem Fahrrad für Sekunden die Augen schließen und sich daran erinnern, dass hier noch 1990 Brache war, dass einzig und allein das Tor noch stand, das Symbol der Deutschen schlechthin.

Den Platz gibt es seit der barocken Stadterweiterung. Im Kampf um ihn hat sich Hans Stimmann, der das neue Botschaftsgebäude vor kurzem als "verpollertes Gesicht der USA" verriss, den Titel eines Geschmacksdiktators erworben. Der urbanen Rekonstruktion legte er als Traumbild den Zustand Mitte, Ende des 19. Jahrhunderts zugrunde.

Die müde gewordenen Schinkel-Schüler hatten manches an früherer Lebendigkeit, an Zwiesprache der Bauten schon getilgt. Nach drei Gutachten und den üblichen Debatten beharrte Stimmann auf Gleichförmigkeit. Traufhöhe und Gebäudegliederung wurden vorgegeben.

Die Farbgebung sollte sich am Brandenburger Tor orientieren, obwohl dies eigentlich weiß angestrichen war, wie es sich gehört für eine preußische Reverenz an die Propyläen. Außer der Akademie der Künste, die für ihre nichtige Glasfassade focht, als gelte es die Rettung der Welt, haben sich alle daran gehalten.

Nun steht das Tor recht eingeklemmt zwischen den beiden Kleihues-Bauten, die den Kunsthistoriker erfreuen mögen, den Passanten aber in ihrer spröden Geometrie nicht beeindrucken.

Die Gleichgültigkeit siegt

Die französische Botschaft appelliert wenigstens verhalten an die Sinne. Frank Gehrys Geniestreich für die DZ-Bank bleibt der Öffentlichkeit weitgehend verschlossen. Das Adlon mit seiner Stilmöbelanmutung weckt selbst bei ehemaligen Kritikern kaum noch Emotionen. Die Baukunst ist am Platze überwiegend durch Belangloses, Braves vertreten. Dass er die Architekten am Auftrumpfen hinderte, bleibt Stimmanns Verdienst.

Dafür wirkt nun alles bieder. Was Architektur leisten kann, außer Schöpferindividualität auszudrücken oder Effekte zu zitieren, bleibt eine offene Frage.

Der Stadtbewohner ist schon froh, wenn ihn die Baumeister nicht erziehen wollen. Er nimmt Besitz von den urbanen Räumen, zufrieden, dass Architektur daran nicht hindert. Bald wird auch das Ärgernis der neuen US-Botschaft in dieser Stimmung versinken.

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Quelle:
SZ vom 04.07.2008/mst
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