Süddeutsche Zeitung

SZ-Vorabdruck: Napoleons Spuren in Regensburg:Himmel, welch ein Erbe

Folge 2: Das Geld - Dank Napoleon zahlt der deutsche Staat bis heute an die Kirchen enorme Ausgleichssummen für verlorene Gebiete. Die Entscheidung fiel beim "Reichsdeputations­hauptschluss" zu Regensburg

Wenige Hundert Meter vom südlichen Zugang zur Steinernen Brücke in Regensburg befindet sich am Kohlenmarkt das Alte Rathaus. Das von der charmanten Gästeführerin Isabel Käser als schönstes Gebäude Regensburgs gepriesene Bauwerk mit baulichen Ursprüngen aus dem 13. Jahrhundert war genau an der Grenze zwischen den Wohnvierteln der alteingesessenen Patrizier und des aufstrebenden Bürgertums errichtet worden. Das frühgotische Gemäuer symbolisiert jedoch nicht nur eine ehemalige Standesgrenze, sondern markiert durch die 1803 hier getroffenen Beschlüsse auch im übertragenen Sinne eine Zeitenwende: Nachdem Napoleon den II. Koalitionskrieg für sich entschieden hatte, wurde unter den Waffengang im Frieden von Lunéville (1801) ein Schlussstrich gesetzt.

Der Friedensvertrag sah unter anderem vor, dass das linke Rheinufer Teil der Französischen Republik werden sollte. Die deutschen Fürsten, die hierdurch Gebiete verlieren würden, sollten rechts des Rheins entschädigt werden - für diese Kompensationen waren bis dahin Freie Reichsstädte und in erster Linie kirchliche Besitztümer vorgesehen. Diese Gebiete waren in weitesten Teilen selbständige Staatsgebilde des Alten Reiches, die in letzter Instanz nur dem Kaiser in Wien verpflichtet waren, der wiederum im Friedensvertrag von Lunéville die Zustimmung zu deren Auflösung beziehungsweise Abtretung gegeben hatte.

Welcher der begünstigten Fürsten wie viel erhalten würde, sollte eine "außerordentliche Reichsdeputation" beim immerwährenden Reichstag in Regensburg bestimmen. Da es für wenige viel zu gewinnen und für viele alles zu verlieren gab, wurde die alte Römerstadt zwischen August 1802 und Mai 1803 zum Schauplatz maßloser Begehrlichkeiten und Hinterzimmerabsprachen. Es flossen Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe.

Die wichtigen Entscheidungen waren jedoch bereits vorab in der französischen Hauptstadt getroffen worden, wie der Historiker Georg Pertz (1795-1876) konstatierte: "In Paris begann ein Handel mit deutschen Bistümern, Abteien, Freien Reichsstätten, wobei die fürstlichen Bewerber vor dem ersten Konsul (Napoleon), seinen Gesandten und Geschäftsmännern mit goldbeladenen Händen erschienen und vor (Außenminister) Talleyrands Mätresse, seinem Sekretär Matthieu und dem Gesandten Laforest in Regensburg um die Wette krochen."

Die Gewinner der in Regensburg getroffenen Entscheidungen waren letztendlich Bayern, Preußen, Württemberg und Baden. Über die linksrheinischen Verluste hinaus konnte Bayern sein Staatsgebiet um sage und schreibe 14 000 Quadratkilometer, Preußen um 12 000 Quadratkilometer, Baden um 2000 Quadratkilometer und Württemberg um 1500 Quadratkilometer vergrößern. Auch wenn Bayern verschiedene dieser Territorien später wieder abtreten musste, ist es heute unter anderem genau wegen dieser Gebietserweiterungen mit 70 550 Quadratkilometer immer noch das größte Bundesland der Bundesrepublik Deutschland.

Die Zuwächse der rechtsrheinischen Gewinner gingen zulasten zahlreicher reichsunmittelbarer Ländereien, deren jahrhundertealte Unabhängigkeit mit einem Federstrich beendet wurde. Infolgedessen reduzierte sich die Zahl der Länder im Alten Reich nicht nur von insgesamt mehr als 1000 auf etwa 34 Staaten, sondern stellte die Jahrtausendzäsur, den Grabaushub, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation dar.

Nicht ohne Grund schrieb Goethes Mutter im Herbst 1805 an ihren berühmten Sohn nach Weimar: "Das liebe Heilige Römische Reich, wie hält's nur noch zusammen? Jetzt kann man es mit Recht fragen. Die Kurfürsten, Fürsten laufen quir und quer, hin und her, es geht her wie in Schnitzelputz Häusel ..."

Schnitzelputz Häusel, wenn man bei dem Sinnbild Catharina Goethes bleiben möchte, war der Reichssaal des Alten Rathauses von Regensburg. Hier tagte seit fast 250 Jahren der immerwährende Reichstag des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Eindrucksvoll kommt der Saal mit seiner zehn Meter hohen Holzbalkendecke ohne eine einzige tragende Säule aus und ist allein deshalb ein Meisterwerk der damaligen Zimmermannskunst. Gleichwohl der vormalige Ballsaal durch seine hohen Fenster Licht und Weite vermittelt, liegt in der Atmosphäre des dunklen, schweren Holzes etwas Bleischweres, was vielleicht damit zu tun haben mag, dass sich direkt unterhalb des Saales die original erhaltene Folterkammer mit den zugehörigen Instrumenten der "peinlichen Befragung" befindet.

