Süddeutsche Zeitung

Shakespeare-Verfilmung:Es spritzt das schwarze Blut

Amazon hat eine moderne Adaption der William-Shakespeare-Tragödie "King Lear" produziert, mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle.

Von Ekaterina Kel

Könnte man die Welt des alten Königs Lear in einer einzigen Farbe festhalten, wäre sie von einem schäbigen Grau.

Dunkel, karg und kalt müssen die Gemäuer des angeschlagenen Mächtigen sein, den Shakespeare in seinem Drama "King Lear" beschreibt. Denn dieser spürt sein Ende nahen, und es vermag keine Sentimentalität mehr sein Herz zu erweichen. Wie ein Schleier legt sich dieses Grau über die Augen des Königs, nagt an seinem Verstand und trübt ihm den Blick für die Realität. Intrigen haben sein Königreich von innen zersetzt.

Lässt sich dieses mythische Reich, für das William Shakespeare sich von einer alten Sage hat inspirieren lassen, in die Gegenwart verlegen? Der britische Regisseur Richard Eyre, der vor allem für seine Theaterinszenierungen bekannt ist, versetzt das Drama mit dem Pathos griechischer Tragödien in ein Großbritannien der Manager, der glänzenden SUV und Büroblusen. Klingt unpassend, aber Eyre stülpt dem dramatischen Stoff nicht einfach seine eigene Vorstellung der Moderne über. Er macht ihn auf eine intelligente Weise, aus sich selbst heraus, passend fürs Heute - einerseits.

Andererseits hat der Film auch etwas exzentrisch Altmodisches. Er folgt Szene für Szene der Vorlage, übernimmt sogar wörtlich jeden Vers, den Shakespeare im 17. Jahrhundert geschrieben hat. Kompromisse in der Dramaturgie zugunsten eines nicht theateraffinen Publikums werden hier nicht gemacht. Und das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, wer den Film produziert hat. "King Lear" ist eine Koproduktion der britischen BBC und des Streamingdienstes von Amazon, gutbürgerliche Filmtradition und digitale Filmrevolution vereint. Zumindest Amazons Videoservice Prime setzt derzeit auf eine Programmstrategie, die sich vor allem am Mainstream orientiert - so wünscht es sich der Chef Jeff Bezos persönlich. Zuletzt investierte das Unternehmen allein 250 Millionen Dollar, um sich die Rechte für eine "Herr der Ringe"-Serie zu sichern. Mehr Blockbuster geht kaum.

Die Idee erinnert ein bisschen an Baz Luhrmanns Verfilmung von "Romeo & Julia"

Warum nun also "King Lear" im Original-Versmaß? Vielleicht ist es ja so: Wenn man sowieso schon erfolgreich ist, kann man sich auch mal ein paar Spielereien erlauben. Vor allem, wenn man für diese Spielerei ein paar veritable Hollywood-Stars begeistern kann, die vermutlich froh sind, wenn sie mal wieder in einem Nicht-Superhelden-Film mitspielen dürfen. Der 80-jährige Anthony Hopkins spielt die Hauptrolle, und man hat das Gefühl, dass er all in all den Jahrzehnten seiner Karriere auf genau diese Rolle des greisen, störrischen Königs hin gereift ist. Allein seine glasigen Augen bündeln alles, was diesen Lear ausmacht. In einem Moment wütet und brüllt er, vom Größenwahn gepackt, im nächsten reut ihn sein Verhalten und er wird ganz zärtlich.

Er schlüpft in die Rolle eines senilen Alten, auf dessen zusammengeschrumpfte Schultern der schwere Mantel des Landesoberhaupts nicht mehr recht passen will und der tragischerweise gerade noch wach genug ist, um die Zersetzung seiner Macht zu erfassen. Dem will er vorbeugen. Und so fängt, wie viele epochale Dramen, auch dieses mit einem König an, der sein Reich unter seinen Erben aufteilt. Hier sind es drei Töchter, ebenfalls in Star-Besetzung.

Die hinterhältigste von ihnen, die Erstgeborene Goneril, wird von Emma Thompson gespielt. Mit ihrer vorgeschobenen dünnen Unterlippe zeichnet sie eine angesäuerte, listige Frau, deren Lebensglück darin besteht, auf den Tod ihres Vaters und somit auf das Erbe zu warten.

