Süddeutsche Zeitung

Fünf Favoriten der Woche:Künstlerische Care-Arbeit

Ein neuer, alter Comic von Maurice Tillieux, eine Schale in der Münchner Antikensammlung, was von "Pink Floyd", die Ausstellung Cohabitation und eine Ausstellung über anonyme Briefe aus der DDR.

Von SZ_Autoren

Maurice Tillieux

Die Meister des klassischen frankobelgischen Comics, Hergé und Edgar P. Jacobs, Morris, Peyo und André Franquin, besitzen auch bei uns eine treue Leserschaft. Einer, der ihnen ebenbürtig ist, hat es dagegen immer etwas schwer gehabt: der große Maurice Tillieux, bekannt vor allem für seine 1956 begonnene Detektivserie "Gil Jourdan". Anfang der Siebziger war sie unter dem Titel "Harro und Platte" in den Comic-Magazinen des Kauka-Verlags zu Hause, als "Jeff Jordan" dann bei Carlsen; vor gut zehn Jahren erschien eine Gesamtausgabe bei Ehapa.

Dass Tillieux im deutschen Sprachraum keine große Fangemeinde gefunden hat, liegt womöglich ausgerechnet an seinen Stärken. In "Gil Jourdan" versteht er sich darauf, eine zugleich anheimelnde und latent bedrohliche Noir-Atmosphäre zu schaffen. Es ist immer noch eine Semi-Funny-Welt; aber eine, in der es Tote gibt. Als Szenarist und Zeichner gleichermaßen begabt, ging Tillieux gerne bis an die Grenze dessen, was der Jugendschutz seiner Zeit erlaubte. Allerdings besitzen seine Settings, soweit sie nicht außerhalb Europas angesiedelt sind, etwas spezifisch Französisches. Werden die Comics eingedeutscht, wie bei "Gil Jourdan" üblich, verlieren sie einen Teil ihres Zaubers. Man liest Tillieux am besten im Original. Ihn gar nicht zu lesen, ist aber natürlich auch keine Lösung. Daher ist es wunderbar, dass mit "Marc Jaguar" (Carlsen, zwei Bände, je 20 Euro) nun auch ein kurz vor "Gil Jourdan" entstandenes Werk komplett auf Deutsch vorliegt.

Jaguar ist ein Pressefotograf. In "Das Geheimnis am Forellensee" gerät er zufällig in eine kriminelle Affäre, als er in der Natur ein paar Fotos schießt. Von "Die Lastwagen des Teufels" existierten lange nur acht Seiten. Das Magazin, für das Tillieux "Marc Jaguar" erfunden hatte, war pleitegegangen. Erst vor ein paar Jahren wurde die Geschichte, in der es um internationalen Drogen- und Waffenschmuggel geht, fertiggestellt; beteiligt war François Walthery ("Natascha"). "Marc Jaguar" lädt ein zur Zeitreise in eine goldene Comic-Ära, mit seinem smarten Helden, schicken Autos, flotten Verfolgungsjagden und slapstickhaften Verkehrsunfällen. Diese gewannen allerdings einen Beigeschmack von Tragik: Mit gerade 56 Jahren verstarb Tillieux im Jahr 1978 - als sein Wagen von der Landstraße abkam, auf der Rückfahrt von einem Comic-Festival. Christoph Haas

Dionysos-Schale

Wind der Hoffnung, Wein des Augenblicks, Meer der Sehnsucht: Jetzt, am Ausgang der Corona-Ära, haben viele Menschen einen unstillbaren Durst nach Glück. Und welches Bild könnte das schöner zum Ausdruck bringen als die Dionysos-Schale des Exekias in den Münchner Antikensammlungen? Entspannt, als wäre diese Welt seine, liegt der Gott in seinem Schiffchen und lässt sich treiben. Wo andere Ziele haben, hat er den Augenblick: springende Delfine, einen Himmel voller Trauben und sein Trinkhorn, in dem der Wein ganz langsam die Leidenschaften entfacht. Der großartige Vasenmaler Exekias schuf diese Trinkschale zwischen 540 und 530 vor Christus. Vor 180 Jahren, 1841, kam sie nach Bayern - und dieses Jubiläum wäre Anlass genug, sie jetzt einmal von allen Seiten zu betrachten. Denn wer es tut, wird erleben, wie die Sehnsucht nach dem Post-Corona-Glück sich plötzlich erfüllt. Marc Hoch

