Süddeutsche Zeitung

Opernfestspiele:Zum Beispiel Verona

In der Arena von Verona ist alles sehr groß und spektakulär - nur das Gewitter ist im Zweifel noch größer.

Anfang Juli, Opernfestspiele in der Arena von Verona. Gegeben wird Georges Bizets "Carmen". Die fast 2000 Jahre alten Steinquader sorgen dafür, dass es auch spät nachts in dem Amphitheater noch 30 Grad warm ist. Bauchladenhändler verkaufen Bier und Cola, als würden hier gleich Metallica oder der FC Bayern einlaufen. Die Forderung am Eingang und auf der Website, man möge bitte in Abendgarderobe erscheinen, muss Teil der Inszenierung des Opernabends sein und hat für die Besucher deshalb nur sehr eingeschränkte Gültigkeit. Natürlich kann hier jeder in Flip-Flops, kurzer Hose und Tanktop sein Bier aus Plastikbechern schlürfen. Nur wenige verirren sich tatsächlich in viel zu warmer Abendgarderobe auf die glühenden Steinstufen. Open-Air-Veranstaltungen jeder Art sind sich darin ähnlich, dass tendenziell mehr erlaubt ist als in geschlossenen Konzerthallen. Das gilt für die Zuschauer, aber auch die Künstler. In Verona behauptet man, die größte Opernbühne der Welt zu bespielen. Klar, draußen ist halt immer mehr Platz als in Opernhäusern aus dem vorletzten Jahrhundert. Dabei hat das gar nicht nur Vorteile. In Verona ist die Bühne aber wirklich sehr groß, problemlos können mehr als hundert Statisten in den Kulissen herumlungern, ohne den Lastwagen, Pferden und Motorrädern in der Mitte der Bühne ihren Auftritt streitig zu machen. Ständig ist irgendwo etwas los, wird geschossen, gezankt und geraucht, teilweise wirkt es, als würde am einen Ende der Bühne noch die Kulisse des aktuellen Aktes auf- und am anderen Ende schon wieder abgebaut, weil man sonst nicht fertig werden würde.

Open Air tendiert immer zum harmlosen Spektakel. Subtiles funktioniert auf riesigen Bühnen unter freiem Himmel und vor einem Publikum in Picknicklaune kaum. Alles muss ein bisschen mehr und ein bisschen größer sein, was die Probleme der Veranstalter durch das immer unberechenbarer werdende Wetter der letzten Jahre noch verschärft hat. Denn wenn die Sommernacht nicht so heiß bleibt wie erwartet, müssen mal eben Hunderte Sänger, Statisten sowie Musiker mit ihren Instrumenten in Sicherheit gebracht werden, dazu Tausende Zuschauer. In Verona werden Vorstellungen bei Gewitter für bis zu zweieinhalb Stunden unterbrochen oder verschoben, was das Ende der Aufführung durchaus bis spät in die Nacht verschieben kann. Open Air ist auch immer Abenteuer, zumindest im bürgerlichen Maßstab. Ständig könnte alles ins Wasser fallen. Beim ersten Wetterleuchten über Verona springen deshalb Dutzende Zuschauer sofort auf und fliehen aus der Arena. Wetter ist ja notorisch unberechenbar und eignet sich deshalb auch als Entschuldigung zum sofortigen Abbruch des Kulturprogramms. Die Bauchladenverkäufer stellen ihr Sortiment blitzschnell auf Regencapes um. Manche haben das Unwetter einkalkuliert.

Die wirkliche Gefahr für das Bühnenspektakel an diesem Abend ist aber kein Platzregen, sondern dass die zuckenden Blitze und dunklen Wolken der arg braven, stets tourismuskompatiblen Inszenierung Konkurrenz machen. Die Natur ist im Zweifel doch das größte Spektakel.

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Quelle:
SZ vom 19.07.2019
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