Süddeutsche Zeitung

Neues Album von Vampire Weekend:Natürlich nicht, was man erwartet hatte

Nennst du sie böswillig Preppie-Popper, reagieren sie völlig leidenschaftslos: Vampire Weekend. "Never complain, never explain", das alte Windsor-Motto gilt den Klugen auch im Pop. Nun liefert die Band mit "Modern Vampires Of The City" ein neues Album von ergreifender Richtigkeit ab.

Von Max Scharnigg

Es wird in der Zukunft noch mindestens einen wunderschönen Moment geben. Die New Yorker Band Vampire Weekend wird da im späten Honiglicht irgendeines Festivals spielen, vor zehntausend glücklichen Menschen; die Abendsonne wird sich perfekt auf den Beschlägen von Ezra Koenigs Gitarre und den Chromapplikationen des Drumkits spiegeln. Und gerade in dem Moment, in dem die Gläser ihrer Oliver-Peoples-Brillen endgültig in Sonnenflammen aufgehen und die letzten Töne von "Step" in die warme Fliederluft ziehen, genau dann wird Ezra Koenig seine Gitarre nehmen und sie leise und gründlich zerschlagen, er wird alles zerstören, und auf den letzten Rückkopplungen wird die Band im plötzlich einbrechenden Dunkel für immer verschwinden und das war er dann, der wunderschöne Moment.

Eventuell wird dann eine neue Jugendbewegung entstehen, endlich, nach den sinnlosen Punks, den dämlichen Slackern und den allzu ernsten Folk-Hipstern wird sich im Andenken an Ezra Koenig ein neuer, idealer Jungmensch formen: post-kapitalistisch gebildet, früh ausgeglichen und vielseitig interessiert und vor allem versehen mit einer geistigen Anmut, die ihn nie dogmatisch handeln, sondern sich im richtigen Moment für das Richtige entscheiden lässt, selbst wenn es die Selbstauslöschung beträfe.

Neben vielen anderen Talenten verfügen Vampire Weekend über diese Fähigkeit der wirklich reifen Entscheidung - schon seit ihrem unbetitelten Debüt. Es schlug mit einer Handvoll locker aus der Hüfte gewürfelten Hits eine so heilsame Bresche in den lange pathologisch an sich selbst leidenden Indiepop, dass man (noch ganz der alte Mensch) akribisch nach Erklärungen für diese wundersame Gabe aus der Hand von vier Bengeln suchte. Die Texte über Diplomatentöchter und das Oxforder Komma, ihre gebügelten Polohemden und Khaki-Shorts, insgesamt die geistige Herkunft aus der Ivy-League, das alles schien die Begeisterung über die frühen Vampire Weekend dann in etwa der Art dämpfen zu können, wie seinerzeit die Barbour-Jacke die ersten Rezeptionen von Krachts Faserland dämpfen konnte.

Die Band (und Kracht damals übrigens auch) verhielt sich dieser angetragenen Schnösel-Schematik, dieser üblen Nachrede von Preppie-Pop und WASP-Propaganda gegenüber völlig leidenschaftslos. Never complain, never explain - das alte Windsor-Motto gilt den Klugen auch im Pop. Mal traten sie in bester Ostküsten-Uniform auf die Bühne, mal in unmöglichen T-Shirts und Hawaiihemden. Und das hielt sie mindestens so rasend interessant wie die Entscheidung, das darauf folgende Album "Contra" zwar mit einer rehäugigen College-Schönheit in Ralph Lauren zu schmücken, inhaltlich aber zu einem weltmusikalisch orgelnden, irgendwie afrikanisch-manieriertem Stück Musik zu machen.

Es waren nur Ezras prägnanter Gesang und seine komisch kieksende Gitarre, die damals noch vom ersten Album übrig waren - und die ständige Bereitschaft, einem perfekten Song in der Mitte ein Bein abzunehmen und ihn dann nur noch zum Schlag einer blechernen Off-Beat-Snare im Kreis humpeln zu lassen. So funktioniert der Humor von Vampire Weekend, ein bisschen wie die Späße der Geheimbünde an den Eliteunis. Ihr Genie besteht darin, dass sie trotz dieses kosmopolitischen Diffundierens noch keinen einzigen schlechten Song veröffentlicht haben. Selbst das Humpeln findet bei ihnen in vollendeter Ästhetik statt, es ist nur niemals die Ästhetik, die man als Hörer erwartet hat.