Ihr zur Seite gesellt sich Regan, die Zweitälteste, die nicht minder fies und intrigant ist. Emily Watsons rundliches Gesicht, das sonst oft mütterliche Züge annimmt, bekommt hier etwas Monströses. Und spätestens, wenn sie voll abscheulicher Wonne einem Widersacher mit ihren Händen die Augen auskratzt und ihr das schwarze Blut auf die Wangen spritzt, weiß man, wozu sie fähig ist.

Die dritte und weitaus jüngere Schwester - Nesthäkchen und Lieblingstochter Cordelia - spielt die stolz und kraftvoll dreinblickende Florence Pugh. Sie ist ehrlich bis auf die Knochen, mehr als ihre Loyalität und töchterliche Zuneigung will sie ihrem Vater nicht versprechen. Und was macht der Greis, der nur halb bei Verstand ist? Er verstößt sie. Damit nimmt die dramatische Handlung ihren Lauf.

Das Drama ist eine Parabel auf die Tragik des Alterns und den Fortbestand der Familie. Dazu kommt ein Nebenstrang, der sich parallel entwickelt. Dort erfahren die Zuschauer etwas über das Leben eines unehelichen Sohnes, dessen Vater Graf von Gloucester (Jim Broadbent), ein Berater des Königs, nichts von ihm wissen will. Regisseur Eyre öffnet in beiden Erzählsträngen ein Fenster ins Heute. König Lear und seinen Töchtern stellt er dafür schwarze Businessschlitten und modernste Militärtechnik an die Seite.

Edmund, der uneheliche Sohn, wird gespielt vom schwarzen Schauspieler John Macmillan. Im Vergleich zu den Starkollegen ist sein Name bislang eher unbekannt, aber er ist mit seinem bedrohlichen Bass und den kleinen, alles durchdringenden Augen eine angenehme Überraschung. Macmillan ist "mixed race", wie man im Englischen sagt, als Einziger in diesem Ensemble. Die Beschimpfungen der Vorlage als "halfblooded fellow", als halbblütiger Gefährte, führen nicht mehr allein zu der unehelichen Zeugung, die heute kein Skandal mehr ist, sondern geradewegs zu Fragen von gemischten Identitäten, der Benachteiligung Schwarzer aufgrund ihrer Hautfarbe.

Alle diese Figuren leben in Räumen, die visuell zwischen Mittelalter und Postmoderne schwanken. Sie tragen ihre Wortgefechte in alten Burgmauern aus, aber auf der Straße laufen Polizisten in blauen Uniformen herum. Eine Fantasiewelt. Und diese ist genauso, wie es das Drama verlangt: düster, mit schlecht beleuchteten Ecken, moderig. Alte Macht sitzt in den Wänden. Alles ist braun, grau, November-Schneeregen-farben, das zieht sich durch den gesamten Film. Niemals erreichen die Sonnenstrahlen den Boden.

Zusätzliches Gewicht bekommt das Werk durch die exponierte Shakespeare-Sprache. Die sperrigen Verse, die veralteten Redewendungen, die fremdartige Grammatik - sie sind eine Herausforderung, besonders jenseits der Theaterbühne. Doch wenn die Schauspieler sie sprechen, bekommen diese Worte ein Eigenleben. Die Sprache wirkt hier wie eine eigene Filmfigur, vielleicht gerade auch deshalb, weil sie so gar nicht zu der modernen Ausstattung dieser Welt passen will. Sie wirkt fast körperlich, lässt alles erzittern. Als Zuschauer kann man sich an ihr gehörig stören oder ergötzen, aber sie lässt sicherlich niemanden gleichgültig.

Die Filmidee erinnert durchaus an Baz Luhrmanns Shakespeare-Film "Romeo & Julia" (1996) mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes. Nur, dass in Eyres "King Lear" von Schnulze nichts zu spüren ist. Er schüttelt stattdessen seine Vorlage gehörig durch. Eyre schafft etwas, das vielen Theaterregisseuren sonst nicht gelingt. Er pustet nicht nur die Staubschicht vom ehrwürdigen Bühnenstoff weg, ohne die darin angelegte dramatische Kraft zu zerstören. Er haucht dem Stück sogar neues Leben ein.

King Lear ist beim Streamingdienst Amazon Prime abrufbar.

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Quelle:
SZ vom 04.10.2018
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