Süddeutsche Zeitung

"Transatlantik" von Colum McCann:Vergiss die Vogelflinte nicht

Auftakt des neuen Romans "Transatlantik" von Colum McCann ist ein historischer Non-Stop-Flug von Neufundland nach Connemara - er landet mitten in der irischen Gesellschaft.

Anfangs ist man etwas skeptisch: ein Roman über eine Atlantiküberquerung? Hefte sich Colum McCann nach seinem eigenwillig-geschmeidigen 9/11-Roman "Die große Welt" da nicht wieder etwas zu elegant ans Rad der Historie? Auch wenn seine Helden und Ereignisse, gerade fürs deutschsprachige Publikum, eher B-Geschichtsprominente sind: versucht Mc Cann da nicht neuerlich stimmungsvoll vom großen Wind der Zeit zu profitieren, statt wirklich Geschichten zu erzählen, wie er es kann?

1965 in Dublin geboren, seit Jahren in New York wohnhaft und inzwischen einer der bekanntesten Gegenwartsautoren der englischsprachigen Welt, beginnt McCann nach einem kurzen Prolog mit der ersten Non-Stop-Atlantiküberquerung der beiden Ex-Erst-Weltkriegs-Soldaten Alcock und Brown, die 1919, acht Jahre vor Lindberghs Flug von New York nach Paris, knapp zweihundert Briefe über den Ozean transportieren. In einer Vikers Vimy, aus der eben noch Bomben fielen, landen sie beim irischen Connemara-Städtchen Clifden, recht ruppig, aber immerhin: Albert Read hatte Monate zuvor, auf seinem Weg von Long Island nach Plymouth, noch einen Schlenker über die Azoren und Lissabon machen müssen.

Eine weitere prominente Hauptfigur McCanns, die zuerst ohne ersichtlichen Zusammenhang eingeführt wird, ist Frederick Douglass, dessen Autobiographie "Sklaverei und Freiheit" schon 1860 bei Hoffmann & Campe auf Deutsch erschien. Douglass, ein hellhäutiger Schwarzer, ist vermutlich der Sohn einer Sklavin und ihres Besitzers. Als Douglass auf Einladung seines irischen Verlegers 1845 die Insel besucht, folgt McCann dem edlen Mischling, den man in Irland, nach dem Vorbild des greisen Katholiken-Emanzipators, den "schwarzen O'Connell" nennt, in die gehobene irische Gesellschaft, die damals zum großen Teil englisch war.

Dienstmädchen Lily hält die Teilgeschichten zusammen

Es ist eine eigenartige, spannungsvolle Reise. Douglass predigt gegen die Sklaverei, fühlt sich frei vom Rassismus der US-Südstaaten, doch merkt er sehr wohl, dass es in Dublin große Armut gibt. Auch die Freiheit des Einzelnen gilt nur insofern, als sie die englische Herrschaft nicht verletzt.

Das ist alles sehr interessant und flüssig entlang den Ereignissen erzählt, aber noch fehlt dem Roman das Zentrum, das die Teilgeschichten zusammen hielte. Auch, als es auftaucht, ist es erst kaum zu erkennen: Lily, das Dienstmädchen, das beim philanthropischen Essighersteller Jennings in Cork arbeitet; dort, wo sich auch Douglass ein paar Tage aufhält. Anfangs wirkt Lily bloß wie eine klassische Illustration der elenden Kolonie Irland. Als Douglass wieder verschwindet, macht auch sie sich, neugierig geworden, in die USA auf.

Ganz langsam wird Lily dort zum tragfähigen Mittelpunkt des Texts, paradoxerweise erst, indem sie heiratet. Über ihren Mann Ehrlich, einen störrischen Einsiedler, der sich in der Einsamkeit Neufundlands nieder lässt, und davon lebt, dass er frisches Eis in das heiße New Orleans verschifft. gewinnt auch sie ungewöhnliche Kanten, und als Ehrlich mit dreien ihrer gemeinsamen Söhne bei einem Unfall stirbt, übernimmt Lily das Geschäft.

Gelingendes Leben als Provokation

Auf einmal scheint der Roman zu wissen, was er will. Ausgehend von Lily, die einen beeindruckenden Wandel zur Pionierin durchmacht, gerät man in das fiktive Leben von vier Generationen Frauen, ohne dass das Buch zum modischen Frauen-Schicksalsroman verkäme, und zugleich erkennt man die Verbindungen zu den Geschichten über die historischen männlichen Charaktere.

Lilys Tochter Emmy entpuppt sich als die Journalistin, die anfangs des Buchs in Neufundland über den Start von Alcock und Brown berichtete. Zuvor hat sie, erfährt man jetzt, für ihren Ex-Liebhaber, einen Redakteur, die Geschichten geschrieben, mit denen er berühmt geworden ist, und selber nicht mehr als ab und zu ein Initial dafür erhalten. Nach langem Drängen gibt er ihr eine Kolumne. Doch als er stirbt, hinterlässt er als besondere Bosheit ein Schreiben, dass die Verhältnisse frech verkehrt, und behauptet, dass er alle von Emmy gezeichneten Texte geschrieben habe - was dazu führt, dass Emmy entlassen wird, auf und davon geht und zurück nach Neufundland kommt.

Eine der wirkungsvollsten Entscheidungen McCanns ist es, Lottie, Emmys Tochter, als glücklichen Menschen zu zeigen. Selbstständig, selbstbewusst, hat sie von vornherein einen Charakter, der viel erleben will und sich nichts gefallen lässt. Geschickt folgt McCann Emmys erstauntem Blick auf Lottie, die Photographin wird und einen liebenden, zärtlichen Mann heiratet, der anfangs auch noch vermögend ist. Ihre eigene Tochter Hannah trägt das Staunen über die Mutter weiter, auch für sie ist Lottie wie eine Nummer zu groß.

Gelingendes Leben in zeitgenössischer Literatur, das liest sich selten und klingt wie eine offene Provokation. Doch Lotties Glück hat mit dem Zustand der Welt, das wird schnell klar, nichts zu tun, sie steht nicht für etwas, sondern nur für sich selbst. Diese Frau ist einfach anders als der Rest ihrer Familie. Auch psychologisierende Erklärungen fehlen, zum Glück.

Souverän vermeidet Mc Cann auch eine andere Falle. Wenn Hannah am Ende nicht nur ihren jungen Sohn Tomas verliert, der sein Leben lässt, weil er in den Wirren des Nordirlandkonflikts über eine Vogelflinte verfügt, die ihm gestohlen wird, sondern auch noch das Familienhäuschen an einem Lough bei Bangor abgeben muss, dann ist das zwar traurig, aber keine klischeehaft ausgewalzte soziale Katastrophe. Hannah wehrt sich anfangs gegen den Verkauf an die Bank, doch als das Werk vollbracht ist, hat sie genügend Geld zum Weitermachen.

Unauffällig fügen sich die vielen Geschichten allmählich zu einer großen. Wieder ist McCann kein formaler Neuerer, aber auch diesmal versteht er es mit zunehmender Dauer des Buchs ausgezeichnet, pittoreske historische Charaktere über fiktive Figuren zu beleben und umgekehrt. Alles zusammen von Dirk van Gunsteren behutsam übersetzt.

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Quelle:
SZ vom 17.06.2014/cag
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