Süddeutsche Zeitung

Schauspiel:Ein bisschen Spaß muss sein

Musils "Törless" ist eine Studie über Machtmissbrauch und Gewalt an einem Internat. Am Teamtheater macht Dieter Nelle daraus eine bedrückende, konsequente Inszenierung

Der Gürtel schnalzt durch die Luft und fetzt gegen die Wand, der kauernde Mensch am Boden zuckt. Nochmal, und nochmal, und nochmal. Dann zieht sich der Mann mit dem Gürtel aus, zieht den Mann am Boden aus und vergewaltigt ihn, während zwei Kameraden von der Seite zuschauen. Dann muss er auf einen Stuhl steigen und "Ein bisschen Spaß muss sein", singen. Der Regisseur Dieter Nelle beschönigt nichts an dem Abend, lässt nichts weg, erspart dem Publikum nichts in seiner Inszenierung "Törless" am Teamtheater.

Nelle verdichtet den Roman des Österreichers Robert Musil in knapp zwei Stunden zu einem Ritt durch die Hölle in einem Elite-Internat, in dem der Student Basini (Alex Brauch) systematisch von seinen Kommilitonen Reiting (Adrian Spielbauer) und Beineberg (Olaf Becker) missbraucht, misshandelt und gedemütigt wird - weil er Geld gestohlen hat. "Wenn dies wirklich die Vorbereitung für das Leben sein soll, so muss sich doch auch etwas von dem angedeutet finden, was ich suche", denkt sich der junge Student Törless, um den herum die Geschichte gebaut ist. Er hofft, auf dem Internat irgendeine Art Erkenntnis über das Leben zu gewinnen. Erst neugieriger Zuschauer der Gräueltaten seiner Kollegen, beginnt er bald, Gefallen am Spiel mit der Macht zu finden. Seine Lebensneugier führt ihn aber auch durch zärtliche Gefühle für Basini, am Ende steht Törless vor seinen Kommilitonen für ihn ein und verhindert die endgültige Eskalation. Die Wege aller trennen sich, ihr Leben geht weiter, für Törless in dem Wissen, dass nicht nur Basinis, sondern auch seine Seele Schaden genommen hat.

Viel wurde in den vergangenen Monaten über sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch gesprochen, vor allem gegen Frauen. Nelle und seine Schauspieler zeigen, dass jeder zum Opfer werden kann. Es gelingt ihnen, die brutale Geschichte nicht zur ausstellenden Gewaltshow werden, die Figuren nicht zu grausamen Fratzen verkommen zu lassen. Besonders Peter Blum als Törless schafft es, die Zerrissenheit eines nach Leben - und sei es durch Schmerz - gierenden jungen Mannes auszudrücken.

Der Stoff ist eine extrem mutige Wahl für eine kleine Bühne wie das Teamtheater, wo nichts wirklich verborgen bleiben kann, wo die Nähe zu den Zuschauern groß ist und die Gefahr des Scheiterns bei zu hohen Ambitionen groß. Dieter Nelle aber verlässt sich auf eine praktisch leere Bühne, vier Männer im Anzug und die Kraft der Erzählung. Gut so.

Törless; Mittwoch, 27. März, 20 Uhr, Teamtheater, Am Einlaß 2a, bis Samstag, 13. April, Infos teamtheater.de

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Quelle:
SZ vom 26.03.2019
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