Süddeutsche Zeitung

Psychoanalyse:Wahres Lächeln

Er ist der große Philosoph der Hermeneutik. In einem Sammelband erlebt man, wie Paul Ricœur sich Freuds Psychoanalyse aneignet.

Von Fritz Göttler

Eine Nähe und eine Distanz zugleich ist in diesen Texten zu spüren. Sie sind ganz nah an Freuds Aufsätzen, die sie zusammenbringen mit Phänomenologie und Religion, Theologie und Moral, Kunst und Lebenserzählung, aber sie wollen Freud dann doch nicht das letzte Wort lassen. Paul Ricœur (1913-2005) ist der französische Philosoph der Hermeneutik par excellence, "Die Interpretation. Ein Versuch über Freud" hieß sein Großwerk von 1965. "Jede Interpretation geht, wie Schleiermacher sagte, zunächst vom Missverstehen aus", schreibt er nun im Aufsatz "Psychoanalyse und Hermeneutik": "Hier haben wir die Grundlage für das, was ich an früherer Stelle die 'Hermeneutik des Verdachts' genannt habe; wir dürfen nie darin nachlassen, ihn bei der Wiedergewinnung des Sinns zu berücksichtigen . . . Unser Selbstverstehen muss von der Selbstaufgabe ausgehen, wir müssen uns von der selbstgefälligen Vorstellung verabschieden, dass uns der Sinn unmittelbar zugänglich ist."

In den Sechzigern leitete Ricœur die philosophische Fakultät der Universität Nanterre, 1969 wurde er dort von radikalen Linken beschimpft und attackiert, trat zurück. Die nächsten Jahre lehrte er vermehrt in den USA. Der Aufsatz "Psychoanalyse und Hermeneutik" ist in den Siebzigern in japanischer Sprache erschienen.

Das Kunstwerk begnügt sich, das Objekt der Begierde zu zeigen

Das magistrale Buch "Die Interpretation" führte zu einem Streit mit Jacques Lacan, der ihm vorwarf, abgeschrieben zu haben. Aber ihm und den anderen Strukturalisten, die die Moderne durch das Ende des Individuums erklären - und sich dafür auch auf die Psychoanalyse Freuds berufen -, wollte Ricœur nicht folgen. Er nimmt die Psychoanalyse konstruktiv, liest Freuds Beschreibungen von Es, Ich und Über-Ich, von Traumarbeit, Triebverzicht und Sublimierung kulturoptimistisch und in Zusammenhang mit der Sinnproduktion des Menschen. Für den Hermeneutiker Ricœur stecken in den Fakten und in der Wirklichkeit immer auch Momente von Fiktion. Und das große Projekt jedes Menschen besteht darin, sein Leben in eine Erzählung zu verwandeln - ein Weg vom frühen Narzissmus zur Narrativität. In der Kunst gewinnt dies eine ganz eigene materielle Performativität, die Ricœur, mit Anklängen an Heidegger und Sartre, aus Freuds "Der Moses des Michelangelo" und "Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci" zieht und die ihn tief in den Strukturalismus zurückführt - eine Bewegung, die vor der Mona Lisa und ihrem Lächeln endet. "Das Kunstwerk begnügt sich nicht damit, das Objekt der Begierde zu zeigen . . . Die Phantasie ist bereits der Ersatz einer nicht mehr anwesenden Vorstellung; ihre einzige Gegenwart ist die, die der Künstler schafft; das wahre Lächeln, das wir vergeblich suchen, ist nicht hinter einem realen Ereignis zu finden, das wiederbelebt werden könnte: Es ist vor uns, auf der Leinwand."

Paul Ricœur: Über Psychoanalyse. Schriften und Vorträge. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ellen Reinke. Zusammengestellt von Catherine Goldstein und Jean-Louis Schlegel unter Mitarbeit von Mireille Delbraccio. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016. 321 Seiten, 32,90 Euro.

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SZ vom 18.07.2016
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