Über der Kammer, in der Beschuldigte auf grausame Weise gequält wurden, tagte seit 1663 zweimal pro Woche das gesetzgebende Organ des gesamten Reiches. Dort, im historischen Reichssaal, wurde mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 die Landkarte Mitteleuropas vollkommen neu gezeichnet. Schließlich wechselten nicht weniger als 95 000 Quadratkilometer den Besitzer. Dies entspricht mehr als einem Viertel des Staatsgebietes des wiedervereinten Deutschlands. 1963 hielt der deutsche Bundesrat im Alten Ratssaal des Regensburger Rathauses eine denkwürdige Sitzung ab. Historischen Anlass gab der 300. Jahrestag der ersten Sitzung des Reichstages im Jahr 1663.

"Der Bundesrat", so die Gästeführerin, "gilt als direkter historischer Nachfolger des Reichsfürstenrates." Ein Versuch, die historische Sitzung im 350. Gedenkjahr 2013 zu wiederholen, scheiterte daran, dass man sich über die Kosten nicht einig werden konnte. Die Beträge in mehrstelliger Milliardenhöhe hingegen, die die Bundesrepublik Deutschland seit ihrem Bestehen auf historischer Grundlage der Beschlüsse von 1803 an die beiden großen Konfessionskirchen ausbezahlt hat, stehen außerhalb jeder ernst zu nehmenden Diskussion. Die historische Grundlage dieser jährlich erfolgenden Zahlungen in mehrstelliger Millionenhöhe bilden die im Alten Ratssaal von Regensburg zementierten Gebietsenteignungen von 1803.

Nach dem Reichsdeputationshauptschluss hatten es die beiden großen Kirchen vor allem vor dem Gespenst der Französischen Revolution verstanden, sich in den damaligen autoritären deutschen Staatsgebilden als geistige Träger der Aufrechterhaltung von Glaube und Gehorsam, von Zucht und Ordnung zu etablieren. Auf Grundlage dieser gesellschaftsstabilisierenden Funktion gelang es den Kirchen, eine Vielzahl von Verträgen mit den deutschen Staaten zu schließen, die unbefristete, jährliche Entschädigungszahlungen für die Verluste von 1803 vorschrieben. Da von diesem fiskalischen "Ewigkeitspakt" beide Seiten einen erheblichen Vorteil hatten, blieb dieser bis auf den heutigen Tag bestehen.

Erst die Weimarer Reichsverfassung (Artikel 138 Absatz 1) sowie das 1949 in Kraft getretene Grundgesetz (Artikel 140) sahen eine Ablösung der Staatsleistungen vor. Allerdings setzten weder die Weimarer Republik noch die Bundesrepublik Deutschland diese Verfassungsziele je um. Gleichwohl die erlittenen Verluste der Kirche vom Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Zahlungen von mehr als zwei Jahrhunderten mittlerweile um ein Vielfaches abgegolten sind, werden sie weiter ausbezahlt. Verschiedene Parteien wie FDP und Bündnis 90/Die Grünen fordern seit Jahren erfolglos die Ablösung der Staatskirchenleistung.

Bezeichnenderweise stellten die beiden Parteien das besagte Thema nicht auf die politische Tagesordnung, als sie noch in Regierungskoalitionen gewählt waren, sondern natürlich erst danach. Auch wurde im Deutschen Bundestag ein Antrag der Linkspartei mit dem Titel "Evaluierung der Staatsleistungen an Kirchen", in dem das Bundesfinanzministerium die seit 1803 gezahlten Staatsleistungen berechnen sollte, am 9. März 2017 abgelehnt. Über die Gründe der Ablehnung kann nur dahingehend spekuliert werden: Die zu erwartende Summe würde in jedem Fall derart astronomisch ausfallen, dass ein heller Aufschrei durch Presse und Öffentlichkeit fahren dürfte.

"Wären nicht die beiden Großkirchen die Nutznießer", so konstatierte der Professor für Rechts- und Religionssoziologie an der Universität Tübingen Johann Neumann, "wäre schon längst ein Orkan des Protests ausgebrochen".

Thomas Schuler, Jahrgang 1970, ist Historiker und Autor. Sein Buch "Auf Napoleons Spuren - Eine Reise durch Europa" erscheint am 28. August 2019 im C.H. Beck Verlag. Begleitend bietet Schuler persönliche Führungen an. In München: 1.9., 22.9., 6.10., je 11 und 15 Uhr, Treffpunkt Karlstor; in Regensburg: 14.9., 2.11., 11 und 15 Uhr (19.10. entfällt), Treffpunkt Café am Peterstor; Augsburg: 21.8., 28.8., je 10, 14 und 18.30 Uhr. Treffpunkt: Wertachbrucker Tor, www.aufnapoleonsspuren.de

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SZ vom 21.08.2019
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