Wohliges Flirren

Die Sehnsucht der Herzen nach ihrem neuen Album war also entsprechend groß, sie ließ sich festmachen an einem wohligen Flirren, das einen ergriff, wann immer man das Wort New York in Serifenschrift gedruckt sah oder ein zerschlissenes, graues Gap-Sweatshirt in die Altkleidersammlung gab. Und die ersten Signale waren durchaus kolossal: Aufgenommen würde die Platte zum Teil auf Martha's Vineyard, jenem kleinen Hamptons-Hideout, wo die New Yorker Reichen im Sommer barfuß zum Hummeressen gehen und dabei an die Kennedys gleich um die Ecke in Hyannisport denken.

Als später das erste Video gestreut wurde, war es eine Performance von ergreifender Richtigkeit. Obwohl eigentlich zu den Klängen der Single "Diane Young" brannte da irgendwie lautlos ein Saab 900 Cabrio, dieser größte gemeinsame Nenner aller Intellektuellen, Künstler und Lohas, dieser schönste Saab aller Zeiten. Sie hatten ihn einfach angezündet und ließen ihn brennen, begleitet von einem absurden Song, in dem sich Koenig durch die Tonlagen echote wie ein kaputter Disco-Lautsprecher. Da saß alles gleichzeitig auf der Rückbank, Punk, Slack und die Urbanisten - und loderte.

Natürlich Aufschrei, natürlich beschwerten sich die Alt-Hipster und gutbürgerlichen Saab-Freunde über die Zerstörung ihres liebsten Kulturgutes, und Ezra Koenig fiel daraufhin die besten Replik ein, die man in diesem Fall geben kann: Man habe einfach ein altes Auto genommen, sorry. Das sind genau der Schalk und die Nonchalance, die lange keine Band mehr in ihrem Popverständnis transportierte, im Lied selbst findet sich dazu natürlich doch eine Textzeile: "You torched a Saab like a pile of leaves, I'd gone to find some better wheels." Der brennende Saab, die kaputte Disco, der Angriff auf diese ganze Bräsigkeit der Konsumintellektuellen - "Diane Young" ist kein großer Hit, aber es ist große Videokunst, die eines Tages in der Lobby irgendeines Museums zu sehen sein wird, vielhundertfach auf Flachbildschirmen von Samsung.

Und es wird dann nichts anderes sein als das Denkmal für den armen, weißen Mann in der Kultur, der nichts mehr zu sagen hat. Sie tragen ihn auf "Modern Vampires Of The City" in mehreren Lieder zu Grabe, wobei immer offen ist, ob die Jungs an der Grenze zu ihrem 30. Geburtstag nicht eigentlich nur sich selbst damit meinen.

Statt Weltmusik und Hula-Pop weht diesmal jedenfalls eine kirchenmusikalische Romantik durch die Instrumentierung, da ist immer wieder ein träumerisches Cembalo und sanft streichende Choräle, Zimbeln und Flöten. Koenigs neckisches Gitarrenspiel, die vertrackten Bassläufe von Chris Bajo fehlen hier völlig, aber es orgelt allerorten unwiderstehlich, besonders schön zum Beispiel im Song "Step".

Abgekochter und geradliniger war städtische Melancholie schon lange nicht mehr, Ezra besingt, bedichtet und präzisiert mit seinen nebensächlichen Beobachtungen den vagen Schmerz des Älterwerdens. Die Band wiegt sich dazu mal in einem Walzerpop, mal in süßer Kopulation mit Barockthemen. Es ist - natürlich - wieder nicht die Platte geworden, die man erwartet hatte, kein großes Sommerstück für die Hamptons, sondern etwas kränkliche und kunstvoll verdunkelte New Yorker Elegien. Es wäre schön, wenn Ezra Koenig als nächstes ein Buch mit Kurzgeschichten verfasst. Ein Buch lässt sich zwar nicht sehr gut auf der Bühne kaputt schlagen, aber es würde auch die Menschen erreichen, die leider nicht mehr an eine Weltverbesserung durch Popmusik glauben.

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Quelle:
SZ vom 04.05.2013/ihe
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