Süddeutsche Zeitung

Salzburger Festspiele:Abend der Höhepunkte

In Salzburg singt Christian Gerhaher Nachtlieder furios mit einem Sextett um die Geigerin Isabelle Faust.

Von Harald Eggebrecht

Selten kommt es vor, dass so viele Künstler allerersten Ranges sich zusammentun, um drei Stücke aufzuführen, von denen im Grunde nur eins inzwischen eine stabile Popularität gewonnen hat: "Verklärte Nacht", das grandiose Streichsextett von Arnold Schönberg. Wenn diese Rausch-,Verzweiflungs- und Sehnsuchtsmusik, wie hier im Salzburger Haus für Mozart geschehen, so behutsam wie zupackend, so schwelgerisch wie zart, so wild aufbrausend wie gleichsam tränenerstickt entsteht, wenn jede Stimme, jede Frage und Antwort, jedes Detail vom hauchfeinen Pizzikato bis zum furiosen Unisono der sechs Streicher von Energie und Leidenschaft erfüllt ist, dann gibt es kein Halten. Hell begeistert jubelte das Publikum den Geigerinnen Isabelle Faust und Anne Katharina Schreiber, sowie Antoine Tamestit und Danusha Waskiewicz an der Viola und den Cellisten Jean-Guihen Queyras und Chrsitian Poltéra zu. Jede dieser Musikerpersönlichkeiten ist allein schon abendfüllend. Aber ihre überragende Klasse zeigte sich eben auch im Musizieren aus symphonischem Geist, im feurigen Miteinander, das Schönbergs Instrumentalmelodram um Liebesenttäuschung und großmütiger Vergebung aus Liebe nach Richard Dehmels Gedicht bezwingend in Szene setzte.

Ganz anders als Schönbergs ausgreifendes Espressivo-Sextett wirkte das erste Stück des Abends, das zwischen 1931 und 1933 entstandene Notturno op. 47 für eine tiefe Stimme und Streichquartett des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck. Und auch Hector Berlioz' klangfarbenreiche "Les Nuits d'été" op. 7 nach sechs Gedichten von Théophile Gautier für Singstimme und Streichsextett, eine Fassung dieses Zyklus, die Davi Matthews eingerichtet hat, beeindrucken auf sehr eigene Weise als die reine Streichermusik von Schönberg. Christian Gerhaher sang die Düsternisse, Melancholien, Schmerzlichkeiten, die Traumgesichte, Herbststimungsbilder und Klagen des einsamen Trinkers, die der Romantiker Nikolaus von Lenau in neun, von Othmar Schoeck ausgewählten, Gedichten um 1840 einst niederschrieb geradezu instrumental, als sei seine Stimme gleichsam die fünfte im sehr unterschiedlichen Gesang der vier Streichinstrumente. So entstand in den Kargheiten und raffinierten Harmonietrübungen und dann wieder Harmonieschärfungen von Schoecks oft fahler, aber immer spannungsvoller Musik das Porträt eines Träumers und Sinnenden, eines in welkem Laub und manchmal sogar todessüchtigen Wanderden.

Solche Konzerte sind wahrlich eines Festivals würdig, denn nur hier kann man wohl eine solche Phalanx fantastischer Musiker zusammenbringen

Trauer um verlorene Liebe, ein Sehnen nach Heilung durch Liebe bilden den Hintergrund dieses asketisch anmutenden musikalischen Monologs. Schoeck sehnte sich zurück nach der einst ihn inspirierenden Beziehung mit der Pianistin Mary de Senger, die aber schon zehn Jahre zurücklag. Doch auch ohne um solche biografischen Bezüge zu wissen, fesselte dieser Weg durch nächtliche Einsamkeiten in fünf Abteilungen, zu denen auch umfangreiche Instrumentalüberleitungen gehören, die Isabelle Faust, Anne Katharina Schreiber, Danusha Waskiewicz und Jean-Guihen Queyras in aller Deutlichkeit ausformulierten. So erschien der einsame Sänger dann doch nicht so allein, denn immer begleiteten ihn vier Instrumentalgefährten mit ihren Kommentaren und Einwürfen und fingen den Nachtrauernden, manchmal fast Strauchelnden in wundersamen Klangvernetzungen auf: Gerhaher und sein Streichquartett boten das bewunderungswürdig.

Auch die sechs Gedichte Gautiers drehen sich um Liebe, Einsamkeit, Verführung und Schmerz, aber umgesetzt in Landschaftlichkeit wie die Melancholie auf der Lagune, die Nachtschatten auf dem abendlichen Friedhof oder die Ode an den "Geist der Rose", die am Busen der verehrten Schönen prangt. Berlioz schrieb diesen Zyklus zuerst mit Klavierbegleitung, erarbeitete dann aber eine Version, in der er die ganze Pracht der Klangfarben des Orchesters einsetzt, um die Wirkkraft der Lieder opulent zu stärken. Hätte er allerdings die Sextettfassung von David Matthews gekannt, wie sie die großartigen Meistermusiker realisierten, hätte er für diese Formation gewiss sofort etwas geschrieben. Wie Poltéra und Queyras auf den Celli gleichsam harften, wie sich Faust und Schreiber in die Geigenkanitlenen legten, wie Tamestit und Waskiewicz mit Gerhaher auf ihren Bratschen geistvoll scharmuzierten und wie endlich der große Sänger seiner Stimme immer neue Valeurs und Nuancen vom strahlenden "Ah!" bis zum erotischen Gewisper abgewann, es war hinreißend. Dass er Gautiers Texte französisch sang, versteht sich von selbst. Ein französisches Paar in der Nähe jedenfalls rief voller Enthusiasmus in einem fort Bravo. Solche Konzerte sind wahrlich eines Festivals würdig, denn nur hier kann man wohl eine solche Phalanx fantastischer Musiker zusammenbringen, um so schwer zu realisierende Werke nicht nur kompetent, sondern denkwürdig aufzuführen.

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