Süddeutsche Zeitung

Erinnerung an Stephen Sondheim:Gewusst, wie

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Der Musical-Maestro Stephen Sondheim war auch ein großer Lehrer und machte aus seiner Kunst kein Geheimnis.

Von Michael Kunze

Als ich Stephen Sondheim kennenlernte, war er schon Legende. Mein Mentor Harold "Hal" Prince, mit dem Stephen große Erfolge gefeiert hatte, stellte mich vor. Und zwar auf einer vorweihnachtlichen "Tree Trimming Party", zu der Hal und seine Frau Judy alljährlich einluden. Nahe dem mächtigen Christbaum in dem vier Meter hohen Raum stand der berühmte Musical-Autor im Kreis von Bewunderern. Es wurde viel gelacht, dabei gab der schlanke Mann mit dem gestutzten Vollbart und den langen Haaren eine Art Seminar.

Er dozierte gerne. Höchst unaufdringlich, durchsetzt mit selbstironischen Nebensätzen und kleinen Anekdoten, mit der Überlegenheit eines erfahrenen Experten. Ich hatte das Glück, ihn in den Achtziger- und Neunzigerjahren wiederholt zu treffen, bei ihm zu Hause und im Kreis anderer Kollegen. Wertvolle Lehrstunden, von denen ich seither profitiere.

Für ihn war das Musical nicht das, was viele Broadway-Producer darunter verstanden. Keine Weiterentwicklung des Vaudeville-Theaters, sondern die ehrgeizigste Form von Schauspiel. Großes, erzählendes Theater mit Musik. Dazu bedarf es eines komplizierten Handwerks, das Sondheim möglichst vielen Autoren beibringen wollte. Und so sprach er nie über eigene Werke, sondern über das Know-how, auf dem sie beruhten. Sein überragendes Talent kannten die Zuhörer ohnehin.

"Less is more" - und immer auf etwas Unausgesprochenes achten!

Zunächst warnte er davor, die Wahl des Stoffes vom "Markt" oder einem Auftraggeber abhängig zu machen. Eine Geschichte musste mit und durch Musik erzählt werden. Idealerweise sollte man sich an ein Thema wagen, das man als Herausforderung empfinde. Nur wer sich frage, ob er gut genug sei, könne etwas Gutes machen.

Was die Liedertexte angeht, blieben mir drei seiner Maximen im Kopf. Eins: "Content dictates form" - der Inhalt muss die Form bestimmen Zwei: "Less is more" - weniger ist mehr. Und drei: "God is in the details" - zentral sind die Einzelheiten. Er bestand darauf, dass jedes Lied im Musiktheater ein Minidrama sein müsse. Und hinter dem Gesagten müsse etwas Unausgesprochenes stehen ("No song without subtext!"). Auch müssen die verwendeten Worte zu dem Charakter passen, der das Lied singt. Zu oft werde vergessen, meinte er, dass Liedertexte gesungen werden. Sie dürften nicht "clever", poetisch oder kompliziert sein, vielmehr so klar und einfach, dass man den Sinn beim ersten Hören versteht. Nicht zuletzt deshalb sollen sie sich reimen. Der Reim erleichtert das Ergänzen von überhörten Textteilen.

Nie habe ich jemanden getroffen, der freigebiger mit Ratschlägen und gut gemeinter Kritik war. Sondheim machte kein Geheimnis daraus, wie er vorging. Zuerst suchte er nach der Idee, dann arbeitete er den Text aus und zuletzt vertonte er ihn. Beim Erarbeiten des Textes lag er auf dem Sofa, den Schreibblock vor sich. Sein Werkzeug war ein Bleistift mit weicher Mine. Am Rand der Seite listete er mögliche Reime auf. Wenn ihm kein Reim mehr einfiel, ergänzte er die Liste aus dem Reimlexikon.

Wenn er nicht arbeitete, entwarf er Kreuzworträtsel. Ich schrieb ihm einmal einen Dankesbrief, der aus einem selbsterdachten Kreuzworträtsel bestand. Trotz aller Mühe - für ihn viel zu leicht. Selbst das berüchtigte Kreuzworträtsel der New York Times löste er in zehn Minuten. In gewisser Weise war das ein Training für seine Arbeit als Texter. Auch da musste er ja einen bestimmten Inhalt in eine vorgegebene Anzahl von Silben packen.

Oft feilte er mehrere Tage an zwei Zeilen. Er wollte perfekt sein und ärgerte sich, wenn es ihm nicht gelang. Bis ins hohe Alter kritisierte er sich dafür, dass er in dem Song "I feel pretty" der Maria in "West Side Story" die Zeile "It's alarming how charming I feel" in den Mund gelegt hatte. Das war musikalisch und elegant, aber es passt nicht zur Herkunft und zum Charakter der jungen Frau, die es singt. Vergebens versuchte Stephen, nachträglich den Text zu ändern. Leonard Bernstein und Hal Prince sahen keinen Grund dazu.

Es wäre schade, sich an Stephen Sondheim allein als Schöpfer bedeutender Werke des Musiktheaters zu erinnern. Er war auch ein großer Lehrer.

Michael Kunze ist Schriftsteller und Musical-Librettist. Seine sogenannten Drama-Musicals, darunter "Elisabeth", "Tanz der Vampire" und "Mozart!", wurden in 16 Sprachen übersetzt und haben weltweit bisher 26 Millionen Zuschauer erreicht.

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