"Pink Floyd" in Knebworth

Die sieben Lieder dieses Auftritts auf dem Charity Open Air von Knebworth spielten David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason im Juni 1990, nachdem sie als Rumpf von Pink Floyd schon zwei Jahre um die Welt gereist waren, stets bedroht vom emeritierten Bandgründer Roger Waters, der jeden einzelnen Auftritt seiner alten Kollegen an jedem einzelnen Ort der Welt vor dem jeweils örtlichen Gericht zu verhindern versuchte. Kein Mensch braucht nun die Knebworth-Aufnahmen von etwa "Comfortably Numb" oder "Great Gig In The Sky". Aber sind Pink-Floyd-Fans noch Menschen? Deshalb: Trotz des vergleichsweise schlunzig gespielten Solos von Gilmour bei "Comfortably Numb" wird der engere Kreis der Pink-Floyd-Fans, werden also 500 Millionen Hörer dieser Platte bemerken, dass diese Rumpfband und ihre fantastischen Gastmusiker (zum Beispiel Candy Dulfer und Clare Torry) nach zwei Jahren auf Tour sehr, sehr gut eingespielt waren. Jam-Session von Psycho-Milliardären. Gute Sache. Alexander Gorkow

Cohabitation in Berlin

Man kennt Katzensofas, vielleicht auch Metzger für Hunde. Aber ein Waffeleisen für Hundesnacks in Knochenform? Heimtierversicherungen? Sexspielzeug für Rüden? Wessen Wünsche werden da erfüllt? In ihrem Werk "Pet City", einer heimtierfixierten Wohn- und Konsumhölle, tauchen Theo Deutinger und Charlotte Kaulen tief ein in einen explodierenden Markt und in komplexe Ausbeutungsverhältnisse. Tiere, zumal Haustiere, leisten Enormes für den Menschen. Da muss man sich nur Ann Sophie Lindströms Fotos der afroamerikanischen Asphaltcowboys ("Don't Fence Me In") ansehen, Jugendliche in einem der härtesten Viertel Philadelphias, denen ein paar Pferde buchstäblich das Leben retten. Insofern ist es nur gerecht, wenn in einem Video kleine Theaterstücke für Haustiere gezeigt werden. Irgendwie muss der Mensch sich ja erkenntlich zeigen für all die Care-Arbeit.

Die Ausstellung Cohabitation der Architekturzeitschrift Arch+ im Berliner Kulturquartier Silent Green, einem ehemaligen Krematorium, trägt den Untertitel "Manifest für Solidarität", und sie zeigt einen Monat lang 30 Werke über das Zusammenleben von Tieren und Menschen in der Stadt - gefolgt von Exkursionen, Performances und Debatten. Die furchtbarsten Aspekte - Massentierhaltung, industrielle Tötung - streift die Schau nur am Rande. Aber der appellative Charakter liegt auf der Hand. Schwärme grüner Papageien ziehen in Cyprien Gaillards Film "KOE" elegante Kurven über der Düsseldorfer Innenstadt und schlafen nachts in den Platanen auf der Kö. Die einen begrüßen die einstigen Käfigvögel als interessanten Neuzugang oder immerhin als Symptom der Klimaveränderung, andere würden sie am liebsten durch Wanderfalken dezimieren. Die Stadt gehört dem Menschen schon lange nicht mehr allein, schon gar nicht Berlin, wo nicht nur der Mauerstreifen lebendige Biotope geschaffen hat, sondern auch Ruinen. Daniel Pollers Fotoserie "Endgültige Beschlussvorlage" zeigt den Hausrotschwanz, einen Gebirgsvogel, der in dem verfallenen Institut für Lehrerbildung in Potsdam nistete - und mit dem Abriss des Hauses sein Nest verlor. Zuwanderung, Klimakrise, Hygiene- und Sozialpolitik, nichts, was den Menschen bewegt, lässt Tiere unberührt. Vielleicht sollte man ihnen doch das Wahlrecht geben. Sonja Zekri

Briefe aus der DDR

Von 1949 an strahlte der "German service" der BBC fast 25 Jahre lang die Sendung "Briefe ohne Unterschrift" aus. Die Sendung forderte die DDR-Bürger auf, anonym Briefe einzusenden, in denen sie über alles schreiben sollten, das ihnen gerade auf dem Herzen lag. Über die Jahre hinweg sind bei der BBC um die 40 000 Briefe eingegangen, jeden Freitag wurden sie abends im Radio vorgelesen und diskutiert. 2017 hat die Journalistin Susanne Schädlich ein Buch über die Sendung geschrieben, das jetzt die Grundlage bildet für eine Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation. Dort erweist es sich jetzt als spätes Glück, dass die Stasi die Sendungen weitgehend mitgeschnitten hat: Diese Tonbänder sind heute die einzigen Aufnahmen, die es von der Sendung noch gibt. Die Ausstellung läuft bis zum 5. September. Felix Stephan

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