Süddeutsche Zeitung

Pop:Unterwegs zur Wahrheit

Die New Yorker Musikerin Amanda Palmer stellt sich den dunklen Seiten ihres Lebens: Sie singt über Tod, Fehlgeburt und Abtreibung und verspricht trotzdem eine wirklich lustige Show in München

Wenn der New Yorker Musikerin Amanda Palmer etwas enorm wichtig ist im Gespräch mit dem Münchner Journalisten, ruft sie es auf Deutsch ins Telefon - wie ein Ausrufezeichen: "Du musst dir das anschauen!" Damit meint sie zum Beispiel ein Youtube-Video von Bill Hicks aus dem Jahr 1992, in dem der Komiker den schlappschwänzigen US-Pop der damals beliebten Boygroup New Kids On The Block verhöhnt. Dass Palmer manchmal deutsch redet, schafft Vertrauen, es ist keine Masche, sie studierte ein paar Semester Germanistik in Heidelberg, Köln und vor allem Regensburg.

Eine prägende Zeit für ihre darauf folgende Karriere als Musikerin. "Bis dahin hörte ich The Cure und Depeche Mode", wie alle melancholischen Teenager. Aber ihr damaliger fester Freund, der heute noch in München lebt, war ein Musik-Besessener, er weihte sie ein in die romantisch-abseitige Musik von Nick Cave, machte sie mit deutschsprachigen Künstlern vertraut wie Grauzone, Andreas Dorau, Georg Kreisler, der Avantgarde, dem Varieté und den Theaterliedern von Weill und Brecht. Ein melancholischer Mix aus all dem, aufgekocht mit der Wut des Punk, verschaffte der exzentrisch kostümierten Performerin dann zurück in den USA Gehör auf Straßen und in Parks und letztlich den Durchbruch mit ihrem "Brechtian Punk Cabaret"-Duo The Dresden Dolls.

Das ist fast 20 Jahre her. Amanda Palmer ist nun 43 und nicht ruhiger geworden, vielmehr ist in ihrem Leben und der Kunst zuletzt alles eskaliert. Das gipfelt in ihrem neuen Opus "There Will Be No Intermission" (Es gibt keine Unterbrechung), ihrem ersten Solo-Album seit "Theatre Is Evil" vor acht Jahren. Dass es nicht leicht werden würde, zeigt der Arbeitstitel: "The Saddest Album In The World". Natürlich ist alles auch ein politischer Kampf gegen Trumps Amerika, aber vor allem legt sie darauf ihre Seelenpein offen. Die Wahrheit über sich zu offenbaren und die eigenen Erfahrungen zu schildern, sei immer noch die wichtigste Waffe der Frauen. So erzählt sie von Abtreibungen, Fehlgeburt, dem Krebstod ihres besten, väterlichen Freundes und den dunklen Seiten des Mama-Seins. Da gesteht sie in "Mother's Confession", den Bekenntnissen einer Mutter, in etlichen Episoden, in welches moralischen Dilemma man mit einem Neugeborenen geraten kann, wenn man etwa einen Ladendiebstahl mit einer elterlichen Zwangslage rechtfertigt.

All die durchlittenen Gefühle zerrt Amanda Palmer auf der Tournee wieder an die Oberfläche, nicht nur der Authentizität wegen, sondern als Eigentherapie: "Ich kann gar nicht sagen, wie heilsam es ist, auf die Bühne zu gehen und bildreich von Verlust und Trauer zu singen, und dann sehe ich im Publikum hundert Leute weinen, nicht wegen meiner Geschichte, sondern weil sie ihre eigene damit verbinden." Unterhaltsame Kunst sei schon auch okay, findet Palmer, aber die ureigene Aufgabe der Künstler sei es doch vielmehr von Anbeginn der Menschheit an gewesen, einen Raum zu schaffen und zu halten für die ganzen emotionalen Erfahrungen des eigenen Stammes. "Wir Menschen sind wahnsinnig schlecht darin, mit der Trauer und dem Verlust der anderen umzugehen." Sie habe das nach ihren Fehlgeburten erlebt, dass selbst Freunde zu ihr sagten: "Du hast eine Woche getrauert, jetzt ist es aber wieder gut, geh wieder an die Arbeit." In einem zum Album herausgegebenen Bildband zeigt sie sich mit prallem Schwangerenbauch - das Bild entstand kurz vor ihrer Fehlgeburt. Sie hat auch abgetrieben, weiß also, dass andere Frauen, die sich dazu durchringen, kein Mitleid zu erwarten haben. In "Voicemail For Jill" hinterlässt sie einer Freundin eine Botschaft: "Das Leben ist eine Schlampe", singt sie da, "wenn du ein Kind bekommst, schmeißen dir die Leute eine Party, aber jetzt bringt dir keiner einen Kuchen vorbei."

Sie hat schon mit den Dresden Dolls schwarzhumorig über Abtreibungen gesungen, aber nie derart persönlich. "Vor 15 Jahren hätte ich so ein Album nicht machen können", sagt sie, "ich hätte viel zu viel Angst gehabt vor dem Publikum." Seit ihrem Crowdfunding für ein Radiohead-Ukulele-Coveralbum von 2012 hat sich Palmer aber eine verlässliche Unterstützerschaft, ihre 12000 "Patrons", aufgebaut, die ihr Geld für Wohnzimmerkonzerte bezahlen und neue Platten finanzieren, aber ebenso Inhalte liefern (diesmal versammelt im Song "The Ride"). "Sie geben mir Rückendeckung, ich habe keine Angst mehr, die Wahrheit auszusprechen, egal wie verrückt sie klingt."

Trotzdem wird es hart bei den Konzerten, für sie und das Publikum. "Es ist sehr intensiv, was ich durchlebe, ich werde das nicht noch einmal so machen. Deswegen habe ich so gründlich wie noch nie über die Tour nachgedacht. "Ich werde ausnahmsweise auch keine Fans besuchen, um ihre Katze zu streicheln, ich bleibe danach im Hotel." Es wird keine Vorband geben, keine Begleitmusiker. Nur Palmer, ihr Klavier und ihre Instrumente. Aber eines verspricht sie: "Es wird sehr lustig, fast schon Stand-up-Comedy." Das habe sie von ihrem, ebenfalls verstorbenen, Freund Bill Hicks gelernt. Alles sei so verflucht duster, dass sie es mit Humor verkleiden müsse, um es zu ertragen, sagt sie und fügt auf Deutsch hinzu: "Die Show ist wirklich, wirklich lustig!"

Amanda Palmer, Mittwoch, 11. September, 20 Uhr, Alte Kongresshalle

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SZ vom 11.09.2019
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