Süddeutsche Zeitung

Theater:Seifenoper im Kaftan

Das Schauspiel Köln startet mit Wajdi Mouawads Stück "Vögel" in die neue Saison. Die Anbindung von Identität an Vererbungslinien stellt der Autor mehr als einmal infrage.

Vater David ist erschüttert: "Du trägst zu unserem Verschwinden bei und schämst dich nicht mal dafür!" Soeben hat sein Sohn Eitan ihm eröffnet, dass er, der Sprössling eines jüdischen Ehepaars aus Berlin, sich in eine Araberin mit amerikanischem Pass verliebt habe. David empört sich über die drohende Auflösung der jüdischen Identität seiner Familie im "Schmelztiegel des Feindes", während sein naturwissenschaftlich denkender Sohn dagegenhält: "Leid vererbt sich nicht!"

Diese Szene in Eitans New Yorker Wohnung ist eine von mehreren Zäsuren in Wajdi Mouawads Stück "Vögel" von 2017, das im vergangenen Jahr in Stuttgart seine deutsche Erstaufführung erfuhr, und mit dem nun das Schauspiel Köln seine Spielzeit eröffnet. Angelpunkt und Sollbruchstelle der gesamten Interaktion zwischen Eitan, seinen Eltern und Großeltern und seiner Freundin Wahida, ist ihre tatsächliche oder nur vermeintliche genetische Zugehörigkeit. Die Verlässlichkeit dieser Anbindung von Identität an Vererbungslinien stellt der libanesisch-kanadische Autor in "Vögel" mehr als einmal in Frage.

Das Stück hat mit seinen schockartig gesetzten Enthüllungen und seinem Pathos etwas von einer Seifenoper, weshalb man auch nicht zu viel von der Handlung verraten sollte. Die Familie muss sich jedenfalls, konfrontiert mit der Gewaltspirale im Nahen Osten, schließlich ihren gemeinsamen und individuellen Lebenslügen stellen. Solcherart Melodrama ist nicht notwendigerweise etwas Schlechtes, wenn es, wie in Stefan Bachmanns Kölner stilsicherer Produktion, weitgehend bühnentauglich heruntergeregelt wird. Der Bühnenraum der größeren der beiden Depot-Spielstätten des Kölner Theaters ist durch einen Plastikvorhang quergeteilt, hinter dem sich jene Ereignisse abspielen, auf die die Handelnden keinen Einfluss haben. Namentlich ist das ein Terroranschlag an der Grenze zwischen Israel und Jordanien, bei dem Eitan verletzt wird und dem seine Freundin Wahida nur entkommt, weil sie gerade von einer israelischen Soldatin durchsucht wird.

Obwohl Mouawad frankophon ist, wird sein Stück auf Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch gespielt, mit deutschen und englischen Übertiteln, was dem Naturalismus des Textes entspricht. Diesen durchbrechen nur bisweilen die fiktiven Gespräche Wahidas mit dem Gegenstand ihrer historischen Arbeit, dem berberischen Geografen al-Hasan Ibn Mohamed al Wazzan aus dem 16. Jahrhundert. Dessen Auftritte - Kais Setti sieht im schwarzen Kaftan aus, als sei er dem berühmten Porträt Sebastiano del Piombos entstiegen - wirken wie Interventionen aus einer magischen Parallelrealität. Aus einem stark agierenden Ensemble, das sich die großen Gefühle der Vorlage erfreulich rückhaltlos zu eigen macht, ragen Lola Klamroth und Bruno Cathomas heraus. Dabei bildet Klamroths Wahida das Gegenstück zu Cathomas' David: Während sie sich, zunächst fast apologetisch, dann immer entschlossener und am Ende, mit geschorenem Schopf, offensiv zu ihrem arabischen Erbe bekennt, kann man ihm dabei zusehen, wie eine Persönlichkeit auseinanderfällt, wenn die Wahrheit die stützenden Mauern des Ressentiments einreißt.

Wo "Vögel" die politische Brisanz des jüdisch-arabischen Konflikts auf ein Familiendrama mit Romeo- und Julia-Elementen herunterbricht, beschreitet die zweite Kölner Eröffnungsinszenierung gleichsam notgedrungen den entgegengesetzten Weg. Regisseur Thomas Jonigk hat sich die undankbare Aufgabe gestellt, Carolin Emckes 2016 erschienenes Buch "Gegen den Hass" zu einem Theaterabend zu formen. Nachdem ein von der friedenspreisprämierten Publizistin verfasster Monolog mit ähnlich wohlmeinendem Grundtenor, ebenfalls am Kölner Schauspiel, bereits im März die Coda einer verunglückten "Räuber"-Inszenierung bildete, wird nun also ihr Langessay über die Mechanismen des Hasses ("im Hass muss das Objekt des Hasses als existenziell wichtig und monströs gedacht werden") im kleineren Depot-Spielort abendfüllend ausgebreitet.

Jonigks Produktion kämpft tapfer an gegen die bleierne Ernsthaftigkeit von Emckes Aufruf zur Zivilcourage angesichts endemischer Intoleranz. "Gegen den Hass" ist inhaltlich weitgehend löblich, im Duktus aber ermüdend langatmig. Der Monolog wird auf fünf Darsteller verteilt, um wenigstens den Anschein von These und Antithese zu erwecken. Verstärkend wirkt das bewusst übertriebene Ausagieren von Grundtypen: manisch-fröhlich, analytisch, lethargisch, verwirrt, wütend. Während die Szenerie - eine vor- und zurückfahrende, weiße Wand - gleich bleibt, wechseln die Schauspieler behände die Rollen.

Die Szene wird zur Kunstauktion als ein Gemälde im verwaschenen Gerhard-Richter-Stil erscheint

Zu Beginn betupfen und untersuchen zwei Forensiker, die dauerentrüstete Kristin Steffen und der kühl dozierende Stefko Hanushevsky, einen von Justus Maier gespielten, nackten Leichnam. Der springt dann auf, um das Gespräch über die "Unsichtbarkeit" der gehassten Menschen aufzunehmen. Später wandelt sich die Szene in eine Kunstauktion, bei der das Motiv der im Jahr 2014 tödlich verlaufenen Verhaftung des schwarzen New Yorkers Eric Garner als Gemälde im verwischten Gerhard-Richter-Stil hereingetragen wird.

Mit scheinbar triumphierender Fröhlichkeit werden die Prozentpunkte aufgezählt, die rechtspopulistische Parteien bei diversen Wahlen in Europa eingefahren haben. Man hüpft zu schmerzhaft lauten "Wir sind das Volk"-Sprechchören, rennt in Chemikalienschutzanzügen pantomimisch gegen imaginären Wind an, es kommen Affen- und Bärenkostüme sowie eine wabbelnde Schweinekopfmaske zum Einsatz - wozu man eben so greift, um sich augenfällig von der Vorlage zu distanzieren. Das ist über weite Strecken überraschend lustig und kurzweilig, selten erhellend, und es überzeugt den Zuschauer nie davon, dass ein um die eigene Weltsicht kreisender Redundanzmonolog wie "Gegen den Hass" irgendetwas auf einer Theaterbühne verloren hat. Ob erfolgreich wie Stefan Bachmann, ob von der Vorlage besiegt wie Thomas Jonigk: Eine größere Entfernung innerhalb des Spektrums von politischem Theater als zwischen den beiden Kölner Eröffnungsinszenierungen ist kaum denkbar.

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SZ vom 24.09.2019
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