Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie "Globalisierung am Ende?" (6):An den Grenzen des Übersetzens

Vielsprachigkeit bietet der Globalisierung Widerstände - zugleich wäre ohne die Macht der Fiktion eine globalisierte Welt undenkbar. Die Literaturwissenschaften versuchen gerade, diese Spannung besser zu verstehen.

Von Karin Janker

Nach dem Fall der Berliner Mauer schien die Globalisierung unaufhaltsam zu sein. Für Befürworter wie für Kritiker wurde sie zum Begriff unserer Epoche. Eine Feuilleton-Serie fragt, ob die weltweite Verflechtung in der Ära von Donald Trump, von Populismus und neuem Nationalismus ins Stocken gerät - und wie es eigentlich weitergeht mit dem globalen Bewusstsein.

Als Goethe im Jahr 1827 die "Epoche der Weltliteratur" ausgerufen hat, wusste er um den utopischen Kern dieses Projekts. Der Begriff "Globalisierung" hingegen klingt technisch, beschreibt einen voranschreitenden Prozess und scheint den utopischen Charakter abgestreift zu haben. Dennoch haftet der Globalisierung, obwohl sie längst die Realität auf diesem Planeten mitbestimmt, noch immer etwas Visionäres an; auch, weil es eine vollständig globalisierte Welt wohl nie geben wird. Selten wird dies so deutlich, wie wenn man die zusammengehörigen Begriffe Globalisierung und Weltliteratur wieder zusammenbringt. Dann zeigt sich, dass die Globalisierung als Imagination begann: Ehe sie jene Geschwindigkeit erreichen konnte, die wir heute erleben, musste eine globalisierte Welt erst vorstellbar sein und erzählt werden.

Globalisierung und Literatur zusammenzubringen, liegt in der fachlichen Zuständigkeit der Literaturwissenschaft. In letzter Zeit wurden an mehreren Orten in Deutschland wissenschaftliche Kollegs und Forschergruppen gegründet, die sich damit befassen. Neben dem noch jungen Schwerpunkt "Weltliteratur" am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Berlin gehört das Graduiertenkolleg "Funktionen des Literarischen in Prozessen der Globalisierung" an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität dazu. Da geht es um das Zusammenspiel von Literatur und Welt, zum Beispiel auch um die Frage der Übersetzbarkeit: Was verliert ein Text, der nicht in der Originalsprache gelesen wird? Was gewinnt er durch Übersetzung womöglich? Diesen Themen widmen sich nicht nur einzelne Forschungsprojekte, sondern bis Ende Juli auch eine Vorlesungsreihe mit dem Titel "Weltvorstellungen — Vorstellungswelten".

Zunächst scheinen Globalisierung und Literatur gegenläufigen Gesetzen zu gehorchen: Seit der babylonischen Sprachverwirrung, der vielleicht gemeinsten Strafe Gottes, hat die Literatur das Problem, dass sie in unterschiedlichen Sprachen stattfindet und eben nicht global verständlich ist. Wobei die Sprachverwirrung natürlich ihrerseits eine Erzählung ist und damit ins Reich der zu erforschenden Narrative fällt. Die Vielsprachigkeit der Erde ist einer der Gründe für den utopischen Charakter aller Vorstellungen einer einheitlichen Welt.

Globalisierung ist eine wirkmächtige Utopie, sie bewegt auch die Geisteswissenschaften

Während der Geschmack von Coca-Cola überall auf der Erde exakt identisch sein könnte - könnte, er ist es nämlich nicht -, während Werke der bildenden Kunst zumindest vordergründig ihre visuelle Wirkung in Istanbul, Lagos, Berlin und Buenos Aires gleichermaßen entfalten können, ist Literatur aus Istanbul in Buenos Aires schlicht unverständlich, wenn sie nicht übersetzt wurde. Dies fordert nicht nur den internationalen Buchmarkt heraus, sondern auch die Literaturwissenschaft.

Schließlich gründet die Philologie traditionell in dem Anspruch, Texte in ihren jeweiligen Originalsprachen zu lesen und zu analysieren. Der Reibungsverlust, der beim Übersetzen entsteht, soll möglichst gering gehalten werden. Doch mit diesem Anspruch bliebe die Literaturwissenschaft und auch die Literatur von der Globalisierung quasi ausgeschlossen.

