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Neue Farbe "Vantablack":Schwärzer als jedes Schwarz zuvor

Der Künstler Anish Kapoor hat die alleinigen Nutzungsrechte an einem neu entwickelten Schwarz erworben. Sehr zum Ärger seiner Künstlerkollegen.

Wenn du lange genug in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Das schrieb Friedrich Nietzsche vor langer Zeit und meinte es eher philosophisch-psychologisch. Jetzt aber kann man diesen ewigen Abgrund malen. Und zwar mithilfe der neu entwickelten Farbe "Vantablack". Allerdings kann das nicht jeder, denn der Hersteller hat die Exklusivrechte an einen einzigen Künstler verkauft.

"Alle großen Künstler in der Vergangenheit waren fasziniert von der Farbe Schwarz", sagt der Maler Christian Furr der britischen Zeitung Mail on Sunday. Er durfte 1995 als bisher jüngster Künstler die Queen porträtieren. Furr ärgert sich nun darüber, dass die Firma Surrey NanoSystems die Exklusivrechte an ihrer Erfindung Vantablack nun an den Künstler Anish Kapoor vergeben hat.

Dabei passt dieses besondere Schwarz gut in Kapoors Werk. Seine Werke spielen häufig mit Farben, vor allem mit der Einfarbigkeit. Zum Beispiel bemalte er eine Vertiefung in der Wand so, dass es wirkt, als stehe man vor einer einfarbigen Fläche. Als sein wohl größtes Werk hat er für die Olympischen Spiele den Orbit Tower in London entworfen.

Dunkler ist kein menschengemachtes Material

Kapoor ist ein erfolgreicher Künstler, sein Name hat Strahlkraft. Und zwar sehr viel mehr als Vantablack. Die Farbe absorbiert nämlich über 99,96% allen Lichts. Das neue Schwarz ist damit schwärzer als jedes Schwarz, das man bisher zu Gesicht bekommen hat, nur ein wenig heller als ein schwarzes Loch. Eine Oberfläche, die mit ihr bearbeitet wurde, verliert für das menschliche Auge jede Kontur. Es scheint, als schaue man ins Nichts, in ein Loch. Man kann Vantablack im Prinzip nicht sehen. Dunkler ist kein menschengemachtes Material.

Nun ist Vantablack nicht so sehr eine Farbe, sondern ein hochmodernes High-Tech-Material. Es besteht aus vertikal aufgerichteten Kohlenstoffstäbchen, je ein Atom breit. In sie fällt Licht, das zwischen den Stäben hin und her springt, bis es vollständig absorbiert wird. Vergleichbar ist das mit der Dunkelheit in einem Wald, dessen Bäume aber drei Kilometer hoch sind - sehr dunkel also. Hergestellt wurde Vanta (Vertically Aligned Nano Tube Array) Black ursprünglich für High-Tech-Anwendungen - vor allem in der Raumfahrt und für Kriegsgerät.

Die Bekanntgabe der neuen "Farbe" hat aber nicht nur die Militärs in aller Welt interessiert, sondern auch die Kunstwelt. Surrey NanoSystems hat Vantablack im Sommer 2014 vorgestellt. Kurz danach hat Anish Kapoor bereits geheimnisvoll selbstbewusst bekanntgegeben, dass er damit rechne, bald mit dem Material arbeiten zu können. Damit begann er noch im selben Jahr.

Exklusivität ist teuer

Jetzt darf es niemand sonst mehr. Im Bereich der Kunst habe Kapoor nun die exklusiven Nutzungsrechte, in anderen Bereichen dürfe es aber weiter verwendet werden, teilte Surrey NanoSystems mit. Natürlich werden Kapoors Kollegen da gelb vor Neid, manche auch grün. Aber neben den Nutzungsrechten gibt es einen weiteren limitierenden Faktor zwischen Künstlern und dem Zugang zum Material: die Kosten. Den genauen Preis verrät Surrey NanoSystems nicht - aus Sorge um die militärische Sicherheit. Doch hat Kapoor schon allein wegen seines Vermögens von rund 130 Millionen Pfund einen entscheidenden Vorteil gegenüber den meisten seiner Konkurrenten.

Zuletzt hat Yves Klein 1960 eine Farbe patentieren lassen, die dann kein anderer Künstler nutzen durfte. Auch hier war Wissenschaft am Werk. Das tiefe Ultramarin, angelehnt an den azurblauen Himmel über Nizzas Strand entwickelte er zusammen mit einem Apotheker und einem Chemiker. Er nannte es International Klein Blue und es hat bis heute nichts von seiner Einzigartigkeit verloren.

Die Kunst fungiert bei Vantablack aber wohl eher als Aushängeschild. Wirklich profitabel vermarkten lässt sich das Material, das im Labor hergestellt werden muss, anderswo. Es soll vor allem Anwendung bei der Tarnung von Flugzeugen und Satelliten finden und auch die Genauigkeit von Teleskopen erhöhen. Bei derartigen Kunden dürfte der Preis eine untergeordnete Rolle spielen.

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