Süddeutsche Zeitung

Posthumes Buch des Popkritikers Mark Fisher:Großer Navigator

Dystopisch-anklagend, aber doch immer die Alternativen im Blick: Gesammelte Blog-Einträge und Zeitungstexte des unersetzlichen britischen Pop-Denkers und Kapitalismus­kritikers Mark Fisher.

Von Tobias Obermeier

Als "Batman Begins", der erste Teil von Christopher Nolans Batman-Trilogie, 2005 in die Kinos kam, war der Film für viele nichts weiter als perfekt inszeniertes Hollywoodkino. Mark Fisher sah darin Bedeutenderes - nämlich ein politökonomisches Problem: "Das Faszinierende der jüngsten Batman-Verfilmung liegt in der zaghaften Rückkehr zur Frage nach dem Guten. Der Film gehört immer noch zur ,Restauration', insofern als dass er sich nichts jenseits des Kapitalismus vorstellen kann. Er dämonisiert eine bestimmte Form des Kapitalismus - das postfordistische Finanzkapital - und nicht den Kapitalismus an sich." In Beobachtungen wie dieser verband Fisher wie kein anderer Gedanken zur Popkultur mit Philosophie, Ökonomie und Politik.

Durch seinen frühen Tod im Januar 2017 verlor der Popdiskurs eine seiner großen kritischen Stimmen. Fisher war Kulturwissenschaftler, Journalist, Verlagsgründer und Blogger. Mit "k-punk: Ausgewählte Schriften 2004-2016" ist nun sein letztes posthum veröffentlichtes Buch in deutscher Übersetzung erschienen. Darin sind neben einer Vielzahl seiner Blogeinträge auch die wichtigsten Texte Fishers aus Magazinen und Zeitungen wie dem Guardian oder Wire versammelt.

Seinen Blog startete Fisher 2003. Mit großer Liebe zu Nische und Mainstream gleichermaßen schrieb er darin kulturkritisch über Film, Literatur, Musik und Gesellschaft. In den Nullerjahren war k-punk einer der einflussreichsten britischen Pop-Blogs. Simon Reynolds, Musikjournalist und Freund Fishers, beschreibt den Blog im Vorwort des Buchs als "One-Man-Magazine", das für ihn wichtiger gewesen sei als jedes andere britische Magazin. Viele der Artikel sind Besprechungen oder kurze Essays, die ein Thema anreißen oder kommentieren. K-punk war die Baustelle eines Denkers, der seine Gedanken nach und nach zusammenträgt, um sie später ausgereift in Buchform zu bringen. Ein Kernelement seines Schreibens war es, die verschiedensten Ausprägungen des digitalen Kapitalismus mit einer Kultur zusammenzudenken, der die Zukunft verloren gegangen ist. Für den Schriftsteller David Peace war er der "vertrauenswürdigste Navigator in unseren aus den Fugen geratenen Zeiten".

Fishers Verdienst war es dabei, eine Brücke zu schlagen, zwischen Ästhetik, Politik, Kritik und Aktivismus - wenn er etwa in der Literaturverfilmung "Die Tribute von Panem" fasziniert eine "an Punk erinnernde Immanenz" entdeckt, die er "bei einem Kulturprodukt lange nicht mehr gesehen habe", oder wenn er in der Musik des Rap-Superstars Drake das Muster der existenziellen Leere und Traurigkeit des hedonistischen Individuums erkennt.

Trotz seiner dystopisch-anklagenden Analysen von Popkultur und Gesellschaft verlor Fisher nie den Blick für eine Alternative zum für ihn deprimierenden Status Quo. Als er seinen Kampf gegen die Depression verlor, schrieb er gerade an seinem neuen Buchprojekt "Acid Communism", in dem er das utopische Potential der Gegenkultur der 1960er ergründen wollte. "k-punk: Ausgewählte Schriften 2004-2016" endet mit dessen unfertiger Einleitung.

Mark Fisher: K-punk. Ausgewählte Schriften 2004-2016. Aus dem Englischen von Robert Zwarg. Mit einem Vorwort von Simon Reynolds. Edition Tiamat, Berlin 2020. 622 Seiten, 24 Euro.

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Quelle:
SZ vom 11.03.2020
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