Weil aber die Globalisierung eine wirkmächtige Utopie ist, hat sie in den letzten Jahrzehnten nicht nur Politik und Wirtschaft bewegt, sondern ebenso die Geisteswissenschaften, die sich dadurch gezwungen sehen, über ihre eigenen Ansprüche und Methoden nachzudenken. So emanzipiert sich die Komparatistik, also die Vergleichende Literaturwissenschaft, zunehmend vom bloßen Vergleichen und bricht damit nicht nur den Kanon auf, sondern auch die Perspektive, mit der sie auf Literatur blickt. In der Folge drängen beispielsweise computerbasierte Analysen sehr großer Textmengen in die Forschungslandschaft und provozieren Debatten über den Stellenwert genauer Textanalyse, des sogenannten Close Readings.

Einer, der Feuer gefangen hat, was diese Fragen angeht, ist der Komparatist Robert Stockhammer, neben dem Anglisten Tobias Döring Sprecher des Münchner Graduiertenkollegs zur Globalisierung. Stockhammer ist der Big-Data-Analyse gegenüber skeptisch, ihn interessiert eher, was die Imagination in Globalisierungsprozessen bewirkt. In seinem Eröffnungsvortrag zur laufenden Vorlesungsreihe unterschied er die Begriffe Erde, Welt, Globus: Während die Erde das Reale des Planeten bezeichnet, meint "Welt" die Vorstellung davon. Der Globus wiederum thront als symbolische Form über beiden: mehr Instrument und Ergebnis der Schematisierung als eine tatsächliche Abbildung des dritten Planeten im Sonnensystem.

Literarische Imagination, so Robert Stockhammer, gestaltet nicht nur die Welt mit, sie machte Globalisierung überhaupt erst denkbar. Ohne die Vorstellung von einer ganzen Welt würden Politik, Wirtschaft und auch Getränkekonzerne eine erdumspannende Infrastruktur gar nicht erst ausbilden. Schon Goethes Begriff der "Weltliteratur" zielte auf das räumliche Potenzial der Metapher des Über-Setzens auf neue Ufer als eines "der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr". Im Begriff der Weltliteratur liegt eine Spannung: Einerseits bringt die Literatur die Idee der Globalisierung mit hervor, andererseits scheinen die Produkte dieser Kunstform, die literarischen Texte, der Globalisierung durch ihre Vielsprachigkeit entgegenzuwirken.

"Weltliteratur" ist heute allerdings auch zu einem problematischen Begriff geworden. Denn er wird fast ausschließlich auf Literatur aus Ländern angewendet, die nicht in Europa oder Nordamerika liegen. Während einerseits auch regelrechte Globalisierungsromane geschrieben werden, werden außereuropäische Nationalliteraturen oft erst über den Umweg ins Englische tatsächlich zu "Weltliteratur", also weltweit verfügbar. Von einem würdigen Über-Setzen kann da nur noch bedingt die Rede sein.

Literaturwissenschaft muss die Gründe des Lesens und Gelesenwerdens mitbedenken

Dass kürzlich beispielsweise der Roman "Die Vegetarierin" der koreanischen Autorin Han Kang hierzulande - zu Recht - als ein Meisterwerk gefeiert wurde, ist seiner englischen Übersetzung zu verdanken: Auf Koreanisch erschien das Buch bereits 2007. Aber erst als "The Vegetarian" im Jahr 2016 den Man Booker International Prize gewann, wurde der Roman in elf weitere Sprachen übertragen. Han Kang hat es geschafft, die Schwelle zur Weltliteratur zu überschreiten, die Globalisierung hat sie eingeholt, aber es hat neun Jahre gedauert.

Solche Einverleibungsprozesse sind nicht nur symptomatisch dafür, wie der globale Buchmarkt der Gegenwart funktioniert. Sie verdeutlichen auch die Herausforderungen, auf die die Literatur und die Literaturwissenschaften im Zeitalter der mal beschleunigten, mal wieder gebremsten Globalisierung immer wieder stoßen. Es geht dabei auch um Hegemonien und um Macht, um Aufmerksamkeit und Zugänge zu Wissen. Die Utopie einer globalisierten Welt lässt sich nicht ohne Reibungsverluste verwirklichen. Deshalb muss Literaturwissenschaft, die Erkenntnisse über "die Welt" in der Vielgestalt ihrer Bedeutungen zu Tage fördern will, auch die Gründe des Lesens und Gelesenwerdens mitbedenken und reflektieren, wie sie sich zwischen "Nationalliteratur" und "Weltliteratur" selbst ihrem Gegenstand nähert.

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Quelle:
SZ vom 19.05.2017
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